Von der Sinnlosigkeit des Krieges
von Thomas Kaiser
Zum Jahreswechsel 2025 / 26 ist der Krieg in der Ukraine trotz grösster Verluste auf beiden Seiten noch nicht beendet und geht in den vierten Kriegswinter. Wir erleben seit nahezu vier Jahren einen Krieg, der Ausmasse angenommen hat, wie sie sich keiner hätte vorstellen können, wahrscheinlich auch die russische Führung nicht.
Russlands Ziel war, nachdem die Diplomatie zunächst hintertrieben worden war, mit dem Einmarsch den Druck auf die Ukraine in der Frage des Nato-Beitritts und der Zukunft des Donbas zu erhöhen, um doch noch eine Verhandlungslösung zu erreichen. Anstatt auf Verhandlungen zu setzen, was man schon vor Beginn des Krieges hätte machen können, was Russland immer wollte und was Selenskyj schon einen Tag nach Beginn des Krieges in die Wege geleitet hatte, liess die Ukraine, gedrängt vom Westen, doch die Waffen sprechen.
Trotz Bemühungen von beiden Seiten setzte der Westen auf Konfrontation. Er lieferte Waffen, alimentierte den Krieg und nahm damit billigend das Sterben der Soldaten in Kauf. Sämtliche Gesprächskanäle zu Russland wurden gekappt. Wer auf Diplomatie setzen wollte, machte sich der Propaganda für Putin schuldig, unterstützte den Einmarsch der Russen und galt als Verräter. Das Ganze nahm groteske Züge an.
Russland wurde von der EU zum Feind erklärt, inoffiziell war man ihm gegenüber schon vor dem 24. Februar 2022 feindlich gesinnt. Die Zahl der gefallenen Soldaten soll inzwischen zwei Millionen erreicht haben, und vieles, was sich in der Endphase des Kriegs abspielt, erinnert an den sinnlosen Kampf am Ende des Zweiten Weltkriegs: Ein stetes Vorrücken der damals sowjetischen Armee und junge Leute, die in einem bereits verlorenen Krieg in den Tod gehetzt werden.
Nachdem die Ukraine mit im Westen ausgebildeten und mit modernen Waffen ausgerüsteten Brigaden 2023 die Gegenoffensive gestartet hatte, die kläglich scheiterte, kam der Zeitpunkt, wieder Verhandlungen zu führen und den Krieg diplomatisch zu beenden. Wäre das gelungen, wäre den Menschen, vor allem in der Ukraine, viel Leid erspart geblieben.
Die Kesselschlachten – ein Sinnbild für den Wahnsinn des Krieges
In mehreren Städten wurde die ukrainische Armee von russischen Truppen eingekreist; in Bachmut, in Awdejewka, in Pokrowsk u. a. In Myrnohrad scheint sich das Gleiche abzuspielen. Da die Russen die Verteidigungslinien der Ukrainer durchbrechen konnten, kesselten sie die Städte ein. Die ukrainischen Soldaten sind verzweifelt und wollen aus dem Kessel raus. Selenskyj verlangte immer wieder von seinen Soldaten, auszuharren und weiterzukämpfen.
Eine fatale Entscheidung. Nur eine Kapitulation kann das Leben der Soldaten retten. In Bachmut liessen die Russen einen Korridor zur Flucht der Soldaten offen. Die Flucht aber wurde von Selenskyj verwehrt. Man kann sich ausmalen, was passiert, wenn nicht die weisse Flagge geschwenkt wird. Es gibt Tausende von Toten, die man hätte retten können. So geschehen im Zweiten Weltkrieg, z. B. in Stalingrad.
Von Stalingrad nach Pokrowsk
Im Winter 1942 / 1943 war die 6. deutsche Armee in Stalingrad eingekesselt. Eine fürchterliche Schlacht, die man von deutscher Seite schon viel früher hätte abbrechen müssen. Hitlers Befehl war wie immer, keine Kapitulation, «kämpfen bis zum letzten Mann». Hitler wollte seinen Erzfeind Stalin in die Knie zwingen auf Kosten hunderttausender Männer. Im Untergang Stalingrads sah er auch den Untergang Stalins.
Nachdem der Kampf für die deutschen Soldaten immer aussichtsloser wurde, die Versorgungslage katastrophal und die Zahl der Verluste unvorstellbar waren, kapitulierte der Oberbefehlshaber der 6. Armee, General Friedrich Paulus, gegen den Befehl Hitlers, um die verbleibenden Soldaten vor dem Tod zu bewahren, nachdem er schon Zehntausende geopfert hatte. Am 31. Januar 1943 ergab sich Paulus. Von den ursprünglich 360 000 Soldaten blieben noch 90 000 übrig, die völlig entkräftet, krank oder verletzt waren.
