«Wir wollen Frieden. Wir wollen die Achtung des Völkerrechts»

Auszüge aus dem Interview mit Nicolás Maduro auf teleSUR, 31. Dezember 2025

ZiF Seit Jahren leidet Venezuela unter einseitigen Zwangsmassnahmen, und die Mainstream-Medien versuchen mit grosser Anstrengung, ein negatives Bild der Regierung Maduro und Venezuelas zu zeichnen. Donald Trump nutzte die mediale Vorarbeit aus, um Präsident Nicolás Maduro aus dem Amt zu jagen, was er mit seiner kriminellen und völkerrechtswidrigen Aktion erreichte. Kurz vor seiner Verschleppung gab Maduro einem in Lateinamerika renommierten Journalisten ein ausführliches Interview. Da keines der Hauptmedien sich für die Position der Regierung interessiert und das offizielle Venezuela nirgends zu Wort kommt, können Sie hier zum besseren Verständnis der Situation und im Sinne der Meinungsvielfalt das Interview in Auszügen lesen.

IR Zum zehnten Mal in Folge willigte der venezolanische Präsident Nicolás Maduro in ein «Neujahrsinterview» ein. Wir zeichneten es am späten Nachmittag des 31. Dezembers in Caracas auf, als die Nacht über die schöne Hauptstadt hereinbrach und das Jahr 2025 sich dem Ende zuneigte. Dieses Mal schlug Präsident Maduro vor, ein «Reise-Interview» zu führen.
Wir führten unser Gespräch also in seinem Privatwagen auf der Fahrt durch die belebten Strassen der Stadt. Auf den Rücksitzen sassen Cilia Flores, die Frau des Präsidenten und First Lady, und Freddy Ñáñez, der junge und brillante Vizepräsident für Kultur und Kommunikation. Keine sichtbaren Leibwächter, keine bewaffneten Männer.

Diesmal sind die Äusserungen von Präsident Maduro von besonderem Interesse, da sein Land seit über fünf Monaten unter dem Druck einer mächtigen US-Kriegsmarine steht, die vor seiner Küste stationiert ist. Hinzu kommt, dass der US-Präsident weiterhin Drohungen gegen die Souveränität Venezuelas ausspricht. Und diese angespannte Lage rückt Präsident Nicolás Maduro ins Zentrum des internationalen Geschehens.

Ignacio Ramonet Herr Präsident, zunächst einmal bin ich Ihnen sehr dankbar, dass Sie mir dieses Neujahrsinterview zum zehnten Mal in Folge gewährt haben. Ich weiss, dass Sie einen sehr vollen Terminkalender haben, insbesondere angesichts der aktuellen Lage. Ich möchte mit einem wirtschaftlichen Thema beginnen: Die ECLAC – die Uno-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik – hat soeben einen Bericht veröffentlicht, demzufolge Venezuela im Jahr 2025 mit geschätzten 6,5 Prozent das höchste Wirtschaftswachstum Lateinamerikas verzeichnen wird.1

Meine Frage lautet: Wie kann ein Land unter den Umständen einer Blockade, zahlreicher einseitiger und illegaler Zwangsmassnahmen und einer ernsthaften militärischen Bedrohung durch die Vereinigten Staaten dieses «Wirtschaftswunder» vollbringen?

Nicolás Maduro Das ist allerdings eine gute Frage. [ … ] Venezuela führt nun schon im zweiten Jahr in Folge das Wachstum der Realwirtschaft in Lateinamerika und der Karibik an. Seit unserem Aufschwung im Jahr 2021 verzeichnen wir zwanzig Quartale in Folge Wachstum. [ … ]
Aus spiritueller Sicht mag es ein «Wunder» sein, doch aus der Perspektive der venezolanischen Identität würde ich sagen, dass das Wachstum dieser neuen Wirtschaft – mittlerweile mit 14 Sektoren – dem Unternehmergeist und der Art und Weise zu verdanken ist, wie sich die gesamte Gesellschaft neu erfunden hat.

