Interview mit Ralph Bosshard*
Zeitgeschehen im Fokus Im Tages-Anzeiger vom 2. Dezember 2025 wird der abtretende Armeechef, Thomas Süssli, mit den Worten zitiert, dass es «mehr als deutliche Anzeichen dafür» gebe, dass der Westen ab 2028 mit einer Ausweitung des russischen Angriffs zu rechnen habe.
Ralph Bosshard Ja, ich kenne ihn bestens, seit er Hauptmann ist. Ich kann Ihnen nur empfehlen, nicht allzu viel darauf zu geben, was Thomas Süssli sagt.
Sie gehen also nicht davon aus, dass Russland in zwei Jahren an der Schweizer Grenze stehen wird?
Ich wüsste nicht, was die Russen hier sollten. Bei Thomas Süssli müssen Sie einfach davon ausgehen, dass er das sagt, was die nationale Presse sagt, basierend auf dem, was die Pressedienste in Brüssel sagen. Ich höre von alten Kollegen aus dem militärischen Nachrichtendienst (MND) eine gewisse Frustration. Sie sagen, wir beschaffen Nachrichten, wir werten diese aus, wir schreiben sorgfältige Berichte, die an die Armeeführung gehen. Die Armeeführung wischt das alles einmal locker weg, weil sie sagt, sie sei ja von der nationalen Presse informiert. Sie wissen sowieso alles besser.
Zu Herrn Süssli ist auch noch zu sagen, dass er nie in einer langen Auslandskommandierung gewesen ist. Ich glaube nicht, dass er in der Lage ist, kritisch einzuordnen, was in irgendeinem Presseerzeugnis steht.
Der militärische Nachrichtendienst beobachtet also die aktuelle Lage sehr genau und meldet dies an die Armeeführung?
Ja, das ist seine Aufgabe.
Das heisst, dass man bei der Armeeführung eigentlich eine realistische Lagebeurteilung hätte.
Ich denke schon. Vor allem die Franzosen und die Amerikaner haben durchaus eine realistische Beurteilung. Diese Lagebeurteilung ist auch der Grund dafür, wieso der Herr Macron mit seinen Kraftmeiereien in den letzten Monaten ein bisschen zurückhaltender geworden ist. In den Vereinigten Staaten gibt es ein paar Nachrichtendienstler, wie Scott Ritter, Douglas Macgregor, Ray McGovern, Larry Wilkerson und auch noch andere, die recht offen auftreten und sagen können, wie die aktuelle Lage ist. Sie haben noch ihre Verbindungen zu den alten Kollegen. Ich denke, dass die noch aktiven Nachrichtendienstler in den USA zu nicht wesentlich anderen Beurteilungen kommen.
Und bei Thomas Süssli ist es so, dass er sagt, was der Departementschef will, das ist alles mit ihm abgesprochen. Im Moment besteht das Problem darin, dass er zusätzliche Militärausgaben in Höhe von mehreren Milliarden Franken noch irgendwie rechtfertigen muss.
Die Ideen, die jetzt schon im Schweizer Fernsehen auch vom Präsidenten der Schweizer Offiziersgesellschaft herumgeboten worden sind von wegen Strassenkampf in Zürich, das ist so etwas von unrealistisch, dass ich eigentlich nur den Journalisten dafür kritisieren kann, dass er so einen Unsinn überhaupt noch in eine Sendung verpackt und verbreitet.
Und in der Presse liest man dann eigentlich all das, was von der Ukraine aus serviert wird?
Ja. Nachrichtendienste hängen zum Teil bereits am Tropf der ukrainischen Nachrichtendienste, die übrigens zum Teil höchst korrupt und auch kriminell sind. Man hat bereits schon die britischen Nachrichtendienste dabei ertappt, dass sie unkritisch ungefilterte Informationen der ukrainischen Nachrichtendienste verbreitet haben. Das betrachte ich als höchst unprofessionell, was mich von den Briten eigentlich sehr überrascht hat. Es gibt gewisse Details, an denen man das merkt, zum Beispiel an einer ukrainischen Schreibweise von Namen und Ähnlichem.
Und dann gibt es natürlich auch diese «embedded Journalists» wie Georg Häsler, der einem Bruno Lezzi nacheifert, der schon zu seinen aktiven Zeiten mit der Generalität verwoben war, so dass man von einer unabhängigen Berichterstattung im Fall von Bruno Lezzi sicher nicht reden kann. Herr Häsler ist im Heeresstab gerne am antichambrieren. Gehen Sie davon aus, dass es nicht viele Journalisten gibt, die unabhängig und auch sachgerecht berichten. Den meisten von ihnen fehlt es ohnehin an den Kenntnissen, sowohl fachlich wie auch sprachlich.
