«Miteinander und füreinander unterwegs» 

Ein ermutigendes Beispiel, wie die ärztliche Grundversorgung in der Gemeinde gesichert werden kann

Interview mit Dr. Andreas Rohner* und Emil Aerne*

sl. Im Gesundheitswesen liegt manches im Argen: fehlendes Pflegepersonal in den Spitälern,¹ steigende Krankenkassenprämien, verschuldete hochspezialisierte Zentrumsspitäler, Schliessung der Landspitäler und Hausärzte im Pensionsalter, die insbesondere auf dem Land keine Nachfolger finden.

2010 stand auch die Toggenburger Gemeinde Ebnat-Kappel vor einem drohenden Engpass der hausärztlichen Versorgung. Dr. Andreas Rohner, damaliger Hausarzt, und Emil Aerne, Präsident der «Genossenschaft Ärztliche Gemeinschafts­praxis Ebnat-Kappel», sind überzeugt, dass jammern nichts bringt.

Sie haben zusammen mit anderen Bürgern die Initiative ergriffen und damit ein Vorbild statuiert, wie man den drohenden Kollaps der hausärztlichen Grundversorgung ohne politische Unterstützung oder Hilfe eines Investors erfolgreich abwenden kann. Wie sie das geschafft haben, wie man dem negativen Image des Landarztes und der Schliessung weiterer Regionalspitäler entgegenwirken und im Gesundheitswesen Kosten einsparen könnte, erörtern sie im folgenden Gespräch.  

Zeitgeschehen im Fokus Warum drohte der hausärztlichen Versorgung in Ebnat-Kappel 2010 der Kollaps? Was war die Ausgangslage?

Dr. Andreas Rohner Alles begann schon 2007, als einer der Hausärzte in Ebnat-Kappel pensioniert wurde, ohne einen Nachfolger gefunden zu haben. 2010 wurde die Situation dann akut, da auch ein weiterer Arztkollege vor der Pensionierung stand, und ich plante, 2016 in Pension zu gehen. Ich nahm deshalb mit einer bereits bestehenden Gruppe von Bürgern – unter ihnen Emil Aerne –, Kontakt auf.

(Bild sl)

Diese Gruppe machte sich Gedanken zu den Problemfeldern im Dorf. Wir stellten fest, dass es für einen jungen Arzt nicht mehr attraktiv war, eine Landarztpraxis zu übernehmen: Er muss für rund eine Million Franken Praxis- und Wohngebäude erwerben und zudem in die Modernisierung der Apparaturen investieren. Zudem  ziehen junge Ärzte die Arbeit im Team dem Einzelkämpfertum vor, und Ärztinnen suchen eher Teilzeitstellen, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. 

Welche Schlüsse haben Sie aus dieser Analyse gezogen?

Unser Ziel war es, den jungen Ärzten einen Berufseinstieg ohne Verschuldung zu ermöglichen und ihnen Praxisräumlichkeiten und moderne medizinische Infrastruktur zu einer bezahlbaren Miete zur Verfügung zu stellen. Zwei bis drei Einzelpraxen sollten in der Liegenschaft Platz haben, um den fachlichen Austausch vor Ort zu gewährleisten. Die teuren medizinischen Geräte können so von allen Ärzten der Liegenschaft gemeinsam genutzt werden.

Um dieses Ziel zu erreichen, haben Sie 2010 die «Genossenschaft Ärztliche Gemeinschaftspraxis Ebnat-Kappel» gegründet. Warum haben Sie diese Organisationsform gewählt?

Emil Aerne Die Form der Genossenschaft bot sich an, da wir weder über Kapital noch über eine Liegenschaft verfügten. Wir wollten unabhängig bleiben von der politischen Gemeinde, den Parteien, von einem Investor oder einer Krankenkasse. Die Genossenschaft ist nicht gewinnorientiert wie zum Beispiel eine Aktiengesellschaft, sondern gemeinnützig. Jeder Genossenschafter hat eine Stimme, unabhängig davon, wie viele Anteilscheine er besitzt.

Für uns war klar, dass das Projekt selbsttragend sein musste. Es galt, die Patienten zum Mitdenken zu motivieren und sie als Genossenschafter zu gewinnen. Patientinnen und Patienten müssen im Grunde dafür besorgt sein, den Arzt zu suchen, ihn einzuladen und willkommen zu heissen, denn der Patient braucht in erster Linie den Arzt und nicht der Arzt die Patienten!