Venezolanische Familien, Männer, Frauen, Unternehmer, Geschäftsinhaber, Arbeiter – sie alle haben sich neu erfunden. Angefangen bei einfachsten Geschäften wie dem Verkauf von Kaffee und Arepas [venezolanisches Gebäck, Red.]. [ … ]

Wir wollten kein vom Öl abhängiges Rentierkapitalismusmodell haben. Als ich 1962 geboren wurde, war dieses Modell bereits etabliert. Wir waren eine US-amerikanische Öl-Kolonie. Wir entschieden uns jedoch dafür, die Grundlagen zu schaffen, um uns von der Öl-Abhängigkeit zu befreien und unser eigenes Modell zu entwickeln. Kommandant Chávez hinterliess uns die Leitlinien im «Plan de la Patria» (Heimatplan), und wir erprobten sie zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, mitten in der Blockade, als uns 99 Prozent unserer Öleinnahmen entzogen wurden.
Damals wurde in Venezuela nichts produziert.

Und ohne Ressourcen konnten wir nichts mehr importieren. Da sagten wir: Lasst uns voranschreiten, wir wollen an dieser Lage wachsen. Und genau das geschah: Venezuela wuchs – sowohl spirituell als auch in wirtschaftspolitischer Erfahrung. Wir entwarfen eine absolut richtige Politik: die einer Realwirtschaft mit realen Werten, die sich nach und nach zu einer neuen Produktivkraft entwickelte. Und was wächst? 2024 hatten wir ein Wachstum von 9 Prozent, und 2025 werden es ebenfalls um die 9 Prozent sein, vielleicht sogar mehr. Und was wächst?

Die Realwirtschaft wächst, die Wirtschaft, die Güter und Dienstleistungen produziert und Wohlstand auf einem fortgeschrittenen Niveau schafft – das ist wirklich erstaunlich. Denn, ich wiederhole, die Realwirtschaft wächst; jeder der 14 Wirtschaftszweige wächst. Und die grosse Herausforderung besteht nun – wie ich bereits sagte – darin, dass diese 14 Wirtschaftszweige eine Strategie umsetzen, die alle Importe reduziert und beinahe vollständig beseitigt. Wir müssen alles in Venezuela selber herstellen.

Zweitens: Wir brauchen einen Exportsektor neben dem Ölsektor. Neue Devisenquellen. Und drittens: Wir müssen den Markt beliefern. Ich bin jedoch der Ansicht, dass der beste Ansatz darin besteht, alle Importe radikal zu ersetzen, wirklich alle. Bis wir bei null Importen angelangt sind, und alles selbst zu produzieren, um den Inlandsmarkt weiterhin zu 100 Prozent zu versorgen.

Mit Lebensmitteln?

Nein, in allen Bereichen, wirklich in allen. Wir sprechen von öffentlichen Dienstleistungen, Gütern und so weiter. Alle Bedürfnisse des Landes, Kleidung, Schuhe, alles, wirklich alles – alles produzieren.

Fahrzeuge?

Ja, Fahrzeuge, natürlich. Und drittens: Wir müssen das Wachstum im wichtigen Motor der Nicht-Öl-Exporte fortsetzen. Wir müssen den Export von Meeresfrüchten und Bio-Produkten aus eigener Landwirtschaft weiter ausbauen. Wir müssen weiterhin unseren Kaffee exportieren, den besten der Welt, Schokolade, Kakao usw. Wir haben den Weg bereits geebnet und exportieren immer mehr.

Unsere Wirtschaft steht also vor grossen Herausforderungen, um sich weiterzuentwickeln. Denn niemand kann verkünden, wir seien schon über den Berg. Es ist noch im Gange, es wird noch aufgebaut. Und die 14 Sektoren haben grosse Vitalität bewiesen. Die gute Nachricht ist, dass wir, aus einem belagerten, bedrohten Venezuela, im zweiten Jahr in Folge das Wirtschaftswachstum in ganz Lateinamerika und der Karibik anführen. Das sind grossartige Neuigkeiten.