Und historisch?
Ja, auch das. Ich bin zum Teil auch überrascht über gewisse Milizorganisationen, so auch über die Gesellschaft der Nachrichtendienstoffiziere, Milizoffiziere, die Berichte verfassen, ohne auch nur eine einzige russischsprachige Quelle zu nutzen. Von einem Nachrichtenoffizier erwarte ich etwas anders. Und ich weiss auch, dass ein paar sehr gute Russlandkenner aus dem militärischen Nachrichtendienst gegangen sind, nachdem Jean-Phillipe Gaudin als Chef des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB) geschasst worden ist. Das waren ein paar gute Leute.
Wann war das? Wann hat man Jean-Phillipe Gaudin entlassen?
Das war anfangs der Aera Amherd.
Noch zur Aera Amherd. Der ehemalige Botschafter Jean-Daniel Ruch hätte einen neu geschaffenen Posten im Eidgenössischen Militärdepartement übernehmen sollen und ist dann auch gegangen.
Ja, den Posten des Staatssekretärs für Sicherheitspolitik. Ich kenne den Fall Ruch nicht so genau, aber ich weiss, wer er ist. Aber ich kenne den Fall vom Thomas Greminger sehr genau, der schon zu seiner Zeit als Generalsekretär der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) gewissen westlichen Delegationen nicht gepasst hat, weil er beispielsweise an der Moskauer Sicherheitskonferenz teilgenommen hat. Da hat es ein paar ganz unschöne Bemerkungen gegeben in der Debatte des Ständigen Rats der OSZE. Er hat dem Westen nicht gepasst und die Presse hat begonnen, ihn mit negativen Berichten unter Druck zu setzen.
Dann kenne ich natürlich auch den Fall des Oberst A. F. persönlich, über den die Weltwoche berichtet hat, der als Mitarbeiter der Ständigen Vertretung der Schweiz in Wien angeblich den Russen klassifizierte Dokumente übergeben haben soll. Ich weiss ziemlich genau, welche Dokumente er den Russen gegeben hat, da ist also gar nichts klassifiziert und schon gar nicht von Seiten der Schweiz.
Bei A. F. hat man ein lächerliches Kompromat angewendet. Ich bin eigentlich nur erstaunt, dass die Militärjustiz bei einem so offensichtlich lächerlichen und dünnen Kompromat überhaupt mitmacht. Dass irgendein Journalist, der Karriere machen will, die Geschichte dann aufgreift, das ist sonnenklar. Wir haben auch Grund zur Annahme, dass A. F. von den ukrainischen Nachrichtendiensten beschattet worden ist in Wien.
Aber das sind keine Einzelfälle. Auch Mathias Tüscher, ehemaliger Kommandant der 1. Division, wurde geschasst.
Er hat mir nicht detaillierter Auskunft geben wollen.
Ferner kommt bei mir der Verdacht auf, dass Pälvi Pulli, die frühere Chefin Abteilung Sicherheitspolitik im Generalsekretariat VBS, die eine bekannte Russlandhasserin ist, in mehreren Fällen ihre Hand im Spiel hatte, als sie gemerkt hat, dass sie nicht Staatssekretärin werden kann, weil sie im Parlament ganz einfach die Akzeptanz nicht gehabt hat. Möglicherweise hat man bereits vorher gewusst, dass man Markus Mäder will als Staatssekretär. Und dann hat man halt zuerst die zwei im Rang höher gestellten – es sind ja beides Botschafter gewesen – abgeschossen.
Auch Thomas Süssli ist einer, der sich sehr stark sorgt um die angebliche «russische Desinformation», die ihm aus dem Nachrichtendienst des Bundes zugetragen wird.
All das basiert auf einer US-Nato-Theorie der Informationskriegsführung (im Nato-Englisch: Cognitive Warfare), die im Gefolge des Vietnamkrieges entstanden ist. Das amerikanische Militär behauptet bis heute, die USA hätten den Vietnamkrieg einzig und allein wegen der Berichterstattung der Medien verloren. Mit diesem «im Felde unbesiegt», sind wir wieder bei der Dolchstosslegende aus den 1920er Jahren. Nach Vietnam haben die USA eine zweite Dolchstosslegende konstruiert. Ziel ist, den sogenannten Informationsraum zu beherrschen, und so kommen diese Pressekampagnen zustande.
