Interview mit Prof. Dr. iur. et phil. Alfred de Zayas, Völkerrechtler und ehemaliger Uno-Mandatsträger
Zeitgeschehen im Fokus Trump begründet seinen Angriff auf Venezuela und die Gefangennahme von Maduro damit, das venezolanische Drogenkartell zu bekämpfen. Ist das plausibel?
Professor Alfred de Zayas Seine Ausrede ist noch weniger plausibel als die Mär von den Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins im März 2003. Damals gelang es George W. Bush, eine sogenannte «Koalition der Willigen» aufzubauen, um zu versuchen, dem Angriff auf den Irak eine gewisse Legitimität zu verleihen. Damals ging es ums Öl – genauso wie 2011 in Libyen. Die USA wollen nun das venezolanische Öl klauen und suchen irgendeinen Vorwand.
Diesmal nimmt niemand Trumps Argumente ernst. Aber die internationale Gemeinschaft tut nichts, um den USA deutlich zu machen, dass es so nicht geht und dass man die Konsequenzen der Völkerrechtsbrüche nicht hinnehmen will. Die Welt scheint nicht zu begreifen, dass der Angriff nicht allein gegen Venezuela gerichtet ist, sondern gegen uns alle, gegen die fundamentale Idee der Rechtsstaatlichkeit, gegen die Zivilisation. Er bedeutet einen Rückfall in die Zeit des Absolutismus und des Imperialismus, von denen wir dachten, sie überwunden zu haben.
Der Angriff gegen Venezuela und das Kidnapping von Präsident Maduro wurde durch falsche Propaganda vorbereitet. Calumniare audacter, semper aliquid haeret – Verleumde dreist, denn etwas bleibt immer hängen. Man hat Maduro dämonisiert, wie früher Saddam Hussein, Muammar al-Gaddafi, Bashar al-Assad. Man soll Maduro hassen, dann ist es einfacher, sein Volk zu unterjochen und zu berauben. So wird die Welt belogen und manipuliert.
Man soll den hassen, dem man schaden will – so werden die Rollen gedreht. Proprium est humani ingenii odisse quem laeseris. (Tacitus, Agricola). Genauso wird mit den Palästinensern umgesprungen. Natürlich sind die Palästinenser die Opfer von Völkermord, ethnischer Säuberung, Rassismus und Apartheid, aber die USA, die Briten, die Europäer, die Medien nehmen Israel in Schutz und diffamieren die Palästinenser als «Terroristen».
Was könnte die Uno-Generalversammlung tun?
Vieles. Die Generalversammlung könnte eine «Uniting for Peace Resolution» annehmen, um ihr mehr Kompetenzen unter der Charta zu übertragen, weil die USA den Sicherheitsrat durch den Missbrauch des Vetos blockiert. Die Generalversammlung könnte die Weltgemeinschaft aufrufen, die USA unter ein Embargo zu stellen, keine Geschäfte mehr mit den USA zu machen, keine Waffen von den USA, keine F-16, F-35, keine Boeing-, keine Lockheed-Martin- oder Raytheon-Produkte, zu kaufen.
Man könnte auch den Verkauf von seltenen Erden an die USA verbieten. Genauso, wie die USA und die EU russisches Öl sanktionierten, könnte die Generalversammlung die US-Wirtschaft unter Acht und Bann setzen. Auch die Global Majority in Lateinamerika, Afrika und Asien könnte die USA ächten, die BRICS-Staaten – jetzt unter der Präsidentschaft Indiens – könnten ab sofort aufhören, weiter Handel mit den USA zu betreiben.