Diese Aufgabe der Arztsuche und der Bereitstellung der entsprechenden Räumlichkeiten mit notwendiger Infrastruktur ist nur gemeinsam und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln möglich. Wir mussten alle zusammenstehen – als Team, als Dorfgemeinschaft, als Genossenschaft. 

Wie haben Sie die Patienten für ihre Idee gewinnen können?

Dr. Andreas Rohner Aufgrund des bereits bestehenden Hausärztemangels in Ebnat-Kappel gab es in meiner Praxis längere Wartezeiten. Deshalb verfasste ich monatlich eine «Wartezeitung» und legte sie in meinem Patienten-Wartezimmer auf, als optimale Kommunikationsmöglichkeit mit meinen Patienten.

Darin konnte ich sie unter anderem auf die drohende prekäre Situation der ärztlichen Grundversorgung in unserer Gemeinde aufmerksam machen. Engagierte Menschen sind wichtiger als Finanzquellen. Das habe ich in meiner 15-jährigen Tätigkeit in einem Spital in Südangola gelernt, wo wir mit wenig Mitteln innovative Lösungen finden mussten. Auch der Bankdirektor der Clientis-Bank im Dorf erfuhr über die «Wartezeitung» von unserer Idee und war begeistert. Er sicherte uns seine Unterstützung zu. 

Emil Aerne Man muss wissen, dass die Clientis-Bank auch genossenschaftlich organisiert ist. 

Es bestand also eine ideelle Nähe zu Ihrem Projekt. Wie sah die Unterstützung aus?

Dr. Andreas Rohner Der Bankdirektor sah die Notwendigkeit eines Neubaus und versprach uns, diesen auch finanziell zu unterstützen. Er verlange im Falle einer Gebäudeinvestition nur 10 Prozent Eigenkapital. Zudem sei er bereit, Genossenschaftsanteilscheine zu zeichnen. Er würde 10 Prozent des Betrags zeichnen, den die übrigen Genossenschafter gemeinsam zeichnen würden. Das heisst, wenn wir 2000 Genossenschaftsanteile ausgeben können, dann gibt er 200 dazu. Dieses Vertrauensverhältnis zur regionalen Bank war ganz zentral.

Nun galt es, eine geeignete Liegenschaft oder ein Grundstück zu finden. Trotz intensiver Suche fanden wir nichts. Ich war 2010 nahe dran, aufzugeben. Eine Woche später bekam ich einen Anruf von Dr. Daniel Rosa, der sich für das Modell der Genossenschaftspraxis interessierte. Er sagte: «Ich komme nach Ebnat-Kappel, wenn das Projekt bis 2012 steht. Dann bin ich mit meiner Ausbildung fertig.» Wir hatten also zwei Jahre Zeit.

Da kein Land zu finden war, fragte ich die Besitzerin der Liegenschaft, in der ich mit meiner Praxis eingemietet war, ob sie uns die 150-jährige Liegenschaft für das Projekt verkaufen würde. Wir hätten allerdings gar kein Geld. Die Bank würde die bestehenden Hypotheken auf der Liegenschaft für uns übernehmen. Den restlichen Betrag des Kaufpreises würden wir ihr statt in Kapital in Genossenschaftsanteilscheinen bezahlen. Ob sie bereit wäre, diesen Drittel des Kaufpreises in Form von Genossenschaftsanteilen entgegenzunehmen. Die Genossenschaft würde sie ihr in fünf Jahren zurückkaufen. Die Besitzerin war überzeugt von unserem Projekt und willigte ein. Wir hatten also bereits für 300 000 Franken Genossenschaftsanteilscheine ausgegeben, und die Bank kaufte die versprochenen 10Prozent dazu.

Unser Basiskapital belief sich nun also auf 330 000 Franken. Da wir gemäss Versprechen der Lokalbank nur 10Prozent Eigenbeteiligung aufbringen mussten, stand uns damit theoretisch ein Investitionskapital von 3,3Millionen Franken zur Verfügung.  Unser Projekt hatte Fahrt aufgenommen. Wir hatten zwischen 50 und 100 Genossenschafter. Anfänglich kostete ein Anteilschein 1000Franken. Wir reduzierten den Betrag schliesslich auf 200Franken, da es uns nicht darum ging, dass die Genossenschafter das Projekt finanzierten, sondern dass sie Trägerkreis waren. Die Patienten sind nicht Finanzgeber, sondern ideelle Träger.

