«Ungarn trat nicht der EU bei, um Kriege anderer Länder zu finanzieren»
Interview mit alt Botschafter Dr. György Varga
Zeitgeschehen im Fokus Wie ordnen Sie den Krieg in Europa ein, der vor mehr als vier Jahren begonnen hat?
Dr. György Varga Der Krieg hat zwei eindeutige Merkmale: Zum einen kämpft die Ukraine mit Unterstützung der Nato-Länder um die Rückeroberung von Gebieten, deren friedliche Eingliederung sie von 2015 bis 2022 abgelehnt hat. Zum andern zeigt sich, wie eine Vereinbarung vom April 2022 zwischen Russland und der Ukraine über das Ende des Krieges vom kollektiven Westen verhindert wurde.
Russland hat den Krieg am 24. Februar 2022 begonnen. Schon am 28. Februar führten eine russische und eine ukrainische Delegation Verhandlungen, um den Krieg zu beenden. Diese Verhandlungen wurden später in Istanbul fortgesetzt und im April 2022 bereits eine Vereinbarung paraphiert. Boris Johnson, der damalige britische Regierungschef, ist am 9. April 2022 in Kiew angekommen, mit dem Ziel, die russisch-ukrainische Vereinbarung zu torpedieren. Heute befinden wir uns im fünften Kriegsjahr.
Welche Konsequenzen zieht die EU, nachdem Trump den Rückzug der USA aus dem Krieg erklärt hat?
Dazu muss man sagen: Die EU-Elite macht seit Jahren strategische Fehler. Seit Beginn des Kriegs ergriff sie keine Initiative, um ihn zu beenden. Nach EU-Chefdiplomatin Kaja Kallas darf man mit Russland nicht verhandeln. Unter der Führung der Koalition der Willigen übernahm die EU die gesamte Finanzierung des Kriegs. Bis dahin hatte sie der Ukraine 200 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Im Rahmen dieser Finanzierung entschied sich die EU, einen weiteren Kredit von 90 Milliarden Euro zu sprechen und bis 2027 die Ukraine in die EU aufzunehmen.
Es ist ein Wahnsinn, einen Krieg in die EU zu importieren. Politiker wie Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher, Willi Brandt, Helmut Schmidt, François Mitterrand und andere Persönlichkeiten hätten das nie zugelassen. Ungarn trat nicht der EU bei, um Kriege anderer Länder zu finanzieren. Die EU war ein Friedensprojekt, aber die heutigen Staaten machen daraus ein Kriegsprojekt. Alles wird dem Krieg untergeordnet, einem Krieg, der vermeidbar gewesen wäre, und der, nachdem er begonnen hatte, sehr schnell hätte beendet werden können.
Viktor Orbán hatte während der ungarischen EU-Präsidentschaft eine Initiative gestartet, um zu einer diplomatischen Lösung des Konflikts zu kommen. Was hatte das für einen Einfluss auf die Beziehung Ungarns zur EU?
Das war im Juli 2024. Für die zweite Hälfte des Jahres 2024 hatte Ungarn den Vorsitz in der EU. Viktor Orbán hatte damals Kiew, Moskau, Peking, Washington und Florida besucht. Warum Florida? Trump war ein Kandidat für die Präsidentschaft, und Viktor Orbán hat das so eingeschätzt, dass es sich lohnt, auch mit dem Präsidentschaftskandidaten zu sprechen. Das waren alles sehr wichtige und gewichtige Verhandlungspartner, aber Viktor Orbán bekam keine Unterstützung von der EU.
Er hat darauf reagiert und erklärt, er sei heute Präsident der EU, aber er mache das als ungarische Initiative und nicht im Namen der EU. Das EU-Parlament hat am 17. Juli 2024 eine Erklärung verabschiedet und darin Viktor Orbán rhetorisch verurteilt. Man spürte, dass die EU kein Interesse hatte, diesen Krieg zu beenden, und heute sogar gegen die Absicht der USA. Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was der US-amerikanische Präsident beabsichtigt zu tun. Es ist nicht immer eindeutig, was er sagt und tut, auch gibt es Schritte, die man kritisieren kann, aber den Krieg in der Ukraine betreffend, konnte man optimistisch sein.
Die EU wählte in Opposition zur US-Friedenspolitik einen anderen Weg und etablierte die Koalition der Willigen mit Grossbritannien, einem Land ausserhalb der EU. Das ist zusätzlich ein grosser Fehler. Die EU übergab die Führung einem Staat, der die EU verlassen hatte. Die Aussenpolitik der EU wird von aussen geleitet.