Sagen wir es deutlich: Die USA führen Krieg nicht nur gegen Venezuela, sondern gegen uns alle, gegen die Uno-Charta, gegen das Völkerrecht, gegen die Zivilisation. Wir beobachten einen frontalen Angriff auf die zivilisatorischen und menschenrechtlichen Errungenschaften der letzten hundert Jahre. Es geht um gewaltige und gewalttätige Rückschritte. Wir kehren zur reinen Machtpolitik zurück, zur Maxime des Athener Generals gegenüber der Bevölkerung von Melos während des Peloponnesischen Kriegs: «Die Starken tun, was sie wollen, die Schwachen leiden, wie sie sollen». (Thukydides: Der Peloponnesische Krieg, Melian Dialog).
Generalsekretär António Guterres hat zwar «gewarnt», aber er zeigt nicht einmal den Mut eines Kofi Annan, der 2003 den Krieg der «Koalition der Willigen» gegen den Irak deutlich als «illegalen Krieg» bezeichnete. Guterres hätte das Kidnapping als Kidnapping benennen und die Sache an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zur Untersuchung und juristischen Behandlung unter Artikel 5, 7 und 8 des Statuts weiterschicken sollen.
Wäre Trump nicht in der Lage, alle Länder, die nicht mehr mit den USA wirtschaften, zu attackieren?
Trump ist ausser Kontrolle, verachtet uns und das Völkerrecht. Alle seine Angriffe sind völkerrechtswidrig, aber im Augenblick könnte nur der Sicherheitsrat agieren. Die Sitzung am Montag, dem 5. Januar hat nichts bewirkt, obwohl Professor Jeffrey Sachs eine ausführliche Analyse der Lage lieferte und konkrete Vorschläge unterbreitete.1
Die ganze Welt muss Widerstand leisten – nicht nur Lippenbekenntnisse zum Völkerrecht von sich geben, sondern konkrete Handelsmassnahmen gegen die USA ergreifen. Gegen den Rest der Welt kann Trump keinen Krieg führen. Grosse Länder wie China, Indien, Brasilien, Russland und viele Verbündete der BRICS-Staaten müssten den USA klar die Grenzen aufzeigen. Wenn China konsequent keine seltenen Erden mehr an die USA liefern würde, wäre die IT-Industrie schwer unter Druck. Das Potential sollte man in solch einer aussergewöhnlichen Situation ausnutzen, um die USA zu stoppen.
Geht es Trump rein ums Öl?
Trump ist ein Gangster. Er will alle die Reichtümer Venezuelas an sich raffen, nicht nur Öl, sondern auch Lithium und für 200 Milliarden Dollar seltene Erden. Er will die Reichtümer Lateinamerikas, Grönlands, Afrikas. Er will alles, bildet sich ein, Imperator mundi zu sein – der Weltherrscher, legibus solutus, an nichts gebunden – nicht an die Uno-Charta, nicht an die Verträge, nicht an das allgemeine Völkerrecht. Er schafft sein eigenes Völkerrecht. Natürlich ist das alles Unsinn, aber die Welt toleriert es und macht weiter, als ob nichts passiert wäre. Es ist «business as usual». Und die Presse trägt den Unsinn weiter.
Es gab Staaten, die schon Ähnliches erleben mussten. Wird Trump so weiterfahren?
Trump will sich Grönland mit oder ohne Gewalt einverleiben. Er will weitere Regierungen stürzen. Präzendenzfälle gibt es genug. So 1973 in Chile durch Nixon / Kissinger, 1989 in Panama (Kidnapping von Präsident Manuel Noriega) durch George H. W. Bush, 1999 in Jugoslawien durch Bill Clinton und die Nato, 2001 in Afghanistan durch George W. Bush, 2003 im Irak durch Bush und seine «Koalition der Willigen», 2011 in Libyen durch Obama zusammen mit dem verurteilten Verbrecher, Nicolas Sarkozy, 2014 in der Ukraine durch Barack Obama und die böse Hexe Victoria Nuland und so weiter und so fort.