Wir konnten nun also die Liegenschaft im Sinne unseres Projektes bis zum Betrag von rund  3Millionen Franken umbauen und anbauen. Diesen Umbau der Liegenschaft schafften wir in den verbleibenden zwei Jahren. 2012 konnte Dr. Rosa seine Praxis in Ebnat-Kappel in der umgebauten Liegenschaft wie geplant eröffnen. Ich arbeitete in meiner Praxis weiter, bis 2016 Dr. Annett Blatter als zweite Hausärztin mit einem etwas reduzierten Pensum dazustiess und ich nach einer Einarbeitungsphase ruhig in Pension gehen konnte. Heute beherbergt die Liegenschaft zwei Hausarztpraxen, eine Zahnarztpraxis und eine Physiotherapie.

Es handelt sich ja schweizweit um die erste Genossenschaftspraxis. Inwiefern unterscheidet sich diese Form von einer herkömmlichen Gemeinschaftspraxis?

 Dr. Andreas Rohner Im Gegensatz zur Gemeinschaftspraxis handelt es sich hier um Einzelpraxen, die auf eigene Rechnung arbeiten und ihr eigenes Personal anstellen. Die medizinischen Geräte wie Röntgenapparat, Ultraschall und so weiter nutzen sie gemeinsam. Die Genossenschaft stellt ihnen die Praxis-Räumlichkeiten und das medizinische Inventar samt Unterhalt zur Verfügung. Jeder Arzt bezahlt 2500Franken Miete und 1000Franken in einen Investitionsfonds für die medizinischen Geräte.

Die Genossenschaftspraxis bietet den Ärzten berufliche Eigenständigkeit wie in einer Einzelpraxis. Die Möglichkeit des fachlichen Austausches funktioniert hingegen wie in einer Gemeinschafts­praxis. Das IT-System ist dasselbe, damit die Ärzte Zugang haben zu den Patientendaten des Kollegen oder der Kollegin und sich gegenseitig vertreten können. Der administrative Aufwand ist geringer, da sich die Genossenschaft um Gebäude, Parkplätze, Unterhalt, Abwart, Verwaltung von Röntgen, Ultraschall und so weiter kümmert. Die Genossenschaftspraxis ist die ideale Kombination von Einzel- und Gemeinschaftspraxis. Sie vereint deren Vorteile und eliminiert deren Nachteile. 

Emil Aerne In unseren Abklärungen im Vorfeld hatten wir Gemeinschaftspraxen besucht und uns mit den Ärzten unterhalten. Fazit war: Administrativ ist eine Gemeinschaftspraxis sehr kompliziert, da gemeinsam abgerechnet wird. Es gibt immer wieder Auseinandersetzungen wegen unterschiedlichen Ansichten bezüglich der Abrechnung.

Das wollten wir nicht und kamen auf die Idee, als Genossenschaft einfach die Infrastruktur für Einzelpraxen zur Verfügung zu stellen, um damit die administrativen Konflikte, wie sie in einer Gemeinschaftspraxis bestehen,  von vornherein zu vermeiden. Im ersten Stock der Liegenschaft befindet sich noch eine Mietwohnung, die eine zusätzliche Einnahmequelle ist. Viele positive Zufälle trugen zum Gelingen des Projektes bei. 

Dr. Andreas Rohner Wichtig scheint mir auch, dass niemand daran verdienen wollte. Wir wollten gemeinsam etwas fürs Dorf tun. Das kam auch den Ärzten zugute. Ich liess zum Beispiel im Rahmen des Praxisumbaus meine analoge Röntgenanlage durch eine digitale Anlage ersetzen und übernahm deren Kosten im Sinne eines Darlehens an die Genossenschaft.

Dieses Darlehen wurde mir dann bei meiner Pensionierung 2016 zurückbezahlt. So profitierten wir Ärzte sofort von einem gemeinsamen digitalen Röntgen und die Genossenschaft wurde in den ersten Jahren ihres Bestehens von den Kosten dieser zusätzlichen finanziellen Investition entlastet.  So helfen wir uns gegenseitig. 

Heute feiert die Genossenschaft ihr 15-jähriges Bestehen. Welche Bilanz ziehen Sie?

