Momentaufnahmen in Sachen Gaza: August 2025 – Momentum für ein Umdenken?

von Dr. phil. Ivo Zanoni*

Getötete palästinensische Journalisten in Gaza, ein Film aus Gaza und ein offener Brief von Schweizer Professorinnen und Professoren bringen unseren Blick in eine Weltgegend, die abgeriegelt ist. Ist die Zeit reif, dass sich daran etwas ändert?

Gezielte Exekution?

Anas al-Sharif (1996–2025) wurde in seiner Funktion als Journalist am 10. August 2025 vor dem al-Shifa-Spital in Gaza-Stadt getötet. Er war einer der wenigen Journalisten, der noch in Gaza arbeitete. Er hielt sich in seiner Heimatstadt auf und berichtete für al-Jazeera über die Situation im Streifen.

Zur von Israel angedrohten Besetzung von Gaza-Stadt schrieb Anas al-Sharif am 9. August: «Falls dieser Wahnsinn nicht gestoppt wird, wird Gaza in Schutt und Asche gelegt, werden die Stimmen der Einwohnerinnen und Einwohner zum Schweigen gebracht, und ihre Gesichter werden ausgelöscht.

Und die Geschichte wird sich an sie erinnern als stille Zeugen eines Genozids, den ihr nicht stoppen wolltet.» Diese Erklärung ist Teil eines Schreibens beziehungsweise einer Art Vermächtnis, das er für den Fall seines Todes aufgesetzt hatte. Nun ist dieser Tod des knapp 29-jährigen Journalisten bereits eingetreten. Alle grossen Tageszeitungen im In- und Ausland haben darüber berichtet.

Wie üblich in solchen Fällen hat das israelische Militär über den arabisch sprechenden Avichay Adraee (Oberst der israelischen Armee, Leiter der Abteilung für arabische Sprache innerhalb der Einheit der Mediensprecher) verlauten lassen, es handle sich bei Anas al-Sharif und den mit ihm getöteten vier anderen Medienschaffenden nicht um Journalisten, sondern um «Terroristen», die im Auftrag von Hamas arbeiteten.

Über Adraee liess und lässt die israelische Armee die Bewohner von Gaza jeweils wissen, welchen Weg sie gehen müssen, um die «Sicherheitszonen» hier oder dort zu erreichen. Beweise für die Anschuldigung wurden jedoch keine vorgelegt. Auch internationale Organisationen äussern Zweifel an der israelischen Darstellung. Die Uno-Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit, Irene Khan, sprach gegenüber dem britischen «Guardian» von «unbewiesenen Anschuldigungen» und einem «Angriff auf die Pressefreiheit».1

Möglichkeit zur Erinnerung an eine Stadt

Kurz vor der Tötung von Anas al-Sharif wurde im Rahmen des Locarno Film Festival am 7. August um 14:00 Uhr der Wettbewerbsfilm «With Hasan in Gaza» (Regie Kamal Aljafari, ein in Ramla in Israel geborener Palästinenser) im Palexpo Locarno (FEVI) projiziert. Der Publikumsansturm war beeindruckend, die 3200 verfügbaren Sitzplätze waren ausverkauft. Es besteht offensichtlich ein grosses Interesse an der Thematik.

Der künstlerische Leiter des Festivals, Giona A. Nazzaro, betrat mit dem Regisseur das Podium und eröffnete offiziell den Wettbewerb. Beide zeigten sich vom grossen Andrang beeindruckt. Ein Gespräch mit dem Regisseur fand im Anschluss an die Projektion statt.

Man muss vorausschicken, dass Kamal Aljafari Filmmaterial vorgelegt hat, das nicht für einen herkömmlichen Spielfilm gedacht war. Im Gegenteil, das kaum bearbeitete Material zeigt recht verwackelte Sequenzen aus Gaza in einer anderen historischen Epoche. Andere historische Epoche? Ja, Aljafari war am 1. und 2. November 2001 in Gaza vom Norden in Richtung Süden unterwegs.

Wie kam das, und weshalb hat Jafari die Sequenzen erst jetzt zu einem Film montiert? Jafari wollte einen Mann wiedersehen, den er bei einem Gefängnisaufenthalt im Jahr 1989 kennengelernt hatte. Er wusste von ihm lediglich, dass er aus Gaza-Stadt war. Wir wissen, dass es nicht einfach war und jetzt unmöglich ist, einfach so nach Gaza zu reisen. Das war im Jahr 2001 nicht anders, auch für einen Palästinenser mit israelischem Pass.

