Palästina – «Eine Olivenernte wie noch nie zuvor»

von Dr. phil. Henriette Hanke Güttinger

Mitte November 2025 berichtete die palästinensische Fair Trade Organisation «Al Reef» über die Olivenernte vom Herbst 2025, die sich von allen bisherigen Ernten unterscheidet. 

Zur Zeit sind die palästinensischen Olivenbauernfamilien mit schwierigen Problemen konfrontiert: «Die Olivenbauern in Palästina stehen vor vielen Herausforderungen, die vor allem durch den Klimawandel und die Einschränkungen und Verstösse der israelischen Besatzungsmacht verursacht werden.» 

Steigende Temperaturen, die Sommerhitze und der geringe Regen haben dazu geführt, dass im Herbst weniger Oliven produziert und geerntet werden konnten. Über die Wasserressourcen in der Westbank haben die Bauern nur eine begrenzte oder überhaupt keine Kontrolle, was die Produktivität massiv beeinflusst: «Die ­israelische Besatzungsmacht kontrolliert über 80 % der Wasserressourcen in Palästina, weshalb die Bauern keinen Zugang zu Grundwasser haben, was ihre Wasserversorgung schlecht und nicht nachhaltig macht.»

Dazu kommen die anhaltenden und zunehmenden Einschränkungen durch die völkerrechtswidrige israelische Besatzung. Die «palästinensische Kommission für Kolonisierung und Widerstand gegen die Mauer» schreibt, dass die israelischen Besatzungstruppen und gewalttätige Siedler im Oktober 2025 insgesamt 2350 Gewalttaten gegen die palästinensische Bevölkerung in der Westbank und in Ostjerusalem verübt haben. «Diese systematische Terrorpolitik gegen das palästinensische Volk hat in den letzten drei Jahren und insbesondere in diesem Jahr deutlich zugenommen.

Diese Terroranschläge reichen von direkten körperlichen Übergriffen, dem Entwurzeln und Zerstören von Olivenbäumen, dem Abbrennen von Obstgärten, der Verhinderung des Zugangs von Bauern zu ihrem Land, um Oliven zu ernten, Landraub, den Abriss von Häusern bis hin zu täglichen Razzien in palästinensischen Städten, Dörfern und Flüchtlingslagern durch die israelischen Besatzungstruppen. Seit Anfang 2025 haben die israelischen Besatzungstruppen und Siedler 239 palästinensische Märtyrer im Westjordanland und mehr als 17 000 im Gaza-Streifen während des Völkermords und der erzwungenen Aushungerung getötet.»

Kein Zugang zu den Olivenhainen

Das «Applied Research Institute (ARIJ)» hat berichtet, dass palästinensischen Landbesitzern im Westjordanland der Zugang zu mehr als 25 000 Dunum1 Olivenhainen in der Nähe völkerrechtswidriger israelischer Siedlungen und Out-Posts verwehrt worden ist. Die israelischen Behörden haben 96 Militärbefehle erlassen, die den Bauern den Zugang auf ihr Land verbieten, das sich zumeist in den Gebieten um Jenin, Jerusalem, Qalqilyah und Ramallah befindet.

Einigen von diesen Bauern ist es gelungen, von den Besatzungsbehörden Genehmigungen für den Zugang zu ihrem Land zu erhalten, die jedoch nur an einem bestimmten Tag gültig sind. So erhielten beispielsweise einige Mitglieder der Farkha-Genossenschaft für Olivenölproduktion eine Genehmigung, um am 11. November 2025  auf ihrem Land zu ernten. 

Dazu kommen die Sperrung von Strassen und die Sperrung des Zuganges zu den Dörfern und Städten sowie die israelischen Militärkontrollpunkte. Sie sind über die ganze Westbank verteilt und schränken die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung auf ihrem eigenen Land auf das Massivste ein.  

Die Produktion von Olivenöl von 2025

Die Fair Trade Organisation «Al Reef» geht davon aus, dass die Olivenernte von 2025 unter diesen schwierigen Bedingungen schlechter ausfallen wird. 2024 wurden 17 000 Tonnen Olivenöl produziert. Bei der Ernte 2025 rechnet man in Palästina lediglich mit einer Ernte von 7000 bis 8000 Tonnen. Dazu schreibt «Al Reef» Mitte November 2025: «Die Zahlen werden erst nach Ende der Produktionssaison bekannt sein, da die Bauern noch dabei sind, ihre Oliven zu ernten und zu pressen. Dies ist für alle Bauern äusserst bedauerlich, da viele von ihnen auf Olivenöl als wichtige Einnahmequelle angewiesen sind.» Dementsprechend mussten die Bauern die Verkaufspreise für Olivenöl erhöhen.

Die «Kommission für Kolonisierung und Widerstand gegen die Mauer» gibt an, dass israelische Kolonisatoren 352 Straftaten wie Vandalismus und Diebstahl von palästinensischem Eigentum begangen haben.

Im Oktober haben die Kolonisatoren – unterstützt von den israelischen Besatzungstruppen – 1200 Olivenbäume entwurzelt oder zerstört so auch im Dorf Beita, im Gouvernement Nablus. In der Nähe des Dorfes Farkha, wo «Al Reef» unter anderem Olivenöl bezieht, sind die völkerrechtswidrigen Siedlungen ausgebaut und die palästinensischen Bauern von den Siedlern angegriffen worden.