Emil Aerne Ja, vor 15 Jahren, am 25.Juni 2010 haben wir die Genossenschaft gegründet. Wir hatten das gemeinsame Interesse, die medizinische Grundversorgung im Dorf zu sichern und haben gut zusammengearbeitet. Das oberste Stockwerk könnte noch ausgebaut werden, und wir sind offen für weitere Interessenten. Die beiden Hausärzte sind jung, und der Zahnarzt hat eine Nachfolgerin gefunden, die bereits bei ihm arbeitet und dann die Praxis übernehmen wird.

Auch finanziell steht die Genossenschaft erfreulich gut da. Am Anfang beliefen sich die Schulden auf rund 2,5Millionen Franken. Über die 15 Jahre konnten wir sie kontinuierlich abbauen und die Hypothekarschulden um die Hälfte reduzieren. Selbst während der Corona-Krise fanden wir mit den Ärzten eine einvernehmliche Lösung und konnten ihnen drei Monatsmieten erlassen, ohne in Liquiditätsengpässe zu geraten. Das Zusammenspiel innerhalb der Genossenschaft und mit den Ärzten klappt wirklich gut. 

Wieviele Genossenschafter sind es aktuell?

Emil Aerne Aktuell sind es noch um die 60 Personen. Da es vor allem die ältere Generation war, die mitmachte, nimmt die Zahl ab. Eine Aufgabe wird nun sein, jüngere Genossenschafterinnen und Genossenschafter für das Projekt zu gewinnen, um eine breitere generationenübergreifende Trägerschaft zu garantieren. 

Dr. Andreas Rohner Ich hätte eine Idee, wie man junge Genossenschafter gewinnen könnte. Für viele Patientinnen und Patienten sind die steigenden Gesundheitskosten ein Problem. In meiner Praxis stellte ich fest, dass viele überversichert waren und eine zu tiefe Franchise gewählt hatten. Ich schlug ihnen vor, beim «Projekt Gesundheit und Solidarität» mitzumachen: Dieses bietet den Patienten einen vollen administrativen Service zu einem fixen monatlichen Preis von aktuell 450 Franken in Ebnat-Kappel.

Diesen Betrag zahlt der Patient beziehungsweise Projektteilnehmer monatlich auf ein Konto ein, von dem alle seine Gesundheitskosten (Prämien, Franchisen, Selbstbehalt, Rechnungen) bezahlt werden. Er hat nichts mehr damit zu tun. Im Hintergrund wählt die Projektadministration das Hausarztmodell, die günstigste Krankenkasse sowie die optimale Franchise, meist 2500 Franken. Ende Jahr bleibt immer noch etwas übrig, das dem Patienten zurückerstattet wird. Je weniger ärztliche Leistungen der Patient beansprucht beziehungsweise Kosten verursacht, desto höher fällt die Rückerstattung per Ende Jahr aus. So können Patienten Kosten einsparen und davon direkt finanziell profitieren. 

Nun zur Genossenschaft: Sie könnte diese Dienstleistung den Patienten anbieten unter der Bedingung, dass sie mit einem einmaligen Betrag von 200 Franken Genossenschafter werden. Das würde nicht nur zur Senkung der Gesundheitskosten, sondern auch zu einer Verjüngung der Genossenschaft beitragen. 

Sie haben sehr innovative Ideen. Haben Sie das Ihrer Afrika-Erfahrung zu verdanken?

Dr. Andreas Rohner Ja, definitiv. Ich habe auch dem Kanton St. Gallen einen Vorschlag gemacht, wie man das Gesundheitswesen kostengünstiger gestalten könnte. Der Kanton St. Gallen hat fast all seine Regional- und Landspitäler geschlossen. Warum? Weil das Kantonsspital ein massives Defizit hat, da überdimensioniert gebaut wurde. Um aus dem Defizit rauszukommen, will es nun alle Eingriffe selber machen, auch diejenigen, die bis anhin in den Regionalspitälern vorgenommen worden sind.

Das erhöht aber die Gesundheitskosten, da die Behandlung im Zentrumsspital teurer ist als im Regionalspital. Für die Patienten führt diese Zentralisierung zu längeren Anfahrtswegen und im Notfall zu einer schlechteren Versorgung vor Ort. Die Landspitäler dienen in diesem System der medizinischen Grundversorgung.