Herr Präsident, dieser wirtschaftliche Erfolg schliesst einen erneuten Anstieg der Inflation nicht aus. Ich frage Sie in diesem äusserst schwierigen geopolitischen Kontext: Welche Strategien verfolgt Ihre Regierung, um die Inflation einzudämmen, die Währung zu stabilisieren und die Kaufkraft von Rentnern, Arbeitnehmern und Lohnempfängern zu verbessern?

Zunächst einmal haben wir eine absolut richtige Strategie verfolgt, nämlich die Indexierung. Darüber wird weltweit nicht gesprochen. Es ist eine Formel, die wir ausprobiert haben. Die Indexierung, zusammen mit dem Unternehmertum, den Familienunternehmen und den genossenschaftlichen Unternehmen der Arbeiter. Das hat Venezuela zu einem der stärksten Binnenmärkte gemacht, und wir haben seit September 2024 das, was ich als «interne Überhitzung des Handels» bezeichne.

Derzeit, im Dezember 2025, ist der Handel in Bezug auf Umsatz und Konsum um 34 Prozent gewachsen, das heisst, es gibt eine sehr deutliche Überhitzung. Aber bereits jetzt decken nationale Produkte 90 Prozent der gesamten Nachfrage nach Produkten auf dem nationalen Markt. Und auch in diesem Jahr gibt es wieder ein Handelswachstum von 34 Prozent. Das bedeutet, dass es eine reale Kaufkraft gibt, eine reale Konsumfähigkeit der venezolanischen Familien. Und die venezolanischen Familien wissen, dass dies so ist. Aber das muss als Modell konsolidiert werden.

Das andere Thema hat mit den permanenten Spekulationsangriffen auf unsere Währung, den Bolívar, zu tun. Das ist ein Problem, das wir schrittweise überwinden konnten. Denn dies ist auch zu dem geworden, was man als das zentrale Ziel der extremen Rechten und der Kampagnen der wirtschaftlichen Bedrohung und Blockade durch das Imperium bezeichnen könnte.

Eines ihrer Ziele ist es jetzt, mit all diesen Angriffen auf Öltanker und den Verkauf von Öl aus Venezuela, das Währungsgeschehen und das Gleichgewicht, das wir bereits in früheren Phasen erreicht und gefestigt haben, erneut zu stören. Es ist eine Störung, mit der wir umgehen können und mit der wir umgehen werden. Und wenn wir unser nächstes Interview in einem Jahr führen, wirst du sehen, dass wir sie überwunden haben.

Herr Präsident, ich möchte ein weiteres Thema ansprechen, das zu wenig Beachtung findet: die Originalität des venezolanischen politischen Modells. Im Jahr 2025 haben Sie den Kommunalstaat nachdrücklich propagiert, und ich frage Sie angesichts der vielen Bedrohungen für Venezuela: Warum haben Sie sich entschieden, die Selbstverwaltung der Bevölkerung zu stärken, anstatt die Kontrolle zu zentralisieren? Ist die Kommune die bolivarische Antwort auf das dominante liberal-demokratische Modell des Westens? Verfolgen Sie ein spezifisches neues Modell der venezolanischen Demokratie?

Ich glaube, dass dieses Modell mit dem Blauen Buch von 1990 von Comandante Chávez entstanden ist, als er bereits von der «bolivarischen Demokratie», der Volksdemokratie, sprach. Zweifellos ist die westliche Demokratie, die klassische Demokratie, die man als liberal bezeichnet, in eine terminale Erschöpfung geraten. Sie repräsentiert nicht mehr die Völker. Es sind Demokratien ohne Volk; es sind manipulierte, manipulierbare Demokratien; es sind Demokratien für Minderheiten, und zunehmend sind es Demokratien, die von Multimillionären, von grossen Konzernen gesteuert werden.

