von Dr. phil. Henriette Hanke Güttinger
Am 7. Januar 2026 berichtet UNOCHA1 über Yanun: «Die letzten sechs verbliebenen Familien wurden aufgrund von Angriffen durch Siedler aus Khirbet Yanun im Gouvernement Nablus vertrieben, wo sie seit mehr als 60 Jahren gelebt hatten.»
B’TSELEM2 bestätigt diese schlimme Nachricht und berichtet detaillierter: «Am Sonntag, den 28. Dezember 2025, verliessen die letzten beiden Familien, die im oberen Teil des Dorfes Yanun (bekannt als Khirbet Yanun al-Foqa) lebten, ihre Häuser, nachdem an diesem Morgen vier israelische Siedler ins Dorf gekommen waren, von denen mindestens einer mit einem Gewehr bewaffnet war. Sie drohten, alle Familienmitglieder zu töten, wenn sie das Gebiet nicht bis 16:00 Uhr verlassen würden. Damit vollendeten die Siedler die Vertreibung der Dorfbewohner, nachdem drei weitere Familien bereits am Vortag das Gebiet verlassen hatten.
Die Bewohner hatten viele Jahre lang an diesem Ort gelebt, Schafe und Rinder gezüchtet und in der Landwirtschaft gearbeitet. Seit Anfang der 2000er Jahre, als das Militär und die Siedler die alte Strasse zwischen Aqraba und Nablus sperrten, die Yanun mit der Stadt Nablus und den südlichen Teil des Westjordanlands mit seinem Norden verband, war die Gemeinde nur noch über Aqraba erreichbar. Da das Gebiet in den Osloer Verträgen als Gebiet C definiert wurde, waren alle Neubauten sowie Anbauten an bestehenden Gebäuden verboten.
Infolgedessen waren viele Familien gezwungen, die Gemeinde zu verlassen und in den unteren Teil des Dorfes Yanun (Yanun a-Tahta) oder nach Aqraba zu ziehen, und von den 18 Familien, die bis zum Jahr 2000 in Yanun al-Foqa lebten, blieben nur fünf Familien zurück. Seit Oktober 2023 haben Siedler ihre Präsenz in der Region verstärkt und zusammen mit dem Militär den Zugang der Bewohner zu Weideland blockiert und ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt.
In der Folge waren die letzten fünf Familien mit insgesamt 18 Personen, darunter neun Frauen und ein minderjähriges Mädchen, gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Sobald sie dies getan hatten, installierten die Siedler ein Eisentor am Eingang von Yanun al-Foqa, um sie an der Rückkehr zu hindern.»3
In diesem kleinen palästinensischen Dorf habe ich als EAPPI4 2018 einige Tage verbracht. Ich nehme meinen damaligen Bericht aus dem Bücherregal und schlage die Seiten zu Yanun auf und lese, was ich damals zu diesem Dorf mit seinen liebenswürdigen, gastfreundlichen Familien geschrieben habe. «Auf Besuch beim EAPPI-Team in Yanun.
Heute will ich für drei Tage das EAPPI-Team in Yanun besuchen. [ … ] Im Städtchen Aqraba kaufen wir noch Datteln und Früchte ein. Dann bringt uns Ghassan nach Yanun. Das alte Haus mit seinen dicken Mauern ist wunderbar. Im Innern ist es angenehm kühl und vom Haus aus kommt man direkt auf die Terrasse, wo man etwas im Schatten sitzen kann und auf das Schulhäuschen, einige Häuser und die mediterrane Vegetation schauen kann.
Am späteren Nachmittag kommt auch Emmy vom Yanunteam nach Hause. Mit ihr machen wir den obligaten Abendspaziergang auf dem Strässchen inmitten der Olivenhaine nach Upper Yanun und darüber hinaus bis zu dem Punkt, wo man Richtung Jordan Valley und Jordanien sehen kann. Am Wegrand blühen überall wilde Malven.
