von Thomas Kaiser
Als Russland in die Ukraine einmarschierte, gab es im Westen einen nahezu hysterischen Aufschrei. Die geheuchelte Empörung richtete sich nicht gegen den Krieg, sondern allein gegen Putin und Russland. Im Osten der Ukraine tobte schon lange ein (Bürger)-Krieg zwischen der Ukraine und den autonomen Provinzen Donezk und Lugansk, vom Westen weitgehend ausgeblendet.
Als der demokratisch gewählte ukrainische Präsident, Viktor Janukowitsch, durch einen vom Westen orchestrierten Staatsstreich 2014 gestürzt wurde, formierte sich im Land schnell Widerstand, und es gab landesweite Demonstrationen gegen den Putsch, der vor allem von ukrainischen Faschisten durchgeführt worden war. Auch wenn unsere Medien das gerne als einen demokratischen Umsturz stilisieren, mussten sie dennoch konstatieren, dass die Faschisten dabei eine zentrale Rolle spielten.1
Brutale Gewalt
Die mehrheitlich russischsprachige Bevölkerung in den Provinzen im Südosten der Ukraine verurteilte den Staatsstreich, stellte sich gegen die Interimsregierung und erklärte sich zu autonomen Volksrepubliken innerhalb der ukrainischen Grenzen. Das ukrainische Militär und nationalistische Milizen bekämpften die selbsternannten Volksrepubliken und schlugen den Widerstand gegen das Putsch-Regime in Kiew mit brutaler Gewalt nieder. Erfolglos blieb die ukrainische Armee in den Provinzen Lugansk und Donezk.
Viele ukrainische Soldaten mit russischen Wurzeln liefen zu den Autonomisten über und stellten sich auf deren Seite. Im «Gepäck» hatten sie ihre Waffen, die neben den Beständen der regulären Armee, die in Donezk und Lugansk gelagert waren, dem Widerstand zur Verfügung standen. Somit konnten die bewaffneten Widerständler in den Ost-Provinzen der ukrainischen Armee etwas entgegensetzen und die Rückeroberung der Gebiete verhindern. In den Minsker Abkommen wurde zwischen den beiden verfeindeten Seiten ein Kompromiss und das Ende des Waffengangs vereinbart sowie eine Waffenstillstandslinie festgelegt.
Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hatte die Aufgabe, die Waffenstillstandslinie zu observieren und Verstösse zu protokollieren. Es gab täglich Verletzungen, aber zwei Wochen vor dem Einmarsch der Russen verzeichnete die OSZE einen massiven Anstieg der Waffenstillstandsverletzungen durch die ukrainische Armee, als sie Lugansk und Donezk brutal unter Beschuss nahm. Da beide Provinzen mit Russland verbündet waren, reagierte Russland auf die eskalierenden Kriegshandlungen und marschierte in die Ukraine ein.
Sich öffentlich distanzieren
Die Reaktion des Westens darauf war extrem. Es gab groteske Vorgänge. Die Zürich-Versicherung nahm im Internet vorübergehend das Z aus ihrem Logo, weil es an das «Z» auf russischen Militärfahrzeugen erinnere und möglicherweise als Sympathieerklärung für Russland aufgefasst worden wäre. Man nötigte russische Künstler, sich öffentlich von Putin zu distanzieren. Russische Firmen in der Schweiz wurden unter Druck gesetzt, den Krieg und Putin zu verurteilen, und russische Angestellte bangten um ihre Stellen.
Völlig unverständlich ist, dass sich die Schweiz als neutraler Staat von den EU- und Nato-Staaten in den antirussischen Strudel hineinreissen liess, und zwar unabhängig der politischen Couleur. Nirgendwo vernünftige Stimmen, am allerwenigsten beim damaligen Bundespräsidenten Ignazio Cassis.
Der ignorierte Blick in die Geschichte
Um die Tragweite der Schweizer Politik zu erkennen, ist es angezeigt, einen Blick in die Geschichte zu werfen, damit sinnvolle Schlüsse für das politische Handeln gezogen werden können. Gerade im Fall Russlands lässt sich bei genauerer Betrachtung feststellen, dass die beiden Länder eine besondere Beziehung haben.
