Unseren Fokus auch auf Positives richten

von Dr. phil. Henriette Hanke Güttinger

Die aktuellen Nachrichten in Zeitungen, Internet, Radio und Fernsehen sind schlimm und lassen viele verzweifeln. In Tat und Wahrheit bilden sie jedoch nur einen Teil der heutigen Wirklichkeit ab. Nur wenig Platz finden die unzähligen positiven Nachrichten, die es auch zu berichten gäbe und die zeigen, dass es überall vieles gibt, das die Leser freut und dazu anregen könnte, positive Impulse aufzunehmen und weiterzuentwickeln.

Auf einer Reise in eines der Täler in den Bergamasker Alpen gibt es viel Schönes und Positives zu entdecken. Schilpario, ein ruhiges Dorf mit rund 1100 Einwohnern, das zur Comunità Montana di Scalve gehört, liegt am Ende eines Bergtals. An diesem Wochenende im August gibt es viele Besucher im Dorf, vor allem Italiener. Am Sonntag ist im ganzen Dorf einmal im Jahr ein spezieller Markt.

Was hier verkauft wird, ist alles von Hand gemacht. Ein Pensionär verkauft schöne Spiegel, die er mit altem Holz gerahmt hat. Die junge Frau, die im Hotel flink, kompetent und freundlich die Gäste mit dem Frühstück versorgt hat, verkauft jetzt aus ihrem Bauernbetrieb am Marktstand Safran von ihren Krokussen, ihre verschiedenen Kräu­tersalze und selbstgemachte Torrone, eine süsse Köstlichkeit aus Nüssen, Honig und Safran. Eine Frau hat schöne Handtaschen genäht. Imker bieten ihren Honig an.

Das Leben im Tal

Auch das Museo Ethnografico hat geöffnet und zeigt, erläutert vom Museumsführer, die Herstellung der Polenta. Mädchen in einfachen Kleidern von früher klauben die Körner von den Kolben und Frauen worfeln die Körner in flachen Schalen, um sie von der Spreu zu trennen. Im unteren Stock befindet sich die Mühle, angetrieben vom Wasser des rauschenden Baches über ein riesiges Mühlrad an der Aussenwand des Hauses, das seine Kraft in das Innere des Hauses auf ein weiteres Rad überträgt, das dann die Mühle antreibt, die die Körner zwischen den flachen Steinscheiben zu Polenta mahlt. Als Besucher kann man sie kaufen oder die in den Gassen für das Mittagessen gekochte Polenta mit Käse und Rotwein geniessen.

Auch die Herstellung von Leinen kann man im Museum anhand der traditionellen Arbeitsschritte verfolgen – vom Entfernen der Fruchtkapseln über das Brechen der holzigen Stengel, die dann durch eine grobe Metallbürste gezogen, das heisst gehechelt werden, um anschliessend zu Flachs versponnen und dann zu Leinen verwoben zu werden.

Mit einer hölzernen Vorrichtung konnte dann aus den Fruchtkapseln Leinöl gewonnen werden, unter anderem für die Grubenlampen der Mineure in den Erzbergwerken im Tal, die seit dem Mittelalter bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts betrieben worden sind – eine harte, nicht ungefährliche Arbeit für die Männer im Tal.Viele sind auf der Suche nach einem Einkommen ausgewandert.

«In der Mitte des 19. Jahrhunderts sind meine Vorfahren – ein junges Mädchen und zwei ihrer Brüder – zu Fuss ohne eine Lire in der Tasche auf der Suche nach Arbeit bis nach Wila im Töss­tal gewandert, wo sie damals in der Textilindustrie Arbeit gefunden haben», erzählt mir der Mann eines befreundeten Ehepaares.

An der Wand des Museums hängt auch ein gerahmter Brief eines dieser vielen Fremdarbeiter. Er schreibt an seine Frau und berichtet von seinem Heimweh und seinem innigsten Wunsch, endlich heimkehren zu können und nicht mehr in der Fremde das Geld für seine Familie verdienen zu müssen.

Jugendförderung

Auch in Vilminore di Scalve, einem Nachbardorf von Schilario, ist heute ein Festtag, veranstaltet von der Biblioteca Civica Manara Valgimigli und Pro Loco Vilminore. Gefeiert wird, dass im Tal junge Talente heranwachsen im sportlichen und im künstlerischen Bereich (Giovani talenti scalvini crescono). In der Einladung zum Fest schreibt die Präsidentin der Bibliothek, Jugendliche würden oft nur als Problem dargestellt und ihre positiven Seiten zu wenig wahrgenommen.