Es sind Demokratien, die der Manipulation durch die sozialen Netzwerke, der emotionalen Manipulation durch die sozialen Netzwerke unterworfen sind. Die Gemeinschaft, die Bürger haben also keine Macht in diesen Demokratien. Im Grunde genommen. Das bedeutet nicht, dass es keine positiven Erfahrungen in der sogenannten «westlichen Demokratie» gibt. Natürlich gibt es die.

Aber von Anfang an gab es hier ein eigenes Projekt, inspiriert von Bolívar, Simón Rodríguez und Ezequiel Zamora. Comandante Chávez schlägt in El Libro Azul vor, die Demokratie durch einen Volksprozess neu zu gestalten. Und die Formel der Demokratie neu zu gestalten, um eine Demokratie für jeden Tag aufzubauen. Eine permanente Demokratie. Eine Demokratie mit dem Volk, in der den Menschen die volle Macht gegeben wird. Und was ist Macht?

Erstens ist Macht Politik. Entscheiden. Über die öffentliche Politik entscheiden. Zweitens ist Macht wirtschaftlich. Über die Haushalte entscheiden. Über die Haushalte der Nation entscheiden. Und drittens ist Macht die Macht der Kultur. Die Macht der Bildung. Das ist es also, was wir aufbauen. Comandante Chávez gründete die Gemeinderäte, er gründete den Rat der Gemeinden.

Und du erinnerst dich sicherlich daran, wie Chávez mir diese Aufgabe übertrug, aber er übertrug sie uns allen. Er legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: «Nicolás, ich vertraue dir die Gemeinden an, wie ich dir mein Leben anvertrauen würde.»

Als er das sagte, spürte ich hier auf meiner Schulter, neben ihm, das Gewicht der Jahrhunderte. Aber glücklicherweise hat unser Volk dieses Gewicht übernommen, und jetzt lastet es nicht mehr auf mir. Siehst du, meine Schultern sind frei, denn unser Volk übt jetzt direkte Demokratie aus. 

Dieses Jahr fanden vier nationale Konsultationen statt. Natürlich existiert für AP, EFE, CNN, UPI, AFP, für die westlichen Medien, direkte Demokratie nicht. Für sie gibt es nur einen ständigen Angriff auf das bolivarische Venezuela. Aber ich fordere hiermit jeden, der debattieren möchte, jeden, egal welchen Namen er trägt oder welche Position er vertritt, auf, in einem beliebigen Viertel von Caracas mit unserem Volk zu debattieren; nicht mit mir, sondern mit dem Volk. Damit es sehen kann, wie eine neue Demokratie entsteht.

Wir wollen niemandem ein Vorbild sein, aber wir sind stolz auf das, was wir aufbauen. Das Volk wird also gestärkt, es formt sich, es bildet sich. Es gab vier Konsultationen, eine pro Quartal, und ausserdem haben wir dieses Jahr 33 000 finanzierte und realisierte Volksprojekte genehmigt, darunter Bauvorhaben, Gesundheitsambulatorien, Volksgesundheitskliniken namens CDI, Schulen, Gymnasien, Strassen, Autobahnen, Infrastrukturen, Altenheime, Jugendheime und vieles mehr. Entschlossenheit, Problemlösung.

Woher kommen die Projekte? Aus der Nachbarschaftsversammlung. Und wie werden die Projekte genehmigt? Sie werden nicht von einem Bürgermeister, einem Minister oder einem Präsidenten genehmigt. Ich genehmige sie nicht für diese Gemeinde; ich sage nicht: «Macht das und das», nein. Sie werden durch die Stimmen der Bevölkerung genehmigt. 33 000 Projekte. Es wurden mehr als 330 Millionen Dollar investiert.