Alles von der Weltgemeinschaft toleriert – und wieder «business as usual». Es gibt eine Kultur der Straflosigkeit, und deshalb trägt die Weltgemeinschaft auch grosse Verantwortung, weil sie dies lange geduldet und keine Strategie gegen die Verbrechen entwickelt hat. Im Gegenteil: Es war ein Skandal, als 2019 viele europäische Staaten die US-Marionette Juan Guaidó als legitimen Präsidenten Venezuelas anerkannten. Die europäischen Staaten haben sich wie blosse Lakaien Washingtons verhalten.
Die «Nürnberger Prinzipien»2
Grundsatz I
Jede Person, die eine Tat begeht, die nach dem Völkerrecht als Verbrechen bestimmt wurde, ist dafür verantwortlich und wird der Bestrafung zugeführt.
Grundsatz II
Der Umstand, dass das nationale Recht keine Strafe für eine Tat vorsieht, die nach Völkerrecht als Verbrechen bestimmt ist, entlastet den Täter nicht von seiner Verantwortlichkeit nach Völkerrecht.
Grundsatz III
Der Umstand, dass der Beschuldigte eine nach dem Völkerrecht als Verbrechen gekennzeichnete Tat in seiner Eigenschaft als Staatschef oder verantwortliches Mitglied einer Regierung begangen hat, entlastet ihn nicht von seiner Verantwortlichkeit nach Völkerrecht.
Grundsatz IV
Der Umstand, dass eine Person nach dem Befehl ihrer Regierung oder eines Vorgesetzten gehandelt hat, entbindet sie nicht von der Verantwortlichkeit nach Völkerrecht, es sei denn, dass sie keine Möglichkeit gehabt hat, sich frei zu entscheiden.
Grundsatz V
Jede Person, die eines Verbrechens gegen das Völkerrecht beschuldigt wird, hat Anspruch auf einen fairen Prozess, und zwar in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht.
Grundsatz VI
Die nachstehend aufgeführten Verbrechen sind als Verbrechen nach dem Völkerrecht zu bestrafen:
a) Verbrechen gegen den Frieden:
Das Planen, Vorbereiten, Anzetteln oder die Durchführung eines Angriffskrieges oder eines Krieges durch Verletzung internationaler Verträge, Vereinbarungen oder Versicherungen.Die Teilnahme an einem gemeinsamen Plan oder einer Verschwörung zur Ausführung irgendeiner der unter (i) aufgeführten Taten.
b) Kriegsverbrechen:
Bruch des Rechts oder der Gebräuche des Krieges, wobei die Vergehen nicht auf Mord, Grausamkeiten oder Deportation der Zivilbevölkerung in Arbeitslager oder zu einem anderen Zweck aus dem oder in das besetzte Gebiet begrenzt sind, jedoch Mord oder Grausamkeiten an Kriegsgefangenen und Personen auf See, das Töten von Geiseln, die Plünderung von öffentlichem und privatem Eigentum, die mutwillige Zerstörung von Grossstädten, Städten oder Dörfern oder deren Verwüstung, die nicht durch militärische Notwendigkeit gerechtfertigt ist, einschliessen.
c) Verbrechen gegen die Menschheit:
Mord, Ausrottung, Versklavung, Verschleppung und andere unmenschliche Taten, die sich gegen die Zivilbevölkerung richten, sowie die Verfolgung aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen, wenn die Taten in Ausführung von oder in Verbindung mit Verbrechen gegen den Frieden oder Kriegsverbrechen begangen werden.
Grundsatz VII
Die Mittäterschaft bei der Ausführung eines Verbrechens gegen den Frieden, eines Kriegsverbrechens oder eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit, wie in Grundsatz VI niedergelegt, ist ein Verbrechen nach Völkerrecht.
Sie haben bereits gesagt, Trump führe Krieg gegen die Zivilisation, gegen die Uno-Charta, gegen das Gewaltverbot, gegen die Souveränität eines Landes. Hier werden doch noch weitere internationale Verträge gebrochen.