Sie begaben sich in russische Kriegsgefangenschaft. Nur ein geringer Prozentsatz überlebte nach der Hölle von Stalingrad die anschliessende Gefangenschaft. Hätten sie weitergekämpft, wäre niemand lebend aus der Stadt gekommen. Paulus war nicht der einzige Kommandeur, der zu spät das Leben seiner Soldaten höher einschätzte, als einen sinnlosen Kampf weiterzuführen. Für diesen Entscheid mussten diejenigen, die sich den Befehlen Hitlers entgegenstellten, mit harten Konsequenzen rechnen.
Die Sorgen und Ängste der Angehörigen
Während die Männer sich in Stalingrad in bitterer Kälte Strassenschlachten lieferten, machten sich die Verwandten in der Heimat grosse Sorgen. Berührend sind die Briefe verzweifelter Mütter, die an ihre Söhne schrieben, die in Stalingrad eingeschlossen waren. Stellvertretend für alle schrieb eine Mutter: «Mein liebes gutes Sohndl! … ach, als ob ich nicht wüsste, wie es dort zugeht, Mord und Todschlag und keine guten Aussichten.
Und jetzt in der Kälte sollt ihr Kinder kämpfen. Wenn ich so an dich denke, dann möchte ich dich am liebsten aus der Hölle rausholen, und ich möchte für dich hin. Ich bin schon alt, aber du bist noch jung und schön und schon den Tod vor Augen. Wenn ich dich nicht mehr vor meine Augen bekomme, Sohndl, da brauche ich auch nicht mehr leben … deine Mama.» (Theodor Plievier: Stalingrad, S. 187)
Frauen schrieben ihren Ehemännern. Die Wahrheit über die Lage war trotz ständiger Berieselung durch den Volksempfänger, genannt Goebbels Schnauze, durchgesickert. Diejenigen, denen es noch gelungen war, per Flugzeug dem Kessel zu entfliehen, berichteten von den Ereignissen.
«Lieber Ewald! Der Mensch kann viel aushalten, aber ich meine, du hast nun genug ausgehalten. Auch hier in Köln wird es immer knapper und schlimmer. In der Fabrik ist es schrecklich. Kein bisschen Licht und Sonne. Die Fenster sind schwarz bestrichen, und man hat den ganzen Tag eine scharfe Lampe vor sich. Die Sauflieger kommen Tag und Nacht. Ich bin nichts mehr wert. Habe Kopfschmerzen vor Aufregung. Und wenn ich an dich denke, es ist zum Heulen, da kann man jeck [verrückt] werden.» (Theodor Plievier: Stalingrad, S. 188)
Man kann sich vorstellen, dass die Angehörigen von kämpfenden Ukrainern und Russen heute gleiche Botschaften schicken.
16-jährige für den Abwehrkampf ausgebildet
Im Jahr 1942 begannen die Alliierten mit der systematischen Bombardierung deutscher Städte. Arthur Harris, Chef des britischen Bomber-Command, wollte das Deutsche Reich in Schutt und Asche legen und das Volk, indem man die Städte systematisch bombardierte, zu einem Aufstand gegen Hitler treiben. So entstand eine neue Front: die Heimatfront.
Ein junger Mann war gerade einmal 16 Jahre alt, als er zusammen mit seinen Schulkameraden zur deutschen Wehrmacht eingezogen und als Luftwaffenhelfer ausgebildet wurde. Die jungen Gymnasiasten erhielten morgens Unterricht in einer Baracke in der Nähe des Ausbildungsgeländes und am Nachmittag wurde geschossen. Die Aufgabe der Schüler war, die Luftabwehr gegen die Tag und Nacht anfliegenden alliierten Bomberflotten zu unterstützen und beim fast unmöglichen Schutz der Städte und der Zivilbevölkerung zu helfen.
Eine traumatisierende Aufgabe, denn nachdem die Alliierten ihre Bombenlast über den Wohnvierteln der Städte abgeworfen hatten, zeigte sich den jungen Erwachsenen ein Bild des Grauens. Bevor diese Männer überhaupt einmal leben konnten, waren sie mit Tod und Verderben konfrontiert, sahen Dinge, die wir zum Glück bis jetzt noch nicht sehen mussten.
Gegen Ende des Krieges war die Schulklasse aufgehoben, aus den Luftwaffenhelfern wurden Soldaten. Kommandeure teilten sie jetzt verschiedenen Abteilungen zu. So wurde unter anderem eine Sondereinheit gebildet.
Die Aufgabe war nun, der anstürmenden Sowjetarmee standzuhalten und sie zurückzudrängen, was völlig illusorisch war. Es gab keine Soldaten mehr. Hundertausende junger Menschen hatten bereits im Kampf ihr Leben verloren, und nun sollten in einem völlig aussichtslosen Kampf weitere Menschen sinnlos geopfert werden. Hitler und seine Schergen propagierten noch immer den nahenden Endsieg, schoben auf Generalstabskarten Panzerdivisionen umher, die es gar nicht mehr gab, und hatten den Bezug zur Realität gänzlich verloren.