Woher kamen diese 330 Millionen Dollar? Der Gegenwert in Bolívares stammt aus den 14 Motoren, aus den erhobenen Steuern, aus den Auslandsverkäufen, aus dem Erdöl, aus den Öltankern, die auslaufen. All das wird dann in Gemeinschaftsprojekte umgewandelt, es wird zu Lösungen für die Bedürfnisse.

Ich glaube also, dass wir eine starke Demokratie aufbauen, einen permanenten Kreislauf, mit direkter Beteiligung, in der das Volk die Macht hat und nur das Volk entscheidet. Deshalb schliesse ich mich den Worten von Chávez an, als er sagte: «Es ist nicht ein Mann, es ist ein Volk». Es ist nicht Maduro, es ist eine Republik, es ist ein Volk. Maduro ist lediglich der Interpret einer Macht, die die Macht des Volkes ist. 

Wie viele Kommunen gibt es derzeit im Land? 

Es gibt 49 000 Gemeinderäte. Und es gibt 4100 Kommunen. Aber wir sind für die vierteljährlichen Konsultationen in 5336 Gemeindekreisen organisiert. Wie sieht das aus? Nun, dort, wo es Kommunen gibt, koordiniert die Kommune die Gemeinderäte und bildet einen Gemeindekreis. Aber wo es noch keine Kommunen gibt, werden Gemeindekreise organisiert, damit die Menschen abstimmen und entscheiden können. Es ist also unser eigenes Modell. Wir haben es von niemandem kopiert.

Und das gilt sowohl für die Stadt als auch für das Land? Sowohl in der Hauptstadt als auch in den Bundesstaaten? 

Ja. Von Norden nach Süden, von Osten nach Westen. Egal, ob du in die entlegensten Berge, ins kleinste Dorf, aufs Land oder in ein Stadtviertel fährst – überall findest du Gemeinderäte, Kommunen. Da gibt es Sprecher, Führungskräfte. Siebzig Prozent der Führungskräfte sind Frauen. Das Jahr 2025 war also der Durchbruch der Demokratie in Venezuela. [ … ]

Lassen Sie uns also über die militärische Bedrohung durch die USA sprechen. Venezuela ist seit mehr als fünf Monaten mit dieser militärischen Bedrohung durch die Marine vor der venezolanischen Küste konfrontiert. Und die Frage, die sich viele Menschen stellen, lautet: Wie interpretieren Sie die Absichten der Vereinigten Staaten? Was will Washington erreichen?

Wollen sie Druck ausüben, um den nationalen Zusammenhalt, von dem wir gerade gesprochen haben, die Einheit der Bolivarischen Revolution, die Einheit der Bolivarischen Nationalen Streitkräfte zu zerstören? Oder versuchen sie, einen echten Angriff zu starten, um einen sogenannten «Regimewechsel» herbeizuführen? Wie interpretieren Sie diese Drohung?

Ich denke, dass es eine offene Debatte in der Gesellschaft der Vereinigten Staaten gibt, und hier in Venezuela auch. Was bezweckt die derzeitige Regierung der Vereinigten Staaten mit all diesen Drohungen? Ungewöhnlich, illegal, auch extravagant.

Und was ist ihr Ziel? Was strebt sie an? Es ist offensichtlich, dass sie ihren Willen durch Drohungen, Einschüchterung und Gewalt durchsetzen will. All dies verstösst gegen das Völkerrecht, das nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Gründung der Vereinten Nationen im Jahr 1945 etabliert wurde. Tatsächlich wurde kürzlich der 80. Jahrestag der Gründung der Vereinten Nationen begangen. Und das Völkerrecht, die Charta der Vereinten Nationen, die das Rückgrat des gesamten Völkerrechts bildet, verbietet und verurteilt seit der Nachkriegszeit ausdrücklich, dass ein Staat einen anderen mit Gewalt bedroht. Sie verbietet und verurteilt dies und stellt es als internationales Verbrechen dar. Und sie verurteilt und verbietet die Anwendung von Gewalt durch einen Staat gegen einen anderen.