Es gibt genügend Journalisten, die an einem guten Verhältnis zur Armeespitze und zu den Nachrichtendiensten interessiert sind. Sie sind bereit, praktisch alles zu veröffentlichen, was diese veröffentlicht haben wollen, oder? Guy Vallat, ehemaliger Verteidigungsattaché in Paris, Mathias Tüscher, der A. F., Jean-Daniel Ruch, Thomas Greminger und einfach noch ein paar andere, das sind jetzt einfach ein bisschen viele Leute. Herr Lutz von der Weltwoche ist mittlerweile zu derselben Vermutung gekommen, wie ich. Die Berichterstattung in unserer Presse wird gesteuert.
Wie schätzen Sie Inside Paradeplatz ein?
HD Clausewitz, wie er sich nennt, verfügt über gute Fachkenntnisse. Er könnte auch aus dem Dunstbereich des militärischen Nachrichtendienstes stammen, eventuell einfach einer von den eingangs erwähnten frustrierten MND-Mitarbeiter.
Der MND hat ein paar Dutzend Mitarbeiter in der sogenannten Armeenachrichtenzentrale an der Papiermühlestrasse 20 in Bern. Da sitzen zum Teil Durchdiener-Rekruten, die da verfolgen, was CNN und andere berichten. Da läuft der Fernseher dauernd. Also da sind fundierte Informationen schon langsam etwas dünn.
Die Posten der Verteidigungsattachés (VA), die weltweit tätig sind, werden mittlerweile nach politischen Kriterien vergeben. A. F. war ja auch VA. Er ist einfach aufgefallen, weil er sehr gute Berichte gemacht hat. Dann gibt es unter den VAs auch Habasche, die einfach an die Apéros rennen und nicht viel mehr machen.
Ich habe auch so einen gekannt, der ehemalige VA in Kiew. Er ging an diese Rüstungsmessen und war vor allem an den Apéroständen zu sehen. Dann gibt es andere, die haben den nachrichtendienstlichen Aspekt begriffen und arbeiten seriös, die machen etwas. Ja, das Nachrichtenbusiness ist einfach verpolitisiert worden und wer Pälvi Pulli und Amherd und anderen nicht gepasst hat, der ist auf einen unattraktiven Posten abgeschoben worden.
Man kann also grundsätzlich sagen, wenn man im VBS für die Neutralität einsteht und auf keinen Fall noch näher an die Nato will, dann muss man damit rechnen, dass man einige Steine in den Weg gelegt bekommt?
Ja, das ist jetzt sicher so, zumal auch das Personelle verpolitisiert worden ist in den letzten Jahren. Es hat angefangen mit der Aera Blattmann, wo die Armeeführung angefangen hat zu bestimmen, wer Schulkommandant wird. Früher, das muss ich Ihnen sagen, früher hätte sich ein Bundesamt für Kampftruppen oder ein Bundesamt für Unterstützungstruppen in den frühen 2000er Jahren und später auch die Lehrverbände, die hätten sich nicht dreinreden lassen.
Die Armeeführung hat die Bestimmung der Schulkommandanten sehr stark an sich gezogen. Das hat der Qualität im Grossen und Ganzen nicht gut getan. Und heute ist das natürlich politisch. Wer heute auf Neutralität und Unabhängigkeit pocht, der darf nicht damit rechnen, dass er noch irgendwo Verteidigungsattaché wird. Im Gegenteil, er muss damit rechnen, dass er entfernt wird.
Anfang der 2000er Jahre hat der damalige Botschafter Anton Thalmann, der die Schweizer Armee in ein Nato-Modul umwandeln wollte, gesagt: «Man muss die Neutralität, an der kein Bedarf mehr besteht, sanft einschlafen lassen.»
Das war damals nachvollziehbar. Mit dem Ende des Kalten Krieges war die Konfrontation zwischen den Blöcken USA-UdSSR vorbei. Das hat man damals gemeint, definitiv. Nach 40 Jahren Kalter Krieg und der Position der Schweiz zwischen den zwei grossen Blöcken hat man sich gefragt, wie es jetzt bei uns weiter geht. Dann kamen die Optimisten und sagten, wir lösen die Nato nicht auf.
Volker Rühle und Manfred Wörner in Deutschland waren da führend. Sie sagten, auf dieser Basis regeln wir jetzt alle noch offenen Konflikte in Europa und später auch ausserhalb von Europa. Es gab einen gewissen Optimismus, aber von diesem Optimismus sind wir heute geheilt, weil das nicht funktioniert. Die Nato hat sich in Interventionen verstrickt, die mehr als problematisch sind. Von daher wäre heute eine Revision der damaligen Auffassung von Thalmann natürlich dringend nötig.