Aljafari gelingt es, die Erlaubnis einzuholen. So beginnt die Reise am grossen Checkpoint Erez ganz im Norden des Streifens. Wie bereits erwähnt, die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 2001. Unsere Augen haben sich inzwischen daran gewöhnt, dass Bilder von Gaza Ruinenfelder zeigen, zwischen denen vertriebene Menschen ihr Hab und Gut, zum Teil auf Karren gestapelt und von Eseln gezogen, in «Sicherheitszonen» bringen möchten. Solche dystopischen Landschaften, die sich im Gehirn unauslöschlich festgesetzt haben, bekommen wir in Aljafaris Film nicht zu Gesicht.

Zum Glück vielleicht, aber die anderen sind deswegen nicht weg. Die Sequenzen erzählen keine erfundene Geschichte. Wir sehen, was Aljafari, oft aus dem Auto heraus, zufällig filmt. Bei einem Road Movie würde man wohl mehr Tempo auf der Strasse erwarten, in Gaza ist so etwas nicht möglich, die Strassen sind voller Schlaglöcher, und man ist nicht alleine unterwegs. Aljafaris Begleiter ist ein gewisser Hasan, der den Regisseur durch den Streifen lotst.

So gelangen wir auf den Markt, zu Kindern am Strand, die einen Fisch und einen prächtigen Falken quälen, zu einer der Universitäten, zu Strassencafés, die voll von arbeitslosen Männern sind, die Karten spielen und Kaffee trinken, auf Strassen und Plätzen, an denen Knaben und Mädchen nach der Schule nach Hause eilen, zu Frauen und Männern, deren Häuser tags zuvor von der israelischen Armee zerstört wurden.

Wir erhalten einen direkten Einblick in Gazas harten Alltag. Wir sehen eine Welt, wie sie uns sonst kaum je erzählt wurde, denn Gaza war und ist ein schwarzes Loch, und wenn etwas aus diesem Loch nach draussen gelangte, dann waren es Nachrichten über «Terrorismus», über eine wüste Stadt. Im Jahr 2001 gab es im Gaza-Streifen noch jüdische Siedlungen – diese wurden 2006 abgebaut. Auch zu solchen gelangen wir mit Hasan. Da wird die Dimension des offenen Gefängnisses für die Gazaouis greifbar, denn in der Nachbarschaft dieser Siedlungen sind die Menschen sozusagen eingesperrt. Aus Sicherheitsgründen für die jüdischen Siedlerinnen und Siedler ist den Gazaouis sozusagen alles untersagt.

Zum Beispiel dürfen sie sich nicht an den Strand begeben, und sie dürfen sich von Rafah oder Khan Yunis aus nicht nach Gaza-Stadt begeben. Die Frage ist eher: Was dürfen sie eigentlich? Solcherlei ging vielleicht der einen oder dem anderen auch durch den Kopf, als sie im Palexpo sassen. Dem Schreibenden kam in den Sinn, dass Donald Trump so etwas wie eine Riviera am östlichen Mittelmeer und gewisse Minister der Regierung Netanyahu den Gazaouis «eine freiwillige Ausreise» angeboten haben.

Dies dürfen sie … 2001 war Gaza trotz allem eine einigermassen normal wirkende Stadtlandschaft mit allem, was dazu gehört. Hasan zeigte bei den Autofahrten auch immer wieder mal auf Flüchtlingslager, und man konnte sehen, wie eng dort gebaut worden war. Der Begriff «normal» ist somit wieder zu relativieren.

In filmischer Hinsicht ist der Streifen sicher kein Meisterwerk, zu verwackelt sind die Bilder. Aljafari hat dieses Material nach den Aufnahmen am 1. und 2. November 2001 nach seiner Rückkehr aus dem Streifen einfach vergessen. Er hat es weder gesichtet noch bearbeitet. Erst als er im eigenen Archiv wühlte, stiess er wieder auf einen Karton mit drei MiniDV-Tapes, der auf arabisch mit «With Hasan in Gaza» beschriftet war.