Das hat einen grossen rechtlichen und juristischen Inhalt. Sie verstossen unverhohlen gegen internationales Recht. Und darüber hinaus hat es eine grosse ethische und moralische Komponente. Denn das amerikanische Volk muss sich fragen, ob es seine derzeitige Regierung gewählt hat, damit sie erneut militärische Interventionen in Lateinamerika startet. Ich frage die Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten, die Medienvertreter, aber vor allem die einfachen Menschen, die Jugend der Vereinigten Staaten, die christliche Bevölkerung, meine christlichen Brüder und Schwestern aus den christlichen Kirchen – ich bin selbst Mitglied einer Kirche –, ob es ethisch, moralisch und christlich ist, das zu tun, was ihre Regierung tut.

Ob sie ihre Regierung gewählt haben, damit sie erneut militärische Interventionen in Lateinamerika und der Karibik einleitet, damit sie mit Gewalt Regimewechsel in Lateinamerika und der Karibik herbeiführt, damit sie Staatsstreiche durchführt und Staatsstreiche in Lateinamerika und der Karibik fördert. Damit sie die Vorbereitungen für einen grossen Krieg, einen dieser «ewigen» Kriege, einleitet.

Denn ich habe es in meinen Reden und auch in meinem Lied gesagt: «Not war, not crazy war». Stimmt’s? «Not crazy war. Yes peace». Ich habe es gesagt und als ich gesagt habe, wurde sogar ein Lied daraus. Ich habe «Nein» zu einem erneuten Vietnam-Krieg gesagt. Oder sind sie in den Vereinigten Staaten stolz auf das, was in Vietnam passiert ist? Ich glaube nicht.
Wenn man eine Umfrage macht, wollen 80 Prozent der Bevölkerung der Vereinigten Staaten keinen neuen Vietnam-Krieg. Sie will keinen neuen Krieg in Afghanistan. Oder sind sie stolz auf Afghanistan?

Werden sie einen Vietnamkrieg, einen Afghanistan-Krieg, einen Irak-Krieg, einen Libyen-Krieg hierher in die Karibik, nach Süd­amerika bringen? Das muss man sich fragen. Die Politik der aktuellen Regierung der Vereinigten Staaten steht also im Widerspruch zu dem, was die amerikanische Gesellschaft und die Menschheit anstreben.

Denn was die Menschheit anstrebt, ist Dialog, Diplomatie, Frieden, Respekt zwischen Staaten, Respekt zwischen Völkern. Wir handeln im Rahmen unseres Rechts. Ich als Präsident handle im Rahmen meines Rechts. Wir handeln im Rahmen unseres Rechts, im Rahmen des Völkerrechts, im Rahmen der Verfassung. Wir verteidigen das, was uns am heiligsten ist: unser Land, unsere Bodenschätze. Denn was ist das Ziel? Was ist das Ziel der derzeitigen US-Regierung? Sie haben es bereits ausgesprochen, nicht wahr? Die gesamten Ölreserven Venezuelas zu beschlagnahmen. Sie haben es bereits gesagt. Das Gold. Die Seltenen Erden. Den Reichtum Venezuelas.

Es gibt im Spanischen den Ausdruck «¡Así no! ¡Así no!» [So nicht! Red.]. Wir wollen Frieden. Wir wollen die Achtung des Völkerrechts. Warten wir die kommenden Wochen und Monate ab und hoffen wir, dass die amerikanische Gesellschaft und die Weltgemeinschaft Antworten finden, um diese Bedrohung zu beseitigen und ihr ein Ende zu setzen.

Die seriösesten amerikanischen Medien haben bereits erklärt, dass einige der Argumente, die die US-Regierung in ihrem Druck gegen Venezuela vorgebracht hat, beispielsweise dass Venezuela ein «Kokain produzierendes Land» sei, nicht der Wahrheit entsprechen. Das sagt nicht die venezolanische Regierung, das bestätigen die amerikanischen Medien selbst.