Dieser von Ihnen dargestellte Verlauf zeigt doch, dass die Souveränität der einzelnen EU-Staaten nicht respektiert wird.
Sie können die Absicht Viktor Orbáns und die Reaktion der Kommission ihm gegenüber vergleichen. Man entzog ihm das Recht, Friedensverhandlungen zu führen. Aber Ursula von der Leyen oder António Costa nehmen sich das Recht heraus, bei den Sitzungen einer kleinen Gruppe, der Koalition der Willigen, teilzunehmen, um den Krieg fortzusetzen. Das bedeutet doch, wenn Ursula von der Leyen an einer Sitzung dieser Willigen, die von einem nicht-EU-Land geführt wird, in London teilnimmt und den Krieg unterstützt, dass kein Konsens innerhalb der EU herrscht.
Das ist eine Doppelmoral. Wenn jemand für den Frieden eintritt wie Viktor Orbán im Juli 2024, dann gibt es ein Problem. Aber wenn Ursula von der Leyen für die Fortsetzung des Krieges plädiert, ohne die Unterstützung aller EU-Staaten, dann wird das akzeptiert. Sie kann nicht für die Regierung Ungarns oder der Slowakei sprechen. Beide Länder müssen um ihre Souveränität gegen EU-Bürokraten und regionale Grossmächte wie Deutschland oder Frankreich, die den Krieg in der Ukraine perpetuieren wollen, kämpfen.
Die EU-Elite stellt sich über strategische Fragen von Nationalstaaten und entscheidet, ohne die Interessen aller Mitgliedstaaten zu berücksichtigen. Die EU möchte den Staaten das Veto-Recht entziehen, und das ist gegen die Rechtsstaatlichkeit der EU. Seit dem Vertrag von Lissabon haben alle EU-Staaten das Recht, die Aussenpolitik mitzubestimmen und zu beeinflussen. Die gemeinsame Aussenpolitik basiert auf gemeinsamen Entscheidungen.
Die EU-Eliten berücksichtigen nicht einmal das Interesse von neutralen EU-Staaten wie Österreich. Ein Staat mit immerwährender Neutralität finanziert heute eine Kriegspartei in einem laufenden Krieg und verstösst gegen die eigene Verfassung. Österreich nimmt sogar Kredite für die Kriegsfinanzierung auf. Es ist unsäglich, dass man so weit geht!
Wir können also feststellen, dass Länder, die mit der aussenpolitischen Entwicklung der EU nicht einverstanden sind, Repressionen zu gewärtigen haben. Man verlangt Loyalität, setzt sich aber nicht für die Mitgliedsländer ein. Muss man den Konflikt um die Druschba-Pipeline in diesem Kontext sehen?
Es ist unerträglich, dass die EU einen Krieg ausserhalb ihres Territoriums finanziert. Ungarn hat eine eindeutige Position in Bezug auf den Krieg in der Ukraine. Dieser Krieg ist nicht der Krieg der EU und nicht der der Nato. Um die Politik der Mehrheit nicht zu behindern, haben sowohl Ungarn als auch die Slowakei allen 19 EU-Sanktionspaketen zugestimmt. Der Fall der Druschba-Pipeline hat jedoch die Einstellung von Ungarn und der Slowakei geändert. Das Öl wird seit 1964, also seit 62 Jahren, durch diese Pipeline transportiert.
Die Energieversorgung war immer sicher, zuverlässig, im Vergleich zu den Marktpreisen billig und durch langjährige Verträge garantiert. Die Pipeline soll nach ukrainischen Angaben im Januar 2026 durch einen russischen Angriff beschädigt worden sein. Der ukrainische Präsident Selenskyj stellte in Aussicht, die Pipeline bis Anfang Mai zu reparieren. Budapest und Bratislava glauben dieser Erklärung nicht. Nach der Beurteilung von Sachverständigen und der Auswertung von Satellitenbildern ist die Pipeline funktionsfähig. Sie wurde aus politischen Gründen blockiert. Selenskyj verlangte, dass niemand russisches Öl kaufen dürfe.
Ungarn und die Slowakei reagierten mit Gegenmassnahmen. Der Dieselexport aus beiden Ländern wurde eingestellt. Um das Problem diplomatisch zu lösen und das technische Problem bei der Pipeline zu begutachten, hat Ungarn eine Delegation von Sachverständigen in die Ukraine geschickt, aber diese Delegation wurde nicht empfangen und hatte folglich auch keinen Zugang zur Pipeline. Am 18. März entsandte auch die EU Experten, um die Pipeline zu inspizieren. Aber bis zu diesem Zeitpunkt hiess es seitens der EU, dass die Pipeline beschädigt sei, obwohl sie bis dahin niemand aus der EU gesehen hatte. Nicht einmal die EU-Experten hatten Zugang zur Pipeline.