Trumps Ansprüche und Handlungen bedeuten einen Aufstand gegen die Nürnberger Prinzipien, die von der Völkerrechtskommission der Uno und der Generalversammlung 1950 angenommen wurden.
Trump handelt gegen das Statut des Nürnberger Tribunals,3 gegen das Urteil des Nürnberger Tribunals,4 gegen die Rechtsprechung des Internationalen Strafrechtstribunals für das ehemalige Jugoslawien, gegen Geist und Buchstabe der Uno-Charta (Artikel 1, Artikel 2(3), Artikel 2(4), Artikel 39), gegen die Charta der Organisation der Amerikanischen Staaten (Artikel 3, 19, 20), gegen das Statut von Rom des Internationalen Strafrechtstribunal (Artikel 5 – Verbrechen der Aggression, 2010 Kampala Definition der Aggression, Generalversammlung Res. 2625, Res. 3314 und so weiter), gegen die Rechtsprechung des Internationalen Gerichtshofes (zum Beispiel das Urteil von 1986 gegen die USA in der Causa «Nicaragua v. US»).5
Wird hier nicht auch die US-amerikanische Verfassung verletzt?
Ja, Trump handelt auch gegen die US-Verfassung. Gemäss Artikel VI der US-Verfassung sind internationale Verträge «law of the land»,6 und der Präsident muss sich an das Völkerrecht halten. Aber er hat seine Juristen, die ein eigenes «Völkerrecht» fabrizieren. Das ist, was ich in meinen Büchern «Fake-Law» nenne – denn wir leiden nicht nur unter «Fake News» und «Fake History», sondern auch unter Pseudo-Recht.
Regierungsjuristen sind keine Rechtswissenschaftler oder Professoren der Juristerei, sie sind – «pens for hire» – Schreiberlinge, die das schreiben, was von ihnen verlangt wird. Die Argumente sind contra legem, hirnrissig, aber die Masse der Menschen sind keine Juristen und meinen, dass der Präsident doch irgendwie wissen muss, wovon er redet.
Wie sieht es mit den amerikanischen Gerichten aus?
Es ist alles ein Trauerspiel. In Amerika gibt es – allen Ernstes – eine Doktrin, bekannt als «male captus, bene detentus» – schlechte Verhaftung, aber prima Inhaftierung. Demnach kann ein amerikanischer Richter die Gerichtsbarkeit über einen Fall ausüben, auch wenn der Angeklagte auf illegale Weise ins Land gebracht wurde, auch wenn das Völkerrecht eklatant gebrochen worden ist, auch wenn Verbrechen wie Kidnapping von der US-Regierung selbst begangen worden sind.
Keine zivilisierte juristische Instanz kann «Justiz» mit «staatlichen Verbrechen» in Einklang bringen. Beim Kidnapping und der Verhaftung Maduros geht es nicht nur um ein internationales Verbrechen, sondern um Verletzungen des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte (Artikel 6, 7, 9, 10, 14) und der American Convention on Human Rights. In Europa würde kein Richter die Rechtsprechung unter diesen Umständen übernehmen, wenn er wüsste, dass der Angeklagte auf eine nicht «rechtsstaatliche» Weise verhaftet wurde.
Hier geht es um eine contradictio in adiecto, um eine juristische Monströsität. Wie kann ein Richter überhaupt Recht sprechen, wenn er weiss, dass die Regierung ein noch grösseres Verbrechen begangen hat? Eigentlich geht es um die Autorität und Glaubwürdigkeit der Institution des Richters. Man würde sich mitschuldig am staatlichen Verbrechen machen. Es wäre Betrug an der Juristerei. Und genau das passiert in den USA.