Das ergibt keinen Sinn. Es entspricht nicht der Realität, wie sie jeder Kenner des Themas bestätigen kann. Und was die Frage des Erdöls angeht, so ergibt auch die Erklärung des US-Präsidenten, er sei mit der «Verstaatlichung des Erdöls» im Jahr 1976, also lange vor Chávez, nicht einverstanden, keinen Sinn. Es ist also nicht klar, was das konkrete Argument für diesen militärischen Druck ist.

Was die Drogen angeht, kann ich dir Folgendes sagen: Venezuela hat ein, wie ich sagen würde, perfektes Modell zur Bekämpfung des Drogenhandels. Heute ist es uns gelungen, das vierzigste ausländische Flugzeug des kolumbianischen Drogenhandels zu zerstören. Wem ist es gelungen? Den venezolanischen Suchoi [russ.: Kampfjet, Red.].

Meine Anerkennung gilt den Piloten. Heute wurden in einem Gefecht in der venezolanischen Ebene der letzte operative Chef des Tren del Llano in Guárico und vier seiner kriminellen Handlanger neutralisiert. Er war der letzte, der vom Tren del Llano übrig geblieben war. Wir haben ein perfektes Modell zur Bekämpfung des Drogenhandels und der kriminellen Banden. Das gesamte Kokain, das in dieser Region gehandelt wird, wird in Kolumbien produziert. Das gesamte Kokain. Wir sind Opfer des kolumbianischen Drogenhandels.

Nicht erst seit heute, sondern seit Jahrzehnten. Und mit unserem Modell ist es uns gelungen, die Auswirkungen des kolumbianischen Drogenhandels auf Venezuela in der Vergangenheit zu kontrollieren.

Wir befinden uns also in einem erbitterten Grenzkonflikt. Wir investieren Milliarden in Polizei, Militär und Operationen, da die kolumbianische Grenze völlig ungeschützt ist. Wir haben entlang der 2200 Kilometer langen Grenze zu Kolumbien drei Friedenszonen eingerichtet. Doch von kolumbianischer Seite gibt es keinerlei Kooperation. Daher müssen wir die gesamte Arbeit selbst erledigen. 

Und diese vierzig abgeschossenen Flugzeuge, alle vierzig kamen aus Kolumbien. Mit dem Gesetz in der Hand, dem Abfanggesetz, haben wir sie rechtzeitig gewarnt, alles Notwendige wurde getan, und dann: pim pam pum, – die Raketen der Suchoi. [ … ]

Insgesamt haben wir bis heute 431 ausländische und kolumbianische Drogenflugzeuge abgeschossen – im Rahmen des Gesetzes. Wir verfügen somit über ein vorbildliches und hochwirksames Modell.

Alles andere ist Teil einer Erzählung, die nicht einmal in den Vereinigten Staaten geglaubt wird. Unter keinen Umständen. Und da sie mich einfach nicht beschuldigen können, da sie Venezuela nicht beschuldigen können, Massenvernichtungswaffen zu besitzen, da sie uns nicht beschuldigen können, Atomraketen zu besitzen, eine Atomwaffe vorzubereiten, chemische Waffen zu besitzen, haben sie eine Anschuldigung erfunden, von der die Vereinigten Staaten wissen, dass sie genauso falsch ist wie die Anschuldigung der Massenvernichtungswaffen, die sie in einen endlosen Krieg geführt haben.