Besuch von «Al Reef» bei den Olivenölgenossenschaften

In den Olivenölgenossenschaften hat «Al Reef» Folgendes feststellen müssen: «Viele Genossenschaften müssen erhebliche Produktionsverluste hinnehmen und sind daher nicht in der Lage, so grosse Mengen zu ernten wie bei früheren Ernten. Angesichts dieser Veränderungen verkaufen die Genossenschaften ihr Olivenöl schnell und zu höheren Preisen, um ihre schwierige Lage zu bewältigen.» 

Bei diesen Besuchen hat das Team von «Al Reef» auch über die aktuelle Lage gesprochen. Ruwaida Aqel aus Farkha ist Mitglied der Farkha-Olivenölgenossenschaft in der Provinz Salfit. Sie sagte: «Die Bauern hier bauen Stützmauern auf ihrem Land. Aber die israelischen Kolonisatoren zerstören sie immer wieder. Sie entwurzeln auch Olivenbäume, brechen ihre Äste und stehlen die Oliven, sodass wir unsere Bäume nicht ernten können.» Sie berichtet auch von ihren Erlebnissen, als sie mit ihrem Sohn auf dem Weg zu ihren Olivenbäumen war: «Wir wurden von zwei Seiten her von den Siedlern aufgehalten.

Sie sagten: ‹Geht zurück!› Einer von ihnen spuckte mich an, und der andere wollte mich angreifen. Es gab auch andere aus dem Dorf, die ernten wollten und von Siedlern angegriffen wurden. Ein Mann wurde beim Olivenpflücken von den Siedlern angegriffen und geschlagen. Sie brachen ihm das Nasenbein.» Die Bäuerin ist besorgt über die geringe Ernte im Herbst 2025. Die völkerrechtswidrigen Beschränkungen durch die Besatzungsmacht und die koloniale Ausweitung machen ihr grosse Sorgen: «Es gibt mehr israelische koloniale Expansion. Sie nehmen die Gipfel der Berge und stehlen unser Land.

Sie haben unsere Wasserquelle gestohlen. Als wir eine Wasserquelle hatten, deckte diese 35 Prozent unseres Bedarfs; jetzt haben die Kolonisatoren sie in einen Pool umgewandelt. Wir können jetzt nicht einmal mehr zu unseren Olivenbäumen auf unserem Land, um die Oliven zu ernten. Für die aktuelle Olivenernte wussten wir, dass die israelischen Besatzungstruppen uns daran hindern werden. Was die Olivenölproduktion in diesem Jahr angeht, weiss ich nicht, was ich sagen soll; wir haben kaum 5 Prozent. Nur 5 Prozent.»²

Und jetzt? Was tun? Was brauchen die Menschen in Palästina? 

An einer Konferenz zu Palästina diesen Januar war ein junger Palästinenser aus der Westbank zugeschaltet. Er wurde gefragt, was in Palästina gebraucht werde, um gegen die völkerrechtswidrige israelische Besatzung Widerstand leisten zu können. Seine Antwort war: «Sumud, die Menschen sollen trotz der Hauszerstörungen auf ihrem Land bleiben. Widerstand heisst, den Menschen zu helfen, dass sie auf ihrem Land bleiben. Wenn man sein Land verliert, muss man beim israelischen Gericht klagen. Lebt man als Palästinenser in Israel, dann muss man wählen gehen. Als Palästinenser in der Knesset muss man aktiv sein. Ich vertraue meiner Gemeinde, ich vertraue meinem Volk. Die Menschen müssen auf ihrem Grund und Boden bleiben. Sie dürfen ihre Identität nicht aufgeben.» 

Zwei wichtige palästinensische Basisorganisationen helfen der Bevölkerung, auf ihrem Land zu bleiben. Im medizinischen Bereich ist dies die PMRS (Palestinian Medical Relief Society) und im Landwirtschaftsbereich ist das die PARC (Palestinian Agricultural Relief Committee) mit ihrer Fair Trade Organisation «Al Reef». 

Fast täglich berichtet PARC über Facebook über ihre Aktivitäten, so auch am 21. Januar. PARC führte in den Orten Yasuf und Sakaka in Zusammenarbeit mit dem Zivilschutz «im Gouvernement Salfit eine Reihe von Spezialschulungen für den Zivilschutz, darunter Rettungs- und Brandbekämpfungsmassnahmen, für Mitglieder von Gemeindeschutzkomitees abgeschlossen» durch, mit denen die Fähigkeiten der Komitees bei der Bewältigung von Notfällen verbessert werden konnten.  

Diese Kurse sind Teil des Projektes «Stärkung der Widerstandsfähigkeit lokaler Gemeinschaften für eine schnelle Wiederherstellung im Westjordanland». Die Kurse werden in den Gouvernements Salfit, Nablus, Hebron und Bethlehem durchgeführt. Das Projekt wird von der Japan International Cooperation Agency (JICA) finanziert und von PARC durchgeführt. Ein Vertreter der Zivilschutzbehörde betonte die Bedeutung dieser Schulungen und erklärte: «Solche Initiativen tragen direkt zur Verbesserung der Vorsorge der lokalen Gemeinschaft bei und ermöglichen es den Bürgern, richtig mit Notfällen umzugehen, was sich positiv auf den Schutz von Leben und Eigentum auswirkt.»2

Quelle: Al Reef: 2025 Olive Harvest Season Newsletter 2, 11. 11. 2025

  1. Dunum entspricht 1000 Quadratmetern. ↩︎
  2. Facebook, PARC 21. January 13:07 ↩︎