Jafari erklärt in einem Interview mit Hugo Emmerzael, er habe beim Anschauen des Tapes erst allmählich begriffen, dass es sich um Aufnahmen aus Gaza handle.2 Da sei ihm plötzlich bewusst geworden, welche Bedeutung diesem Material jetzt zukomme nach all dem, was sich dort zugetragen hat. Es gehe darum, die Erinnerung an jenes Gaza wachzuhalten. Hasan habe er per Zufall kennengelernt und nachher nie mehr etwas von ihm gehört. Jetzt jemanden aus dem Gaza-Streifen zu kontaktieren, geschweige denn zu finden, sei unmöglich.3

Die Stimmung im Saal war friedlich, aber auch von einer gewissen Bedrückung geprägt. Als sich der Saal recht langsam leerte, ging dem Schreibenden dies durch den Kopf: Eine Erinnerungs- oder Protestkultur für Palästina gibt es keine oder durfte es keine geben, weil eine solche mit einer Bedrohung für Israel gleichgesetzt wurde und mit dem Etikett des Antisemitismus in einen kriminellen Rahmen transferiert und diskreditiert wurde.

Beim langsamen Herausschreiten aus dem grossen Saal war klar geworden, dass es hier und jetzt ein Bedürfnis gibt, Gaza in unserer Erinnerung einen würdigen Platz zuzuweisen. Alle Bestrebungen, diese Stadt ganz im Meer zu versenken und deren Bewohner zur «freiwilligen Ausreise» zu bewegen, können daran nichts ändern.

Gaza ist, wenn auch viel zu spät, im Bewusstsein vieler Menschen angekommen, und das Sprechen darüber, was dort geschehen ist, stellt ein enormes Bedürfnis dar, das keine kriminellen Hintergründe hat, sondern als Zeichen der Hinwendung zu jenen Menschen zu werten ist, die gerade jetzt von einer langsamen Auslöschung bedroht sind. Viele Menschen haben dies begriffen, und sie möchten dem Gefühl der Ratlosigkeit und des Nichts-Tun-Könnens etwas entgegensetzen.

12. August 1949

Dieses Datum ist vielleicht wenig bekannt, aber an diesem Tag wurden in Genf die Genfer Konventionen unterzeichnet. Diese bilden das Fundament des humanitären Völkerrechts. Sie enthalten für den Fall eines Krieges oder eines bewaffneten Konflikts Regeln für den Schutz von Personen, die nicht oder nicht mehr an den Kampfhandlungen beteiligt sind. Die Schweiz ist somit der Depositarstaat der vier Konventionen, die auch von Israel unterzeichnet wurden. Das Rote Kreuz ist das Schutzzeichen der Genfer Konventionen.

Dieses symbolträchtige Datum haben mehr als 30 Professorinnen und Professoren für Völkerrecht und Völkerstrafrecht, die an Schweizer Universitäten lehren, gewählt, um in einem offenen Brief die Haltung des Bundesrats im Nahost-Konflikt zu kritisieren.4 Sie äussern darin ihre Besorgnis über die «Passivität der Schweiz» und seien «entsetzt über die schweren Verstösse gegen das Völkerrecht durch die israelische Armee im besetzten palästinensischen Gebiet, insbesondere im Gaza-Streifen».

Existenzrecht auf beiden Seiten

Was die Tötung von Anas al-Sharif betrifft, verlangen nicht nur Berufsverbände von Medienschaffenden eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls. Wer jedoch eine solche durchführen kann, bleibt unklar, zumal der Zutritt zu Gaza wie auch zu allfälligen Beweisstücken ganz von Israel abhängt. Und so bleibt die Deutungshoheit in israelischen Händen, aber der Protest dagegen mehrt sich in der Welt. Dies bedeutet für die Zivilbevölkerung von Gaza, wie sie in Aljafaris Filmtapes zu sehen ist, noch gar nichts.

Israel spielt auf Zeit: Es hat auf dem Territorium bereits unwiderrufliche Fakten geschaffen, um so etwas wie eine «Zweistaatenlösung» unmöglich zu machen. Genau eine solche wird in Erklärungen immer wieder gefordert. Diese Zermürbungstaktik soll dahin führen, dass die Palästinenserinnen und Palästinenser aus Verzweiflung, Ermüdung und Hoffnungslosigkeit «freiwillig einer Ausreise zustimmen».