Das Ziel der Bibliothek und von Pro Loco sei, der jungen Generation zu ermöglichen, ihre künstlerischen, kulturellen und sportlichen Talente zur Geltung zu bringen und dabei die ganze Gemeinde Scalvina aktiv einzubeziehen. Damit soll «bei den Jugendlichen das Zugehörigkeitsgefühl zur Region gestärkt werden, und diese dazu angeregt werden, einen Beitrag zum kulturellen Leben unseres Landes zu leisten.»

Der grosse Platz vor dem altehrwürdigen, schönen Gemeindehaus ist voll von Kindern und Jugendlichen, Eltern, Grosseltern, Verwandten und vielen Besuchern. Vor dem Gemeindehaus werden jetzt nacheinander die verschiedenen sportlichen Gruppen und die einzelnen Kinder und Jugendlichen von der Präsidentin der Bibliothek nach vorne gebeten und für ihre jeweilige Tätigkeit anerkennend gewürdigt. Auf diese Weise in ihren positiven Fähigkeiten gesehen zu werden, erfüllt die jungen Menschen mit Freude und Stolz, sie strahlen.

Junge Talente wachsen heran

Im Einladungsschreiben zum Fest kann man nachlesen, was diese Aktivitäten für die Jugend bedeuten. In der Volleyballmannschaft spielen 16 Mädchen und Jungen zwischen 10 und 12 Jahren. Sie schreiben: «Der Volleyballsport ermöglicht es uns, unsere Freizeit gemeinsam zu verbringen und schöne Momente miteinander zu erleben, neue Freundschaften mit den Teamkollegen zu schliessen, die neu zum Team stossen, oder bestehende Freundschaften zu festigen. [ … ]

Ein besonderer Dank gilt unseren Trainern, die uns während der Meisterschaft begleiten und uns ihre Leidenschaft für diesen Sport vermitteln, sowie unseren Eltern, die uns ermutigen, unterstützen und uns zu allen Spielen begleiten – sie sind unsere grössten Fans! Herzlichen Dank.»

Im Einladungsprospekt stellen sich Kinder und Jugendliche mit ihren liebsten Freizeitbeschäftigungen vor. Die 13-jährige Serena schreibt: «Ich bin ein etwas schüchternes Mädchen, liebe die Natur und male gerne, um die Welt zu verschönern und meine Freude auszudrücken. Später würde ich gerne im Bereich der Malerei oder der Landwirtschaft arbeiten, um meine Vorlieben zu meinem Beruf zu machen.» Die 13-jährige Marian schreibt: «Ich bin ein aktives, freundliches und etwas schüchternes Mädchen, ich liebe Volleyball und Zeichnen.

Meine Freundinnen und ich haben ein Atelier organisiert, in dem Kinder und Jugendliche Spass haben und sich durch die künstlerische Gestaltung ausdrücken können.» Die 8-jährige Laura sagt, sie liebe die Kreativität in all ihren Formen: «Basteln, malen, schneiden, nähen, sticken und weben.» Der 8-jährige Manuel sagt: «Seit etwa einem Jahr übe ich mich im Bogenschiessen, das viel Konzentration erfordert. Man muss still wie eine Statue stehen bleiben, sich viele Schritte merken und darf sich nicht von der Aufregung mitreissen lassen. Bogenschiessen macht Spass, und ich hoffe, dass ich weiter trainieren kann, um mich immer mehr zu verbessern.»

Der 19-jährige Fabio schreibt: «Ich bin nicht anspruchsvoll und mit wenig zufrieden. Viel Zeit verbringe ich mit Sport. Unter den Sportarten, die ich ausübe, macht mir das Tanzen am meisten Spass, eine Vorliebe, die auf Dorffesten entstanden ist und zu Hause und in Kursen weitergeführt wird.»

Der 12-jährige Nathan schreibt: «Ich habe im Kindergarten im Skiclub Scalve angefangen, Ski zu fahren. [ … ] Ich weiss noch nicht, was ich später einmal werden möchte, aber der Schnee und meine Teamkollegen werden sicherlich immer meine besten Freunde bleiben.»

Die Initiative «Giovani talenti scalini crescono» ist eine dieser positiven Nachrichten, die uns als Leser freuen und ermutigend wirken. Über solche Initiativen müssten die Mainstream-Medien ausführlich berichten und diese als Modelle zur Nachahmung empfehlen. ■