Im unteren Stock des alten Hauses liege ich spät am Abend auf dem Bett, höre aus dem nahen Stall, wie sich die Schafe bewegen und ab und zu blöken, höre die Hühner, von denen eines hin und wieder gackert oder mit den Flügeln schlägt, eine ländliche Idylle – so meine Gedanken – wenn die israelischen Siedlungen auf den umliegenden Hügeln nicht wären. [ … ]
Von Yanun aus erreichte man früher das rund fünf Kilometer entfernte Beit Furik zu Fuss über den Hügel in gut zwei Stunden. Oft wurde diese Strecke auch mit dem Esel zurückgelegt. Es gab Freundschaften und Heiraten zwischen den beiden Dörfern. Seit die völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungen und Outposts auf den Hügeln rund um Yanun errichtet worden sind, ist Beit Furik auf diesem Wege nicht mehr erreichbar.
Die Siedler verhindern auch, dass die Schafe und die Ziegen aus Yanun wie seit Urzeiten auf den Hügeln weiden. Jetzt müssen sie im Dorf in Pferchen gehalten werden. Diejenigen Felder der Einwohner von Yanun, die hinter dem Hügel liegen, sind auch nicht mehr direkt zugänglich. Um sie heute zu erreichen, muss ein weiter Umweg gefahren werden: Von Yanun nach Aqraba, von da zur Kreuzung Za’tara, dann nach Huwwara und dann nach Beit Furik. Wir fuhren diese Strecke im Auto, der Tachometer zeigte über 30 Kilometer an. [ … ]
In Richtung Yanun machen wir uns auf den Heimweg, statt einem Katzensprung – von Beit Furik über den Hügel nach Yanun – den weiten Umweg in Kauf nehmend durch die wunderschöne von Olivenbäumen geprägte Landschaft des Heiligen Landes.
«You are at anytime welcomed in my house»
Nach diesem langen Tag verabschieden wir uns von unserem Fahrer, steigen in Lower Yanun aus und folgen der schmalen Strasse Richtung Upper Yanun. Das ist unser heutiger Abendspaziergang. Links und rechts zirpt es aus den Feldern und den Bäumen. Vögel zwitschern und in einem Baum scheint sich ein ganzer Schwarm zu einem gemeinsamen Schwatz niedergelassen zu haben. Nachdem die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist, beginnt die Abenddämmerung, und es wird angenehm kühler. Mandelbäume säumen den Weg, deren Früchte noch nicht reif sind. Rechterhand eine Fläche mit zartgrünem Dill, zwei Gewächshäuser, ein Wohnhaus und davor eine alte Frau, in einem der schönen traditionell bestickten Kleider.
Zum Dorf hin wird die Strasse steiler, jetzt hört man bereits die Schafe und die Ziegen, das Krähen der Hähne und die gackernden Hühner, Tauben gurren, und die Spatzen zwitschern um die Wette. Dazwischen immer wieder schöne, uns unbekannte Vögel.
Der eine Nachbar hat gestern den Boden der Terrasse vor seinem Haus fertig betoniert mit den Aussparungen für die Rebe und die Zitronenbäumchen. Jetzt arbeitet er an der Abschlussmauer. Mit der Maurerkelle streicht er den Pflaster auf die quadratischen Steine, und dann kann seine ältere Tochter den nächsten Stein versetzt anbringen. Sorgfältig schliesst er die Fugen. Daneben steht das vierjährige Töchterchen, schaut zu, mustert uns immer wieder neugierig und lächelt verschmitzt. «Come in, and drink coffee», so die freundliche Einladung. Müde vom langen Tag bedanken wir uns herzlich. «Thank you, tomorrow, we will come.»
Nach dem Essen spazieren wir das Dorf hinauf und steigen auf das flache Dach eines der obersten Häuser, von wo man in der warmen Abendsonne einen wunderbaren Überblick über das Tal geniesst. «Hier ist es wie in den Ferien in der Toscana, herrlich», scherze ich wohlwissend, dass oberhalb der Felsen über dem Dorf, die wir von hier aus sehen können, von den israelischen Siedlern scharf geschossen würde, wenn wir uns dort über die Felsen hinaus wagten.