1989 hat George H. W. Bush den panamaischen Präsidenten, Manuel Noriega, gestürzt und dann vor US-Gerichten verurteilen lassen. George H. W. Bush hat auch den mexikanischen Arzt, Humberto Alvarez Machain, durch die Drug Enforcement Administration (DEA) kidnappen lassen und illegal vor die US-Jurisdiktion gebracht.7 Drei Jahre später wurde Alvarez Machain freigesprochen und nach Mexiko repatriiert.
Aber eine Wiedergutmachung oder Kompensation für die Demütigung, Folter, illegale Verhaftung wurde niemals bezahlt. Im Jahre 2020 während der ersten Amtsperiode von Donald Trump wurde der venezolanische Diplomat, Alex Saab aus Cabo Verde, entführt und nach Miami gebracht. Auch ihm konnte man nichts nachweisen, aber er verlor vier Jahre seines Lebens und wurde schliesslich in einem «Gefangenen-Austausch» nach Venezuela zurückgeschickt.8
Man hat den Eindruck, man befände sich im wilden Westen. Sie haben gesagt, dass die Länder in der Uno-Generalversammlung Möglichkeiten hätten, etwas gegen die Invasion und Verhaftung des Präsidenten zu unternehmen. China und Russland haben sich im Sicherheitsrat empört. Wie haben andere Nationen auf den Überfall reagiert?
Ja, das ist richtig. Im Sicherheitsrat haben China und Russland stark protestiert, auch andere Regierungen, die von Barbados,9 Brasilien, Frankreich,10 Kuba, Mexiko, Kolumbien und so weiter. Aber Proteste sind nicht genug. Lippenbekenntnisse zum Völkerrecht werden von Trump ignoriert. Er denkt: «Sticks and stones will break my bones, but words will never hurt me.» – «Stöcke und Steine brechen meine Knochen, aber Worte werden mich niemals verletzen.»
Was bedeutet dieser Vorgang für die Venezolaner?
Ein kriminelles Kidnapping hat sich ereignet, noch kein Coup d’État, wie zum Beispiel 1973 in Chile oder 2014 beim Maidan-Putsch in der Ukraine. Venezuela ist ein Rechtsstaat und hat eine Verfassung. Gemäss Artikel 233 der Verfassung wurde die bisherige Vize-Präsidentin, Delcy Rodriguez, am 5. Januar vom Obersten Gerichtshof Venezuelas und der Nationalen Versammlung als Präsidentin ad interim eingesetzt.11
Die Regierung ist nicht gefallen, das System der Bolivarischen Revolution funktioniert wie vorher, auch wenn der bisherige Präsident, Nicolas Maduro, in New York inhaftiert ist und nicht mehr in Caracas regieren kann.
Es werden wohl andere Staaten, die den USA nicht genehm sind, mit so einer Aktion rechnen müssen? Könnte es den Iran treffen?
Iran kann sich besser verteidigen als Venezuela. Iran kann die Strasse von Hormus schliessen. Iran kann US-Militärstützpunkte treffen. So einfach ist es nicht. Gewiss ist auch Präsident Gustavo Petro in Kolumbien selber in Gefahr, auch Luiz Ignazio Lula da Silva in Brasilien. Mal sehen, was geschieht.
Wäre ich Putin, würde ich das Risiko nicht mehr auf mich nehmen, wieder die USA zu betreten. Wenn man es mit einem Megalomanen zu tun hat, muss man sich in Acht nehmen.
Viele europäische Staaten hüllen sich mehr oder weniger in Schweigen zum Vorgehen der USA. Warum kommt von Europa keine deutliche Kritik? Hier wird doch ihre viel gepriesene «regelbasierte Ordnung», die sie vorgeben zu verteidigen, aufs Schwerste verletzt.