Wie reagiert Ungarn in dieser schwierigen Lage?
Zur weiteren Finanzierung der Ukraine hat die EU im Dezember einen Kredit von 90 Milliarden Euro gesprochen. Für die Hilfe sollte der EU-Haushalt belastet werden, somit hat jeder EU-Mitgliedstaat ein Veto-Recht. Beim EU-Gipfel am 20. März in Brüssel hielten Ungarn und die Slowakei ungeachtet des Drucks der übrigen Mitgliedstaaten an der Blockade des 90 Milliarden Kredits an die Ukraine fest.
Die beiden Staaten verweigern die Zustimmung, bis sie wieder das Öl bekämen. Ungarn sah sehr merkwürdige Reaktionen von EU-Staaten. Der deutsche Kanzler Merz beispielsweise sprach von «grober Illoyalität» und das Verhalten von Präsident Orbán «müsse Konsequenzen haben». Interessant ist, dass weder die Mainstream-Medien noch die EU-Elite erwähnt hat, dass das vertragskonforme Veto von Ungarn und der Slowakei eine konkrete Ursache hat. Die Ukraine verhindert die strategische Energieversorgung von EU-Ländern. Man betonte nur die Illoyalität der beiden Staaten und gegenüber der Ukraine deren Mangel an Solidarität.
Als die Ukraine die Transitstationen der türkischen Gaspipeline in Russland attackierte, schwieg die EU und unternahm auch keine Schritte. Ungarn und die Slowakei bekamen russisches Gas über die Türkei, nachdem die Ukraine am 1. Januar 2025 den Gastransit nach Ungarn und die Slowakei blockiert hatte. Seit über einem Jahr bekommen beide Staaten kein Gas und seit Januar 2026 kein Öl mehr durch die Ukraine. Der deutsche Bundeskanzler empört sich nicht darüber, dass ein nicht EU-Land die Energieversorgung in die EU unterbindet.
Normalerweise würde ein verantwortungsvoller Bundeskanzler laut protestieren, weil durch eine unterbrochene Energieversorgung von zwei EU-Staaten, deren Wirtschaft, die als Teilsystem der deutschen Wirtschaft funktioniert, in Gefahr ist. Der Bundeskanzler empört sich nicht, dass die EU den Krieg eines Landes ausserhalb der EU finanziert, ohne nur den Hauch einer Idee für eine diplomatische Lösung zu haben.
Über das Desaster von Nord-Stream brauchen wir nicht zu sprechen. Welchen Wert haben hier deutsche Interessen? Die ungarische Regierung arbeitet für das ungarische Volk und nicht für das ukrainische. Der Kanzler hat wohl eine andere Einstellung.
Wie hat die Ukraine auf die vorläufige Sistierung des Kredits reagiert?
Es gab sehr harte Worte. Präsident Selenskyj drohte mit ukrainischen Soldaten. Die Drohungen und Erpressungen gehen weit über das Akzeptierbare hinaus. Ein ukrainischer ex-General drohte unserem Regierungschef: «Wir wissen, wo er wohnt und wo er schläft.» Ungarische Journalisten und Politiker sind auf der Todesliste von ukrainischen Nationalisten.
Die EU schweigt und unterstützt durch ihr Schweigen die Extremisten in der Ukraine. Der moralische und politische Verfall der EU ist für mich eindeutig. Die Koalition der Willigen hat grösseres Interesse, den Krieg gegen Russland fortzusetzen, als die eigentlichen Aufgaben der EU zu erfüllen.
Angenommen, die Ukraine würde militärisch etwas gegen Ungarn unternehmen, dann wäre das doch der Nato-Bündnisfall.
Theoretisch ja, aber heute hege ich sehr grosse Zweifel, dass man Ungarn unterstützen würde. Die Sprengung von Nord-Stream, der strategischen Energieversorgung Deutschlands und anderer Nato-Länder, die aus Russland Gas bezogen, war gar kein Problem für die Nato, – bis heute nicht, obwohl man inzwischen Erkenntnisse über die Beteiligung der Ukraine an diesem Anschlag gewonnen hat.