Ich denke, bereits die Jugoslawien-Kriege mit dem Höhepunkt 1999 hätten eine Warnung sein müssen, dass das nicht möglich sein wird. Und schauen Sie einmal, was EU und Nato und OSZE in den Krisengebieten und in den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion fertiggebracht haben? Das ist recht bescheiden. Das Problem mit dem Kosovo hat man einfach eingefroren, nicht gelöst. Bosnien-Herzegowina ist nicht stabil. Im Südkaukasus hat weder die EU noch die Nato irgendeine konstruktive Rolle gespielt.
Im Transnistrien-Konflikt werden sie auch keine spielen können. Die können einen Kalten Krieg führen, Probleme lösen können die nicht.
Gerade die Fehlentwicklungen der letzten 20 bis 25 Jahre sollten doch jetzt ein bisschen skeptischer machen in Bezug auf eine Integration in die Nato. Man hat natürlich die Interoperabilität gefördert, weil man gedacht hat, wir nehmen dann an Peacekeeping-Operationen teil. Der Kosovo war die einzige und ist die einzige geblieben.
Bei anderen Peacekeeping-Operationen der Nato hat man als Schweizer nicht mitgemacht. Man hat bei «Atalanta» nicht mitgemacht, weil Ueli Maurer als Chef des VBS damals kapiert hat, dass es bei «Atalanta» um viel mehr ging als um Piraten. Das hat er schon richtig gesehen. Es ist also sicher jetzt einmal Zeit, die Thalmann’sche Beurteilung von damals zu revidieren.
Es gibt die Idee, dass man die Kfor-Soldaten aus dem Kosovo abziehen und in der Ukraine einsetzen will.
Ja, das Problem ist natürlich, dass Kfor und im Speziellen die Swisscoy je länger, je weniger Sinn machen. Die Truppe ist schon lange dort unten. Die sinnvollen Aufträge haben abgenommen. Im Parlament will man das Engagement nicht beenden, weil man weiss, dass das von der Nato nicht geschätzt würde. Den Rückzug der beiden Schweizer Offiziere aus der ISAF in Afghanistan hat die Nato gar nicht geschätzt. Die Schweiz ist in Nato-Kreisen damals sehr kritisiert worden.
Und dann muss ich Ihnen sagen, eine von der EU oder von der Nato geführte Peacekeeping-Operation in der Ukraine wird nicht zustandekommen. Das ist die Kardinalbedingung von den Russen.
Schon 2014 haben wir natürlich festgestellt, dass man die Schweiz von Deutschland her gerne instrumentalisiert hätte, um die Türe zu öffnen, damit in der Ukraine eine permanente Truppe stationiert werden kann. Frau Merkel hat damals versucht, sich als die grosse Schutzheilige der Ukraine zu profilieren. Frau Merkel mit ihrer Bundeswehr hat uns dann diese Luna-Drohnen angeboten, und das ist so weit gegangen, dass wir angefangen haben zu überlegen, ob man mit diesen den Waffenstillstand überwachen könnte.
Auf die Luna-Drohnen haben wir dann verzichtet, weil wir gemerkt haben, dass sie ab wenigen Minusgraden nicht mehr fliegen können. Zum andern haben die Deutschen uns zu erklären versucht, dass es um einen Drohnenoperateur herum ein ganzes Bataillon brauche, sonst funktioniere das nicht. Wir haben natürlich relativ schnell gemerkt, dass es darum gegangen ist, eine permanente Truppenpräsenz einzurichten in der Ukraine. Botschafter von Arx, ich glaube, er ist jetzt in Kirgistan, hat damals den Braten relativ schnell gerochen. Als Schweizer haben wir dann dort nicht mitgemacht.
Jetzt probiert man das Ganze mit einer Peacekeeping-Operation. Man wird es auch mit irgendwelchen Kontingenten probieren, die an Übungen teilnehmen. Dann organisiert man irgendeinen Übungsreigen über 52 Wochen im Jahr, dann ist immer wieder eine andere Truppe dort, und dann hat man de facto eine permanente Präsenz. Also, man probiert es durch ein Hintertürchen, und eine Peacekeeping-Operation ist eines von diesen Hintertürchen, und wenn die Schweizer dabei helfen würden, das Hintertürchen zu öffnen, dann hätte man in der Nato Freude am Herrn Cassis.