Zur Zeit Napoleons kämpfte Russland zusammen mit Österreich für die Befreiung der Eidgenossenschaft von Frankreichs Herrschaft. An den legendären Marsch des russischen Generals Suworow mit seinen Truppen über mehrere verschneite Schweizer Alpenpässe im Jahre 1799 erinnert das grosse Denkmal an der Schöllenschlucht.
Nur 15 Jahre später unterstützte der russische Zar Alexander I. das vom Schweizer Diplomaten, Charles Pictet de Rochemont, eingebrachte Anliegen, die Schweiz als neutralen Staat zu repektieren. Alexander I. überzeugte die Grossmächte – damals Preussen, Grossbritanien, Russland Österreich und Frankreich – die Neutralität der Schweiz völkerrechtlich anzuerkennen, was dann auch geschah. Das bedeutete im Jahr 1815 etwas Wegweisendes für die Schweiz.
Der Zar hatte grosse Sympathien für das Land. Der Grund dafür lag wohl in seiner Beziehung zum Waadtländer Frédéric-César de La Harpe. Er war sein Erzieher, der ihn von seinem 6. bis zu seinem 18. Lebensjahr begleitete. Es ist anzunehmen, dass durch diese Beziehung der Zar Verständnis für die Eidgenossenschaft entwickelte und ihre Werte kennenlernte.
So wie Frédéric-César de La Harpe aus der Schweiz nach Russland ausgewandert war, hatten es noch viele vor und nach ihm getan. Nicht allen wurde eine solche Ehre zu Teil, aber viele brachten es zu beruflichem Erfolg und Ansehen.
Realität statt Propaganda
Das Buch «Käser, Künstler, Kommunisten – Vierzig russisch-schweizerische Lebensgeschichten aus vier Jahrhunderten», herausgegeben von Eva Mäder und Peter Niederhäuser, erzählt von Schweizerinnen und Schweizern, die sich entschlossen hatten, ihre Heimat zu verlassen und nach Russland auszuwandern. Die Publikation enthält eindrückliche Biographien und setzt der antirussischen Propaganda vom «bösen Russen» Realistisches entgegen.
Schon vor 400 Jahren wanderten Schweizer nach Russland aus. «Die ersten sind in der Moskauer Ausländervorstadt schon am Ende des 17. Jahrhunderts nachweisbar. Es handelte sich dabei um Handwerker und Offiziere.» (S. 16) «Schätzungen gehen von einigen 10 000 Russlandschweizern aus, die bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein ihr Glück im Zarenreich gesucht und oft auch gefunden haben. Gerade Fachleuten bot Russland attraktive Möglichkeiten, und einzelne Schweizer nahmen erstaunlich einflussreiche Stellungen ein.» (S. 13)
Der Genfer François Lefort (1656 bis 1699) kam 1675 nach Russland. Lefort lebte in der Nähe der «Deutschen Vorstadt» am Rand von Moskau und kam dort mit dem jungen Zaren Peter dem Grossen in Kontakt, der sich viel dort herumtrieb, obwohl ihm das von seinem Stand her nicht gestattet war: «Bei diesen Besuchen lernte er auch François Lefort kennen, der rasch zum Vertrauten und Freund wurde.» (S. 30) Lefort weiteres Leben stand ganz im Zeichen der Zusammenarbeit mit dem Zaren. Dieses enge und konstruktive Verhältnis zwischen beiden führte dazu, dass ein Stadtteil Moskaus den Namen Lefortowo trägt.
Gute Qualifikationen
Zar Peter der Grosse (1672–1725) begann, sich kulturell, politisch und wirtschaftlich auf Westeuropa auszurichten sowie Reformen einzuleiten, wobei Einwanderer aus Westeuropa gerne gesehen waren. Die Schweizer hatten gegenüber den übrigen Europäern einen schweren Stand. Aufgrund ihrer guten Qualifikationen konnten sie sich jedoch behaupten.