Traditionellerweise beginnt eine Arztausbildung zum Facharzt Allgemeine Innere Medizin (Hausarzt) in einem Landspital, dann wechselt man in ein Zentrumsspital für die restlichen Jahre der Ausbildung und bleibt dort hängen, wird Spezialist und verliert das Ziel Hausarzt aus den Augen. Heute ist ein Arzt, der nach Abschluss seines Universitätsstudiums in einem Landspital zu arbeiten beginnt, in einer Notfallsituation überfordert, da er darauf nicht vorbereitet ist. Darunter leidet der Ruf des Landspitals.

Meines Erachtens braucht es eine Kehrtwende. Der zukünftige Hausarzt muss seine Ausbildung im Zentrumsspital beginnen und sein letztes Jahr in einem Landspital absolvieren. Dann ist er für seine neue Aufgabe fähig und lernt, selbstständig zu arbeiten mit Rückendeckung des Zentrumsspitals. Die Ausbildung zum Hausarzt muss im Zentrum beginnen und in der Peripherie zum Abschluss kommen und nicht umgekehrt.

Das Landspital sollte vertraglich zur Aussenstation des Kantonsspitals aufgewertet werden und im letzten Ausbildungsjahr zum FMH für Allgemeine Innere Medizin die angehenden Ärzte auf ihre Arbeit in der freien Praxis vorbereiten. Das Niveau der Landspitäler würde dadurch steigen, und die Kosten sinken. Von dort aus könnte der Assistenzarzt die Zusammenarbeit mit den Hausärzten trainieren und wäre mit ähnlichen Fällen konfrontiert, wie später in der Hausarztpraxis.

In unserer Genossenschaftspraxis, die noch Reserveräume zur Verfügung hat, könnte er sogar abschliessend drei Monate unter Anleitung der Hausärzte reale Praxis-Erfahrung sammeln, bevor er als selbständiger Hausarzt tätig wird. Dr. Rosa hat bereits Medizinstudenten, die bei ihm ein Praktikum machen. Das sollte auch bei Assistenzärzten so sein. Ich bin überzeugt, dass so die Begeisterung für die abwechslungsreiche und interessante Tätigkeit des Hausarztes wieder geweckt werden könnte. Der Hausarzt ist eine Vertrauensperson, zu der man als erstes geht. Deshalb muss er auch gut ausgebildet sein. Leider ist diese Idee auf politischer Ebene bis jetzt nicht verstanden worden.

Mit dieser gesundheitspolitischen Kehrtwende könnte man in der Tat dem Hausärztemangel schon auf Ausbildungsebene entgegenwirken und die Kosten senken. Die Ebnat-Kappeler Genossenschaftspraxis zeigt auf jeden Fall, dass initiative Bürger auf lokaler Ebene – unabhängig von der gesundheitspolitischen Grosswetterlage – viel bewirken können. Könnte dieses Modell nicht auch in anderen Regionen Schule machen und schliesslich von unten etwas bewegen?

Dr. Andreas Rohner Das Dorf beziehungsweise die Gemeinde muss eine gewisse Grösse haben, damit sich eine Genossenschafts­praxis mit zwei bis drei Ärzten lohnt. Ich denke, man muss die lokale Situation anschauen. Unser Modell kann als Grundidee dienen, aber nicht einfach eins zu eins übernommen werden für eine Hausarztpraxis in der Stadt Zürich oder in einer ländlichen Gemeinde in einem anderen Kanton.

Ich weiss von einer Praxis in der Innerschweiz, die sich an unserem Beispiel orientiert hat, oder in den nächsten Tagen treffe ich ein Hausarztehepaar aus dem Kanton Zürich, das eine Nachfolgeregelung sucht und sich für die Genossenschaftspraxis interessiert. Aber sie werden eine eigene Lösung finden müssen, die ihren lokalen Gegebenheiten Rechnung trägt. Aber inspirieren kann das Beispiel der Ebnat-Kappeler Genossenschafts­praxis auf jeden Fall. 

Herr Dr. Rohner und Herr Aerne, vielen Dank für das Gespräch.
Interview Susanne Lienhard

¹ siehe Thomas Kaiser: «Heldin» – ein aussergewöhnlicher Film. In: Zeitgeschehen im Fokus Nr. 6 vom 12.04.2025