Die Ukraine wäre nicht in der Lage, solche Aktionen durchzuführen, wenn sie nicht die militärische, technische und politische Unterstützung der Nato-Länder hätte. Bis vor kurzem kamen 85 Prozent der Ölversorgung Ungarns aus Russland. Jetzt wird das Öl von der Ukraine blockiert. Man stelle sich einmal vor: 85 Prozent der Gas- und Ölversorgung der USA werden durch einen anderen Staat blockiert.
Wäre das nicht ein Fall für die Nato? Doch, er wäre es 100-prozentig. Aber wenn Ungarn das aktuell konkret erlebt, haben Friedrich Merz oder Emanuel Macron kein Problem damit. Im Gegenteil, sie unterstützen die Ukraine darin, so zu agieren. Die Priorität ist, den Krieg gegen Russland fortzusetzen, und nicht die Wettbewerbsfähigkeit der 27 EU-Länder unter den globalen Akteuren zu unterstützen. Die EU braucht anscheinend keine billigen und erreichbaren Energiereserven.
Hat das Vorgehen der Ukraine mit Unterstützung der EU auch eine innenpolitische Bedeutung?
Wenn wir wissen, dass diese Pipeline technisch einwandfrei funktioniert hat und aus politischen Gründen eingestellt worden ist, lässt sich deutlich ein Zusammenhang mit den Parlamentswahlen am 12. April erkennen. Mit solchen Methoden kann man die Wahlen massiv von aussen beeinflussen.
Pavel Durow ist Besitzer des Telegramm-Kanals. Nach den Wahlen in Rumänien und Moldawien vor einem Jahr berichtete er, dass der Leiter der französischen Geheimdienste von ihm gefordert habe, die EU-kritischen Akteure in Rumänien und in Moldawien zu blockieren. Das ist ein Beispiel, dass die französischen Geheimdienste die Wahlen in den beiden Ländern beeinflussen wollten. Durow war bereit, darüber vor Gericht auszusagen, aber weder das EU-Parlament noch die Gerichtshöfe in Rumänien, in Moldawien und in Brüssel interessierten sich nicht dafür.
Seit dem 3. Februar 2026 existiert ein Bericht der Rechtskommission des US-Kongresses über die Beeinflussung von Wahlen durch die EU. Laut dem Bericht mischte sich die EU in acht Wahlen aktiv ein. Der Bericht lässt sich im Internet finden: «The Foreign Censorship Threat, Part II». Solche Machenschaften muss man im Hinterkopf haben, wenn wir über den Unterbruch der strategischen Energieversorgung des Landes und die Auswirkungen auf die Gesellschaft sprechen. Seit zwei Monaten hat Ungarn kein Öl durch die strategische Ölpipeline bekommen. Die Raffinerien arbeiten mit den Reserven. Ungarn hat natürlich für 90 Tage Ölreserven, aber für die ungarische Gesellschaft ist es neben der wirtschaftlichen auch eine mentale Belastung.
In der EU spricht man seit Beginn des Krieges darüber, dass man auf russisches Öl verzichten soll …
… durch den Iran-Krieg bekommt diese Frage ein anderes Gewicht. Kann Europa so dumm sein, auf erreichbare Ölreserven aus Russland zu verzichten? Rationale Menschen würden nicht so entscheiden. Die Lage im Nahen Osten beweist es jeden Tag. Können Ursula von der Leyen und Kanzler Merz für die EU-Bevölkerung garantieren, dass aus den arabischen Staaten immer genügend Öl zur Verfügung steht? Natürlich nicht.
Die Entscheidungen aus ideologischen Gründen können Europa grossen Schaden zufügen, und wir sehen die Auswirkungen schon. Die EU verliert ihre Rolle unter den globalen Akteuren. Sie hat Sanktionen offiziell gegen Russland ergriffen, aber in Tat und Wahrheit wenden sich die Sanktionen gegen die Mitgliedstaaten. Ihnen ist es verboten, etwas nach Russland zu exportieren oder von dort zu importieren, in Eurasien Transportkorridore zu benutzen, Geld zu überweisen und Touristen zu empfangen.
Wir müssen auf erreichbare, sichere Energiereserven verzichten. Mit den Sanktionen steckt die EU über 450 Millionen EU-Bürger und Millionen von kleinen und mittleren Betrieben in eine Zwangsjacke. Aber auch die grossen Firmen und Industriebetriebe leiden darunter und überlegen sich, ihre Standorte nach ausserhalb der EU zu verlegen. Es ist eine Katastrophe.
Schauen wir uns noch die Entwicklung in der Ukraine an. Wie sehen Sie das Vorgehen der Regierung?