Von dort oben hören wir immer wieder ein Grunzen. Hat es hier oben Wildschweine? «Ja, es gibt hier Wildschweine, die in den Feldern grosse Schäden anrichten», erklärt uns eine andere Nachbarin, die uns nun in ihr Haus bittet. Sie zeigt uns, wie sie mit ihrer erwachsenen Tochter Käse macht. Indem die Käsemasse straff in ein weisses Gazetuch eingeschlagen wird, presst man die Flüssigkeit heraus. Dann wird das Gazetuch geöffnet und der Vorgang noch zweimal wiederholt. Zum Schluss liegen 56 je etwa 150 Gramm schwere Käslein auf dem Tisch. Nun wird ein Brett darüber gelegt und mit schweren Bausteinen beschwert. Jetzt führt uns unsere Gastgeberin ins Wohnzimmer. Die Familie sitzt auf langen Sitzkissen auf dem Boden. Ein weiterer Nachbar kommt zu einem Schwatz dazu.
Ihren Käse – so die Nachbarin – mache sie aus Ziegen- und Schafmilch gemischt. Sie hätten etwa 150 Schafe und Ziegen. Davon seien zur Zeit 40 melkbar. Sie stehe jeweils um vier Uhr auf und melke die Tiere. Ihr Sohn helfe ihr dabei, bevor er zur Arbeit gehe. Dann mache sie den Käse. Am Abend würde erneut gemolken und erneut Käse gemacht. Die andere Tochter hat unterdessen Tee gebracht. Es wird geplaudert und gelacht. Im Hintergrund flimmert der Fernseher, längere Berichte und die abendlichen schlimmen Filmsequenzen des Great March of Return an der Grenze zu Gaza.
Die Nachbarin geht nochmals zum Käse. Sie nimmt Steine und Brett weg. Die Käse sind nun schön flach. Sie werden ausgewickelt, im Salz gewendet und dann sorgfältig für den Transport in einen Plastikeimer geschichtet. Sie verkauft den Käse hier im Dorf, in Aqraba und bis nach Nablus. Ihre rechte Hand schmerzt sie schon lange beim Melken. «Es wird einfach nicht besser. Darum bin ich froh, wenn mein Sohn mir hilft», so die Nachbarin, «ich habe auch versucht, meinen Mann für diese Arbeit zu gewinnen.
Er hat jedoch abgewinkt, er habe mit seinen Gewächshäusern genug zu tun.» Unterdessen ist es Nacht geworden. Ich frage die Nachbarin, wann sie jeweils schlafen gehe. «Jetzt müssen die Gazetüchlein für morgen noch gewaschen werden, ich gehe zu Bett, «when the work is done», lächelt sie. Sie spricht ein ausgezeichnetes Englisch. Als wir gehen, gibt sie uns noch einen grossen Brotfladen mit Gewürzen, Käse und Geflügelfleisch mit und sagt: «You are at anytime welcomed in my house.»5
Dieses kleine Dorf, in dem seine liebenswürdigen, gastfreundlichen Bewohner mit redlicher Arbeit den Lebensunterhalt für ihre Familien verdient haben, ist jetzt leer. Frauen, Männer und Kinder sind vertrieben. Im einfach eingerichteten Schulhäuschen werden keine Kinder mehr sitzen.
- United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs. In the occupied Palestinian territory (OPT) https://www.ochaopt.org/about-us ↩︎
- B’TSELEM, The Israeli Information Center for Human Rights in the Occupied Territories, https://www.btselem.org/node/217443 ↩︎
- https://www.btselem.org/node/217443 ↩︎
- https://www.peacewatch.ch/palaestina-israel/ «Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel» (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK/WCC), an dem Peace Watch Switzerland (PWS) beteiligt ist. EAPPI leistet mit der Präsenz von internationalen Menschenrechtsbegleiter*innen in Palästina/Israel einen Beitrag zur Stärkung gewaltfreier Ansätze, zur Förderung von Friedenskräften und zum Schutz der Bevölkerung. ↩︎
- Henriette Hanke Güttinger: Das ist Palästina … ist das Palästina? Bericht aus dem Besetzten Palästinensischen Gebiet, S. 70.
henriettehankeguettinger@gmail.com ↩︎