Eine Abdrängung ins Meer oder ins Nirgendwohin ist somit Absicht. Ein Existenzrecht für Palästina scheint bis heute nicht zu existieren, denn nach wie vor werden stets die Sicherheitsbedürfnisse Israels in den Vordergrund gerückt. Dass auch Israel gegenüber dem Völkerrecht Verpflichtungen hat, scheint dabei in Vergessenheit geraten zu sein.5

Führen die Momente zu einem Momentum?

Ist die Zeit reif, um der Katastrophe in Gaza ein Ende zu setzen? Diese Frage werden sich schon viele gestellt haben und meistens nach leisen Hoffnungsschimmern mit Nein beantwortet haben. Es ist gewiss so, dass viele Menschen in der Welt zutiefst betroffen sind vom Schicksal der Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen.

Aber es ist nach wie vor schwierig, diese Empörung zum Ausdruck und zur Geltung bringen zu dürfen, denn sogleich wird jemandem, der es tut, vorgeworfen, er habe kein Herz für die israelischen Geiseln oder vergesse, dass die Israelis immer noch ein kollektives Trauma und die Angst vor der Auslöschung mit sich herumtragen.

Die zentrale Frage dabei bleibt aber, ob Traumatisierte dahingehend unterstützt werden sollen, durch ihr politisches Verhalten andere zu traumatisieren oder ob eine «kollektive Therapie» – wenn es denn eine solche überhaupt geben kann – nicht eher darauf abzielen sollte, das Trauma allmählich abzubauen und nicht als zentrales Instrument der Rechtfertigung zu hegen und zu pflegen und somit dafür zu sorgen, dass Schuld immer nur den anderen zukommt, weil das Opfer – so der Glaube – immer ein Opfer bleibt, das aus dieser Haltung heraus halt ab und zu ein bisschen über das Ziel hinaus schiesst.

Gegen Ende des Films «With Hasan in Gaza» kommt ein Mann zu Wort, der damals in unmittelbarer Nähe einer jener jüdischen Siedlungen im Süden des Gaza-Streifens lebte und der, zum Verhältnis zu Israel befragt, meinte: «They generally seek to kill us.»
Der Film war am Locarno Film Festival 2025 im Wettbewerb. Als preisgekrönter Film (Pardo d’oro; goldener Leopard) ging «Tabi to Hibi» (Two seasons, two strangers) des japanischen Regisseurs Sho Miyake hervor.

Mit Hasan werden wir nicht so bald durch Gaza reisen können, soviel steht fest.
Das Momentum für einen Kurswechsel, und sei dieser noch so klein, liegt dennoch in der Luft. Das könnte trotz aller Hoffnungslosigkeit etwas auslösen. So gesehen, war es ein Privileg, der Filmvorführung in Locarno beiwohnen zu dürfen. Der Film sei allen empfohlen, die noch nie etwas anderes als beelendende Bilder aus Gaza gesehen haben.

Dieser Stadt müssen wir unbedingt nachtrauern und ihr wieder zu blühendem Leben verhelfen. Gaza ist übrigens auch eine uralte Stadt, die es lange vor Israels Gründung schon gegeben hat.6

Ivo Zanoni, 1966 in Samedan (GR) geboren, studierte in Basel und Rom Klassische Archäologie (Dr. phil.). Autor und freier Journalist, Übersetzer, schreibt in deutscher und italienischer Sprache unter anderem für die Tessiner Zeitung und Terra Ticinese.

  1. s. z. B. Edgar Schuler: Israel tötet Journalisten wegen Hamas-Verdacht – Uno und Medienverbände widersprechen. In: Tages Anzeiger vom 11. August ↩︎
  2. Pardo Magazine, 7. August 2025: Kamal Aljafari on «With Hasan in Gaza» ↩︎
  3. Alessandro Chiara, RSI, Suchbegriff: Kamal Aljafari; Beitrag vom 8. August 2025 ↩︎
  4. Der offene Brief ist unter folgendem Link auf deutsch und französisch abrufbar:
    https://www.unifr.ch/ius/besson/fr/assets/public/Chaire/pdf/Palestine_lettre_professeurs_110825-version-bilingue.pdf ↩︎
  5. https://www.reporter-ohne-grenzen.de/pressemitteilungen/meldung/rsf-verurteilt-gezielte-toetungen-in-gaza ↩︎
  6. https://zgif.ch/2025/02/26/gaza-eine-bedeutende-und-einst-bluehende-stadt/ ↩︎