Die Berufe, die in Russland gefragt waren, lassen sich in drei Kategorien einteilen: «kaufmännisch-industrielle Berufe vom Eisengiesser und Schlosser bis hin zum Ingenieur, Industriekaufmann und Unternehmer, aber auch Käser aus dem Berner Oberland, welche die städtischen expandierenden Märkte belieferten, und andererseits alles, was mit Erziehung zu tun hatte, von Kindermädchen, Gouvernanten und Hauslehrer bis hin zu Gymnasiallehrern.» (S. 16)
«Stucki Käse en gros»
Auch im 20. Jahrhundert wanderten weiterhin Schweizer nach Russland aus. Albert Steffen packte 1912 seine sieben Sachen und machte sich auf nach Osten. Er hatte den Beruf des Käsers gelernt und wollte wie andere Berufskollegen seinen Lebensunterhalt verdienen. «Mit einem einzigen Rubel in der Tasche und ohne ein Wort Russisch zu verstehen, stiess er in der Smolensker Innenstadt auf das Geschäft eines Landsmanns.»
Damit begann eine turbulente Karriere. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs versuchte er erfolglos, in die Schweiz zurückzukehren, um beim Militär seinen Dienst anzutreten. Nach dem ersten Kriegsjahr floh er mit anderen ins Landesinnere. Dort fand er in Bijsk, einer Stadt in Südwestsibirien, Arbeit. Er bekam dort eine Stelle «wo das seit 1914 florierende Handelshaus ‹Stucki Käse en gros› innerhalb dreier Jahre zwölf Käsereien eröffnet hatte.» (S. 111)
«Voller Bewunderung und Sympathie»
Steffens Beschreibungen der sibirischen Bevölkerung «sind voller Bewunderung und Sympathie». Er fühlte sich dort ausgesprochen wohl. Sein bewegtes Leben, auch beeinflusst durch die Wirren der Russischen Revolution, brachte ihn über die Mongolei, China, Korea, Japan bis in die USA. Dort baute er sich ein neues Leben auf. Auch wenn er nun in den USA materiell auf sicheren Füssen stand, «erinnerte er sich noch lange mit viel emotionaler Wärme an seine Zeit dies- und jenseits des Urals.» (S. 114)
Es gibt noch weitere eindrückliche Beispiele von Menschen, die nach Russland ausgewandert sind, um dort ihr Glück zu suchen, und dabei erfolgreich waren.
Nach der Wende 1990 gab es weiterhin Schweizer und Schweizerinnen, die es in den Osten zog und die mithalfen, das Land wirtschaftlich wieder auf die Beine zu bringen.
Sympathie für die Schweiz
Das Verhältnis der beiden Staaten, Russland und Schweiz, war bis zum Februar 2022 ein positives, das zeigen verschiedene Staatsanlässe in den Jahren zuvor, die die Sympathie Russlands zur Schweiz dokumentieren. Dazu gehören unter anderem der historische Staatsbesuch des ehemaligen russischen Staatspräsidenten, Dimitri Medwedew, 2009 oder 2013 der Besuch Sergej Lawrows bei Didier Burkhalter, der damals Chef des Aussendepartements war.
Das waren Bemühungen auf beiden Seiten, das Verhältnis zu Russland zu vertiefen. Nicht zu vergessen die wichtige Rolle der Schweizer Diplomatie bei der Ausarbeitung des Abkommens Minsk I. Damals eröffnete die Neutralität der Schweiz die Möglichkeit, bei der Beilegung des Konflikts eine konstruktive Rolle zu spielen.
Man kann den Einmarsch Russlands in die Ukraine unterschiedlich beurteilen. Das steht jedem zu, selbstverständlich auch den Bundesräten. Aber in Bausch und Bogen alles Russische zu verurteilen, sich von Land und Leuten zu distanzieren, ist dumm und unangemessen.
Als Bundesrat unterwürfig mit einer Kriegspartei zu sympathisieren, anstatt den neutralen Status für Friedensverhandlungen zu nutzen, ist unwürdig und ein grober Verstoss gegen die Neutralität. So hat man eine grosse Chance verspielt. Es wird, wenn der Krieg zu Ende ist, Jahrzehnte dauern, bis das gegenseitige Vertrauen wieder aufgebaut sein wird.
