Das eine ohne das andere − undenkbar!
von Dr. phil. Henriette Hanke Güttinger
Genau diesen Eindruck hatte ich, als ich 2018 zum ersten Mal von Ramallah aus in den Norden des Besetzten Palästinensischen Gebiets gereist bin: «In der Abenddämmerung fahren wir los durch das von alters her sorgsam terrassierte, hügelige Land der Olivenhaine, Palästina.»1
Die Bedeutung der Olivenkulturen für die palästinensische Bevölkerung habe ich damals noch nicht wirklich verstanden. In seinem Buch «l’Olivier & la Palestine» beschreibt der Palästinenser Nasser Soumi die Bedeutung des Olivenbaums: «Wer Olivenbaum sagt, sagt Palästina, wer Palästina sagt, der sagt Olivenbaum. Seit ewigen Zeiten unzertrennlich, bewahren sie ihre leidenschaftliche Beziehung. Es vergeht kein Morgen und kein Abend, ohne dass der Olivenbaum, den die Palästinenser ‹Baum des Lichtes› nennen, auf die eine oder andere Weise in ihrem Alltag präsent ist.»
Olivenhaine historisch
Anhand von archäologischen Funden wird angenommen, dass man vor etwa 7000 Jahren im Gebiet der heutigen Levante damit begonnen hat, Olivenbäume zu kultivieren. Das dortige Klima ist dafür ideal. Es gibt im Frühling keine langanhaltende Kälte oder Fröste wie im nördlichen Mittelmeerraum.
Man nimmt an, dass Ägypten ab dem 4. Jahrtausend v. u. Z. zum ersten Exportgebiet für Olivenöl wurde, da es dort für Mumifizierungen gebraucht wurde.
In hellenistischer Zeit und später unter römischer Herrschaft wurde die Produktion des Olivenöls und die Landwirtschaft in der Levante gefördert und mit einem effizienten Bewässerungssystem versehen. Der Historiker Ammianus Marcellinus (330 bis 401 n. u. Z.) beschreibt Palästina als ein Land, mit vielen sehr gepflegten landwirtschaftlichen Betrieben.
In der byzantinischen Epoche wurde mit der Christianisierung das Olivenöl in Syrien-Palästina nicht mehr nur als Lebensmittel, sondern auch vermehrt in der Medizin und für religiöse Zwecke verwendet. Dementsprechend vergrösserte sich auch die Anzahl der Ölpressen.
Mit der Ausbreitung des Islams im 7. Jahrhundert breiteten sich die Olivenkulturen bis ins südliche Spanien aus.
Zur wirtschaftlichen Bedeutung des Olivenbaumes
Die Olivenhaine waren für die Landwirtschaft in Palästina immer von grosser Bedeutung, wie dies in folgendem Sprichwort zum Ausdruck kommt: «Das Olivenöl ist der Pfeiler des Hauses.» Auf dem Land bildeten und bilden die Olivenbäume die Existenzgrundlage bis in die heutige Zeit.
Anhand des Zeitpunkts der Blüte der Olivenbäume lässt sich das Ausmass der Ernte ablesen, so auch in diesem Sprichwort: «Blüht der Olivenbaum im Februar, dann stellt die grossen Jarres bereit.» Diese fassen rund 25 Liter Olivenöl. Und weiter: «Wenn die Olivenbäume im April blühen, dann stellt die Kaffeetassen bereit.»
Gute und schlechte Jahre variieren regelmässig. Gute Jahre werden als «massieh» bezeichnet, was Diamant bedeutet. In einem guten Jahr können über 30 000 Tonnen Olivenöl gepresst werden, in einem schlechten Jahr kann die Produktion auf 5000 Tonnen sinken. In der Regel werden 5 % der Oliven konsumiert und 95 % zu Öl gepresst, so Nasser Sumi in seinem Buch. Der Hauptanteil des Olivenöls wird im Besetzten Palästinensischen Gebiet konsumiert. Der Rest wird nach Jordanien, in die Golfstaaten und seit der 2. Intifada in der Regel als Fair Trade Produkte nach Italien, Frankreich, in die Schweiz, nach Grossbritannien, Belgien, in die USA und nach Japan exportiert.
Zur kulturellen Bedeutung des Olivenbaumes
Für die palästinensische Kultur ist der Olivenbaum von grosser Bedeutung: «Der Olivenbaum hat im Leben der Palästinenser immer eine wichtige Rolle gespielt. Das bezeugen ihre Sprichwörter, ihre Lieder und vor allem die massive Nutzung des Olivenbaumes und des Olivenöls bei der Ernährung, bei der medizinischen Versorgung, bei der Fabrikation von Seifen und für die Heizung», so Nasser Soumi. Er schreibt, dass die palästinensischen Bauern den Olivenbaum «Baum des Lichtes» nennen, und wenn sie schwören, sagen sie: «Ich schwöre auf das Leben des Baumes des Lichtes.»
Ein häufig gebrauchtes Sprichwort besagt: «Weizen und Öl, zwei Löwen in einem Haus.» Dazu schreibt Soumi: «Der Löwe ist das Symbol der Kraft. Das Haus, das diese beiden Elemente besitzt, ist geschützt gegen den Mangel an Nahrung oder vor einer Hungersnot, weil Weizen und Öl die Basis der Ernährung bilden, vor allem in den ländlichen Gebieten.» Fladenbrot mit Olivenöl und Za’atar ist in Palästina am Morgen oder am Abend Tradition.
Ein anderes Sprichwort spricht vom Olivenöl als «dem König der Alten». Damit ist der medizinische Bereich angesprochen. Das Vitamin D im Olivenöl hilft dem Körper, Kalzium und Phosphor gut aufzunehmen.
Für die palästinensischen Familien ist die Olivenernte ein freudiges Fest, an dem alle beteiligt sind. Die einen ernten und singen, andere füllen die Oliven in Säcke und die Frauen bereiten ein feines Essen, für das man sich dann unter den Bäumen zusammensetzt.
Besonders beeindruckt hat mich eine alte Frau. Die Leitern waren bereits abgebaut, die Oliven in die Säcke verpackt. Aber die alte Frau sass immer noch unter dem Olivenbaum und klaubte auch die letzten Oliven zusammen, selbst solche, die schon beschädigt waren. Als ich sie fragte, was sie jetzt mit diesen machen werde, antwortete sie: «Man kann mit diesen noch Seifen machen.»
Zur religiösen Bedeutung des Olivenbaumes
Ein hoch verehrter Olivenbaum befindet sich bei der Al-Aqsa Moschee in Jerusalem. Gemäss dem islamischen Glauben soll der Prophet Mohammed den Samen dieses Olivenbaumes dorthin gelegt haben, als er zum Himmel aufgestiegen ist.
Traditionellerweise war die Opfergabe von Olivenöl für die Lampen der Moscheen und der christlichen Kirchen in Palästina üblich.
- Henriette Hanke Güttinger: Das ist Palästina … ist das Palästina? Bericht aus dem Besetzten Palästinensischen Gebiet, S. 12.
henriettehankeguettinger@gmail.com ↩︎