Himmelfahrtskommando für den Endsieg
Die jungen Männer der Sondereinheit wurden zu einer ganz besonderen Mission ausgewählt. Der Auftrag lautete, unmittelbar an der Frontlinie Minen auf die Ketten sowjetischer Panzer zu legen. So wollte man «den Russen» aufhalten und ihm noch möglichst hohe Verluste beibringen. Der inzwischen 18jährige Soldat befand sich auf einer Liste mit anderen, die für dieses sinnlose Himmelfahrtskommando ausgewählt waren. – Das war ihr Todesurteil. Die Einsatzleitung bereitete sie auf ihre Mission vor und erklärte ihnen die Taktik, wie man vorgehen müsse, damit der Feind einen nicht entdecke und der Einsatz so erfolgreich sei. – Völlig illusorisch.
Dann war es so weit. Die Liste mit den «Auserwählten» für den Sondereinsatz wurde von einem der Kommandanten nochmals kontrolliert. Dabei stellte er beim Lesen der Namen fest, dass er die Familien einiger der «Auserwählten» persönlich kannte. Er war sich bewusst, was die jungen Menschen erwarten würde, und dass am Ende ihr Tod stünde.
Was waren ihre Aussichten? Vielleicht gelang es, einen Panzer in die Luft zu sprengen und drei oder vier sowjetische Soldaten zu töten und unter Umständen dabei selbst zerfetzt zu werden, vielleicht wären sie aber auch unter den Ketten der russischen Panzer zermalmt worden, bevor sie die Sprengladung anbringen konnten. Sollten sie tatsächlich Erfolg haben, war sicher, dass sie irgendwann entdeckt und getötet würden.
Der Krieg war verloren, es war sinnlos, weiter junge Menschen zu opfern. Angesichts dieses Elends regte sich im Gemüt des Kommandanten Mitgefühl, das er sich trotz Kämpfen und Töten hatte bewahren können. So strich er unter Gefahr, als Saboteur entlarvt zu werden, die Namen derjenigen auf der Liste, die er kannte, und rettete sie vor dem unweigerlichen Tod.
Tatsächlich kam von denjenigen, die auf der Liste übrig blieben, keiner zurück. Ein Zufall, eine menschliche Regung hat ermöglicht, dass der junge Mann leben durfte. Er überstand körperlich unversehrt den Krieg. Viele andere hatten dieses Glück nicht. Der junge Soldat war mein Vater.
Die Waffen strecken, die weisse Fahne hissen
Der Zweite Weltkrieg war mit dem ersten Schuss verloren. Auch wenn es militärische Erfolge der Wehrmacht gab, konnte der Krieg nicht gewonnen werden. Die Diskussion über die Frage, ob eine andere Strategie zum Sieg geführt hätte, mag aus militärischer Sicht interessant sein, für die sinnlos Geopferten spielt es keine Rolle mehr. Man hätte die Waffen strecken und die weisse Fahne hissen müssen. Ungefähr ein Fünftel der im Russlandfeldzug gestorbenen deutschen Soldaten kam in den letzten vier Kriegsmonaten zu Tode. Es waren 800 000 Mann. Unvorstellbare Zahlen!
«Die Waffen nieder»
80 Jahre später haben wir einen Krieg in Europa, der viele Parallelen zu anderen Kriegen zeigt und seit bald vier Jahren unzählige Opfer gebracht hat und immer noch bringt. Menschen, die in die gleiche Lage geraten wie die Soldaten in Stalingrad. Mütter, Väter, Geschwister, Ehefrauen, Kinder, die das Gleiche durchmachen, für ihre Angehörigen beten und vielfach auf ein Wunder hoffen.
Trotz erneuter Warnung des US-Präsidenten Donald Trump, dass Selenskyj keinen Trumpf mehr in der Hand habe, ziehen sich die Verhandlungen hin. Es gibt nur eins: zurück zur Vernunft, zur Menschlichkeit, die den Tod vieler verhindern könnten. Es wird viele Soldaten und Offiziere geben, die so denken und fühlen wie General Paulus oder der Kommandant der Sondereinheit, die aber in einem System eingeklemmt sind, das es schwer macht, daraus auszubrechen.
Dennoch gibt es nur einen menschlichen Weg, nämlich mit Diplomatie den Krieg zu beenden, um so noch mehr Tote auf beiden Seiten zu verhindern. Auch wenn die eine Kriegspartei als Sieger vom Feld geht, hat sie unzählige Soldaten verloren. Die Hinterbliebenen bleiben in grosser Trauer, in Schmerz und Elend zurück. Sie alle haben nichts von dem Sieg. Es gibt nur eins: Die Waffen niederzulegen, das Schlachtfeld zu verlassen und zurück ins zivile Leben zu gehen. ■