Qui tacet consentire videtur. Die Europäer machen sich zu Komplizen, wenn sie nur zuschauen und nicht handeln. Es geht um einen Angriff gegen uns alle, gegen die Zivilisation. Fatalerweise leben die Europäer in einer Märchenwelt. Sie sollten endlich begreifen, dass
Uncle Sam eben kein netter alter Herr ist, gewiss nicht der wohlwollende Onkel der Europäer, nicht einmal ein Freund, allenfalls ein Business-Partner, aber nur so lange, wie er für die USA nützlich ist. Die USA waren kein Freund der Europäer weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg. Die USA agieren allein für ihre eigenen Interessen, sie sind der lachende Dritte bei der Selbstzerstörung der Europäer.
Verdrängen das die Europäer oder gilt: «Was nicht sein darf, ist nicht?»
Die Politik der 13 britischen Kolonien in Nordamerika war stets aggressiv, stets auf Ausbeutung abgestellt. Nicht ohne Grund schrieb Martin Luther King Jr. in seinem Buch «Why We Can’t Wait» von 1964: «Our country was born in genocide»12 – unser Staat ist im Völkermord geboren – gemeint sind die 10 Millionen Autochthonen – die Algonquins, Cree, Cherokees, Dakotas, Hopis, Iroquois, Lakotas, Mohawks, Pequots, Sioux, die von den ersten weissen Amerikanern ausgerottet wurden.
Die USA waren immer Aggressor, siehe die «Monroe Doktrin», siehe das «Manifest Destiny». Der grosse Erfolg der USA liegt nicht in ihrer militärischen oder wirtschaftlichen Macht, sondern in der Psychologie, in der grossen Lüge. Public Relations und Propaganda haben ein positives Bild der USA aufgebaut, das leider auch von Journalisten und Historikern bis heute weitergetragen wird.
Eines Tages werden die Europäer verstehen, dass die Politik der USA niemals altruistisch, und stets an der Ausbeutung anderer orientiert war. Einige Europäer haben noch Respekt vor den USA, so wie Julius Caesar schrieb: «Quae volumus, ea credimus libenter» (De Bello Civile 2,2) – wir glauben, was wir glauben wollen. Schlimmer noch: «Mundus vult decipi» – die Welt will betrogen werden. Die Europäer – und sogar einige Schweizer wie Ignazio Cassis – lassen sich allzu leicht von den USA betrügen. Was tun? Bloss unsere Augen öffnen. Endlich die Realität sehen, wie sie ist, und nicht durch die US-Propaganda und Umerziehung wahrnehmen.
Welchen Wert hat nach solchen ungesühnten Brüchen noch das Völkerrecht?
Zweifelsohne findet der grösste Völkerrechtsbruch heute nicht in Venezuela, sondern in Gaza statt. Dort tobt ein Völkermord seit mehr als zwei Jahren. Dort gibt es Apartheid und ethnische Säuberung seit bald 80 Jahren. Man muss einen Sinn für die Verhältnismässigkeit behalten. Alle Völkerrechtsbrüche müssen bekämpft werden, aber Völkermord ist schlimmer als Kidnapping.
Schrecklich ist, dass die USA und die meisten europäischen Staaten mitschuldig am offensichtlichen Völkermord in Gaza sind, denn sie haben die Waffen dazu geliefert, sie haben militärische, politische, ökonomische, propagandistische, diplomatische Hilfe geleistet. Hier liegt eine ungeheure Schuld – auch auf der Schweiz. Eines Tages müssen die USA und Europa zur Rechenschaft gezogen werden und Milliarden an Reparationen an die Palästinenser zahlen.
Eines muss man begreifen – ein Völkerrechtsbruch schafft kein neues Völkerrecht: «Ex iniuria non oritur ius.» – Aus Unrecht kann kein neues Recht entstehen.
Was wir hier haben, ist eine Reihe von Völkerrechtsbrüchen, die bisher straffrei geblieben sind. Dies ist zum Teil die Folge des Missbrauchs des Vetorechts im Sicherheitsrat. Aber die Verbrechen bleiben Verbrechen, auch wenn man sie vorerst unbestraft lässt.