In den Vereinigten Staaten weiss man, dass das falsch ist. Ich glaube also, dass man all das beiseite lassen und ernsthafte Gespräche auf der Grundlage von Fakten beginnen muss, und die Regierung der Vereinigten Staaten weiss das, denn wir haben vielen ihrer Sprecher gesagt, dass wir bereit sind, ernsthaft über ein Abkommen zur Bekämpfung des Drogenhandels zu sprechen. Wenn sie Öl aus Venezuela wollen, ist Venezuela bereit für US-Investitionen wie mit Chevron, wann immer sie wollen, wo immer sie wollen und wie sie wollen. [ … ]

Letzte Frage, Herr Präsident, genau zu diesem Thema. Wir haben Sie in den letzten Wochen unter diesem unbestreitbaren Druck gesehen, wir haben gesehen, dass Sie in der Öffentlichkeit sehr aktiv waren und von den Massen unterstützt wurden. Das heisst, Sie sitzen nicht in einem Bunker und schützen sich vor dieser Bedrohung. Sie sind unter den Leuten, und einige Ihrer Reden sind um die Welt gegangen. Genau dieser Slogan «No war, yes peace» taucht in mehreren Liedern auf.

Ich glaube, dass die sozialen Netzwerke grosse Sympathie für Sie zum Ausdruck gebracht haben. Und ich möchte mit einer persönlichen Überlegung von Ihnen schliessen. Wie erleben Sie diese Situation persönlich, psychologisch, spirituell, angesichts der Bedrohung durch einen Angriff der führenden Militärmacht der Welt? 

Ich habe einen unfehlbaren Bunker: den allmächtigen Gott. Ich habe Venezuela unserem Herrn Jesus Christus übergeben. Er ist der König der Könige. Der König von hier, von unserem Vaterland. Ich vertraue mich ihm jeden Tag an. Ich vertraue ihm unser Vaterland an. Immer, nicht nur jetzt, sondern immer. Und ausserdem ist das Volk unser grösster Schutzschild, unsere grösste Inspiration, unsere grösste Energiequelle. Denn durch dieses Volk haben wir alles erhalten, was wir sind.

Und für dieses Volk geben wir alles, was wir sind. Ich bin nicht einfach ich selbst. Ich repräsentiere das historische Projekt eines 500jährigen Kampfes. Ich könnte sagen: Ich bin Guaicaipuro, ich bin Zamora, ich bin Chávez, denn ich bin das Volk. Und das Volk zu umarmen, dem Volk Macht zu geben, ist der Sinn unseres Daseins und das Wesen unseres historischen Projekts. Auf diesem Weg werden wir immer gedeihen, immer, unter allen Umständen. Unsere feste Entschlossenheit ist es, dem Eid treu zu bleiben und unser Vaterland zu Grösse zu führen. Doch damit Venezuela Grösse erlangen kann, dürfen wir niemandem schaden. Nicht wahr?

Genau wie die Vereinigten Staaten, die wieder gross werden wollen. Nun, sollen sie Grösse durch Anstrengung, durch Arbeit, durch eine pazifistische Berufung erlangen. Und nicht durch Drohungen, nicht durch Krieg. Genug ist genug, kein Krieg mehr. Das sind Überzeugungen. Wir werden angetrieben von Überzeugungen, Verpflichtungen, Eiden und einer göttlichen, heiligen Kraft, die jenseits des Sichtbaren liegt.

Denn Gott ist mit uns, und wie unser Volk sagt: «Wenn Gott bei uns ist, wer kann gegen uns sein?» Deshalb wird uns unter allen Umständen der Sieg gehören. Deshalb haben wir Ruhe, Gelassenheit und die Zuversicht, dass wir die gerechteste Sache verteidigen, die je verteidigt wurde. Und dass der Sieg des Friedens uns gehört.

Interview Ignacio Ramonet

Automatische Übersetzung aus dem Spanischen, überarbeitet von Dr. Helmut Scheben

Quelle: https://www.telesurtv.net/maduro-pueblo-eeuu-venezuela-pueblo-amigo/

  1. ELAC/CEPAL: Preliminary Overview of the Economies of Latin America and the Caribbean 2025,
    https://repositorio.cepal.org/server/api/core/bitstreams/b69ef907-804c-473d-aeb2-837a9b57078a/content
    16.12.2025 ↩︎