von Thomas Kaiser
Der Südwestrundfunk (SWR) in Deutschland initiiert einmal im Jahr eine Hitparade, um den «grössten Hit aller Zeiten» zu bestimmen. Der SWR erstellt eine Vorschlagsliste von über 1000 Titeln, aus der man auswählen kann. Wer sein Lieblingslied nicht findet, kann es zusätzlich auf die Liste setzen. Diesmal wurde ein Titel, der letztes Jahr noch aufgeführt war, gestrichen.
Konkret geht es um das Lied von Reinhard Mey: «Nein, meine Söhne geb’ ich nicht».¹ Das Lied hat eine klare Botschaft und zeigt eine eindeutige Haltung gegen den Krieg. Ist das heute nicht mehr erwünscht?
Positive Reaktionen
Der ehemalige Bundestagsabgeordnete und BSW-Landesvorsitzender von Nord-Rhein-Westfahlen, Andrej Hunko, sieht darin den Vorboten einer indirekten Zensur. Indirekt deswegen, weil die Bevölkerung das Lied noch auf die Liste setzen konnte. Als bekannt wurde, dass es nicht wie letztes Jahr auf der Vorschlagsliste aufgeführt war, gab es eine grosse Empörungswelle. Andrej Hunko bezeichnet das als den «Streisand-Effekt», ein Begriff aus der Soziologie. «Er geht zurück auf eine Klage von Barbara Streisand gegen eine Veröffentlichung von Bildern ihres Privathauses.
Der Effekt war gegenteilig, und noch mehr Menschen wollten die Bilder sehen. Wenn man versucht, eine Information zu unterdrücken, wird sie dadurch nur noch bekannter. Diesen Effekt gab es im Zusammenhang mit dem Song auch.» Am Schluss landete Reinhard Meys Lied bei der Abstimmung auf Platz 12 und rückte, verglichen mit dem Vorjahr, sogar weiter nach vorne, obwohl die Abstimmenden ihren eigenen Vorschlag von Hand eingeben mussten. Die positiven Reaktionen darauf waren unglaublich zahlreich. Es ist ein Zeichen dafür, dass ein Teil der Bevölkerung einen Krieg kompromisslos ablehnt.
Hier zeigten Bürgerinnen und Bürger Flagge. Hunko selbst, der das Abstimmungsergebnis über Twitter positiv kommentiert hatte, bekam dafür positive Reaktionen. Der Tweet von Hunko wurde über 1400mal geteilt und 190 Menschen kommentierten ihn. Die Zahlen sind beachtlich. Sie haben nahezu den Level von Mainstream-Medien erreicht. Der Text des Tweets war nichts Spektakuläres, wie Hunko erklärt: «Klasse, das Antikriegslied von Reinhard Mey ‹Nein, meine Söhne geb’ ich nicht› wurde von den Hörern von SWR unter tausend Titel, gewählt!, obwohl es von der Vorschlagsliste genommen wurde.
Die Hörer mussten das Lied per Hand eintippen und trotzdem verbesserte es sich gegenüber dem Vorjahr, als man es noch von der Vorschlagsliste auswählen konnte. Die Empörung über die Streichung dürfte dazu beigetragen haben. Vielen Dank!»
Es ist sehr bemerkenswert, dass das Antikriegslied eine so grosse Anhängerschaft gefunden hat.
Ein neuer Gröfaz?
Bei der aktuellen Stimmung in Deutschland, aber nicht nur dort, muss man sich fragen, ob Politik und ein Grossteil der Medien von allen guten Geistern verlassen sind. Der geschürte Russenhass ist das Ergebnis eines mangelnden Geschichtsbewusstseins und unendlicher Manipulation. Will als zukünftiger Gröfaz tatsächlich das beenden, woran die Nazis gescheitert sind, und will Pistorius die junge Generation wieder «kriegstüchtig» machen, um sie auf dem Schlachtfeld der Ehre verbluten zu lassen?
Will man tatsächlich wieder eine Jugend heranziehen, wie sie Ödön von Horvath in seinem Klassiker «Jugend ohne Gott» beschrieben hat: «Sie pfeifen auf den Menschen! Sie wollen Maschinen sein, Schrauben, Räder, Kolben, Riemen – doch noch lieber als Maschinen wären sie Munition, Bomben, Schrapnells, Granaten. Wie gerne würden sie krepieren auf irgendeinem Feld! Der Name auf einem Kriegerdenkmal ist der Traum ihrer Pubertät.»
Reinhard Mey sagt: «Meine Söhne geb’ ich nicht!», und eine grosse Anzahl von Menschen unterstützte und unterstützt seine Weigerung. Das gibt Hoffnung, dass trotz aller Kriegshetze die Vernunft und der Wunsch nach Frieden obsiegen, dann wird das Ende der 70er Anfang der 80er Jahre gewünschte Szenario Realität: «Sie wollen Krieg, aber keiner macht mit.»
Die Haltung von Reinhard Mey ist beeindruckend und wird viele Menschen ansprechen, die mit Entsetzen die aktuelle Entwicklung beobachten. Reinhard Mey gibt ihnen im wahrsten Sinne des Wortes eine Stimme.
Den Text des Lieds findet man hier: https://www.reinhard-mey.de/texte-fuer-alle/