Eigentlich bleiben alle die völkerrechtlichen Regeln, die Verträge, die Uno-Charta weiterhin gültig. Der Internationale Gerichtshof, der Internationale Strafgerichtshof, die Welthandelsorganisation, die Flüchtlingsorganisation existieren alle noch. Was uns fehlt, ist die Umsetzung von Regeln und Urteilen der höchsten Uno-Instanzen. Es fehlt ein «Follow-up» zu den Berichten von Francesca Albanese, Alena Douhan und meinen eigenen Uno-Berichten von 2012 bis 2018.
Zivilisation bedeutet eine Vereinbarung, sich an Regeln zu halten und Rechtsbrüche zu ahnden. Dies verlangt politischen Willen. Leider sind die politischen Führer Europas alle Versager – nur wenige wie Robert Fico und Viktor Orbán wollen Aufrichtigkeit und Diplomatie in internationalen Beziehungen, sie wollen Frieden unter der Uno-Charta, keine Provokationen, keine Eskalationen mehr.
Wir haben heute mit einem ernsten Aufstand gegen das Völkerrecht zu tun, mit einem kolossalen Angriff gegen die internationale Ordnung und gegen die Moral. Wir können diese Herausforderung meistern, aber dafür braucht es den politischen Willen – vor allem im Westen. Die Hoffnung liegt jetzt und in Zukunft auf dem globalen Süden, auf den BRICS-Staaten mit der Bewegung der Blockfreien.
Aus Europa kommt keine Initiative gegen die USA. Es kauft weiterhin amerikanische Waffen, F-16, F-35. Starmer, Macron, Merz sind Versager – in Bezug auf ihre Völker und die Zivilisation.
Ich habe mein Leben lang an das Völkerrecht geglaubt, lange für die Uno gearbeitet, lange Völkerrecht gelehrt. Es gibt keine Alternative. Entweder wir stehen für die Rechtsstaatlichkeit ein, oder wir gehen unter. Ich bin immer noch überzeugt von der Kraft des Völkerrechts.
Herr Professor de Zayas, vielen Dank für das Gespräch.
Interview Thomas Kaiser
- www.jeffsachs.org/recorded-lectures/3lxj67l899fmctgl82j7pwbz9tlbfl
dt.: https://www.hallo-wippingen.de/wp/2026/01/rede-von-jeffrey-sachs-vor-dem-un-sicherheitsrat-zur-us-aggression-gegen-venezuela/ ↩︎ - home.snafu.de/kdv/contentpages/nuernberg.html ↩︎
- avalon.law.yale.edu/imt/jack60.asp ↩︎
- avalon.law.yale.edu/imt/judgen.asp ↩︎
- icj-cij.org/case/70 ↩︎
- constitution.congress.gov/constitution/article-6/
This Constitution, and the Laws of the United States which shall be made in Pursuance thereof; and all Treaties made, or which shall be made, under the Authority of the United States, shall be the supreme Law of the Land ↩︎ - U.S. Reports: United States v. Alvarez-Machain, 504 U.S. 655 (1992) ↩︎
- taskforceamericas.org/venezuela-alex-saab-acquitted-of-all-charges/
aldianews.com/en/politics/policy/saab-case ↩︎ - www.stabroeknews.com/2026/01/05/news/guyana/mottley-warns-caribbean-of-fallout-after-us-capture-of-venezuelas-maduro/ ↩︎
- www.msn.com/en-us/news/world/us-sharply-criticised-by-foes-and-friends-over-maduro-seizure/ar-AA1TCW4N ↩︎
- www.reuters.com/world/americas/venezuelas-supreme-court-orders-delcy-rodriguez-become-interim-president-2026-01-04/
www.voiceofemirates.com/en/news/2026/01/04/breaking-venezuelan-military-recognizes-delcy-rodriguez-as-interim-president-after-maduros-arrest/ ↩︎ - kinginstitute.stanford.edu/why-we-cant-wait ↩︎