Die OSZE eignet sich nicht für eine Peacekeeping-Operation. Die hochrangige Planungsgruppe, die sich im Fall von Berg-Karabach mit diesem Thema beschäftigt hat, ist anfangs Dezember aufgelöst worden. Die Special Monitoring Mission der OSZE, in der ich selber dabei war, ist keine Erfolgsstory. Man hat gemacht, was man konnte, aber das war eine Mission, die für etwas völlig anderes aufgebaut worden war. Also, die OSZE kann das auch nicht.
Wenn es Peacekeeping-Truppen für die Ukraine geben soll, dann werden es Kontingente sein von ausserhalb Europas.
Das würde Brüssel, das sich ja als Ordnungsmacht in Europa profilieren will, natürlich nicht passen. Brüssel und die Nato wollen auch keine Peacekeeping-Truppen mit Türken, Arabern oder Afrikanern. Das würde nämlich zeigen, dass diese Nato der Rolle, welche sie sich selber zuschanzt, nicht gerecht wird. Für die Nato wäre das dann eben tödlich. Auch das Thema der Neutralität ist für die Nato tödlich, weil sie behauptet, ohne sie sei niemand mehr sicher auf diesem Kontinent, und die Existenz von einem neutralen Staat beweist das Gegenteil, oder?
Und andere könnten sich auch noch anschliessen?
Ja, genau. Und das stellt natürlich den Sinn und Zweck der Nato, die in einer Krise ist, in Frage.
Die Neutralität stellt also die Existenz der Nato in Frage?
Ja. Bei den Narrativen, die im Moment herumgegeben werden, ist das so. Die Nato hat auch in den Zeiten des Kalten Krieges immer so getan, als würde sie die Sicherheit der Schweiz garantieren. Da muss ich Ihnen sagen, die Schweiz war nie ein Thema für die Nationale Volksarmee der DDR oder für die Sowjetarmee.
Das habe ich gemerkt in der Zeit, als ich für ein Jahr an der Generalstabsakademie in Moskau war. Die Schweiz war nicht das Land, das Kraft seiner militärischen Stärke oder seiner Ressourcen irgendeine Gefahr für die Sowjetunion oder ihre Satellitenstaaten hätte darstellen können, nie und nimmer. Schon eine Gefährdung von Österreich würde ich im Nachhinein als tief einschätzen, die Österreicher haben immer gesagt, sie seien militärisch so schwach, das waren sie damals auch.
Das sage übrigens nicht nur ich. Lesen sie den elften Band der Schweizerischen Generalstabsgeschichte, den Band über die Geschichte des Kalten Krieges von Professor Hans-Rudolf Fuhrer und Matthias Wild. Fuhrer war Dozent für Militärgeschichte an der Militärakademie, milizmässig Oberst im Generalstab, der hat genau das geschrieben. Die Vermutung, dass der Warschauer Pakt die Schweiz erobern wollte, hat sich in den Archiven nicht bestätigt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Schweiz im Moment in Russland ein grosses Thema ist. Nachbarn wie China, Korea, Iran und dazumal Afghanistan sind für Russland ein Thema.
Die Lage hat sich schon geändert, aber die Schweiz ist noch weniger ein Thema als damals. Dass in den Medien jetzt diese Stimmung gemacht wird, Russland sei eine grosse Gefahr, hat zum Ziel, dass all jene, die eigentlich neutral bleiben wollen, Angst bekommen und zu zweifeln anfangen, ob man sich nicht doch unter den militärischen Schutz der Nato und der EU begeben sollte. Genau darum geht es. Die Leute sollen mit der Angst Richtung Nato und EU mobilisiert werden, und dazu sind die absurdesten Behauptungen recht.
Herr Bosshard, vielen Dank für das Gespräch.
Interview Henriette Hanke Güttinger, Ursula Cross und Ursula Felber
Ralph Bosshard, Oberstleutnant im Generalstab, war Berufsoffizier der Schweizer Armee, u. a. Ausbilder an der Generalstabsschule und Chef der Operationsplanung im Führungsstab der Armee. Nach der Ausbildung an der Generalstabs-Akademie der russischen Armee in Moskau diente er als militärischer Sonderberater des Ständigen Vertreters der Schweiz bei der OSZE, als Senior Planning Officer in der Special Monitoring Mission to Ukraine und als Operationsoffizier in der Hochrangigen Planungsgruppe der OSZE. Zivilberuflich ist Ralph Bosshard Historiker (lic. phil., Universität Zürich).