Die ukrainische Regierung macht sehr viele strategische Fehler. Sie hat gegen den Willen des ukrainischen Volks gearbeitet. Das ukrainische Volk wollte in einem neutralen, blockfreien Staat leben. Die Regierung hat gegen die verfassungsrechtlichen Grundlagen verstossen, als man die Ukraine in die Nato bringen wollte.
Die gleichen politisch Verantwortlichen bemühten sich nicht, die Minsker Abkommen zu erfüllen, obwohl der Uno-Sicherheitsrat das Minsk-II-Abkommen als völkerrechtlich gültig anerkannt hatte. Die Ukraine folgte den «Ratschlägen» von Boris Johnson, keine Vereinbarungen über das Ende des Krieges mit Russland zu treffen. Die Fehler der politischen «Eliten» sind für alle, die sehen wollen, sichtbar. Sie erkennen die minimalen Chancen, den Krieg militärisch erfolgreich zu beenden.
Deshalb versuchen sie, die Verantwortung über die Verluste und Zerstörungen jemandem zu übergeben. Andere sind schuld daran, wenn die Ukraine den Krieg verliert. Die parteiische und kriegsversessene Haltung der EU hat zur Niederlage gegen die grösste Nuklearmacht der Welt geführt. Die Fehler seitens der EU, den Krieg fortzusetzen, aber auch seitens der Ukraine, den Krieg weitergeführt zu haben, sind so gross, dass es ohne Gesichtsverlust kaum Frieden geben kann.
Wie war das Verhältnis Ungarns zur Ukraine, bis es zu den aktuellen Spannungen kam?
In den 90er Jahren, zu Beginn der ukrainischen Unabhängigkeit, pflegten Ungarn und die Ukraine ausgezeichnete Beziehungen. Die Ukraine hatte am 1. Dezember 1991 ein Referendum über ihre Unabhängigkeit und Neutralität abgehalten. Schon am 3. Dezember eröffnete Ungarn als erster Staat eine Botschaft in Kiew. Fünf Tage nach dem Referendum war der ungarische Regierungschef József Antall in Kiew und hat einen Grundlagenvertrag mit der Ukraine sowie ein Dokument über den Schutz der Minderheiten unterzeichnet.
Eine Kommission auf Regierungsebene hatte jedes Jahr eine Sitzung. Es wurde jeweils geprüft, wie sich die Bedingungen für die Minderheiten entwickelten. Seit dem Beginn des Kriegs 2022 verschlechterten sich die Beziehungen zusehends. Ungarn wollte eine neutrale Position einnehmen, um keinen Krieg in die EU zu holen.
Ungarn ist der Überzeugung, dass der Krieg hätte vermieden oder sonst sehr schnell beendet werden können. Ungarn leistet humanitäre Hilfe und nimmt Flüchtlinge auf. Es bietet Hilfe für die Bevölkerung an, besonders im Westen der Ukraine, wo die ungarische Minderheit lebt. Ungarn möchte nach wie vor keinen Krieg in die EU und Nato importieren, und das stört sowohl die ukrainische Führung als auch die EU-Elite. Beide sind daran interessiert, den Krieg militärisch und finanziell zu internationalisieren.
Bekommt die ungarische Minderheit in der Ukraine, diese Spannungen zwischen Ungarn und der Ukraine zu spüren?
Die ungarische Minderheit besteht aus etwa 150 000 Menschen. Sie kennen die ungarische Position aus den Medien, und es ist eine logische Position, sich für den Frieden einzusetzen und sich vom Krieg fernzuhalten. Als Minderheit erlebt sie natürlich den Druck seitens der ukrainischen Gesellschaft. So ist es obligatorisch, an einem Krieg teilzunehmen, und sehr viele sind bereits gestorben. Zusätzlich leben sie aufgrund der Krise zwischen der ungarischen und der ukrainischen Regierung unter einem politischen Druck. Auch das ist mit ein Grund, warum die ungarische Regierung der Meinung ist, dass nur eine diplomatische Lösung das Ende des Kriegs bringen kann.
Leider machten die Ungarn nach dem Machtwechsel im Jahre 2014 sehr schlechte Erfahrungen. Es gab bis dahin sehr gute Gesetze, die die Rechte der Minderheiten, wie der bulgarischen, rumänischen, polnischen, ungarischen und russischen garantierten. Die russische Minderheit ist dabei die grösste. Seit 2014 haben alle Minderheiten sehr viel von ihren Rechten verloren, und die Stimmung innerhalb der einzelnen Volksgruppen ist schlecht.
Erstaunlich ist, dass die EU-Länder wegen der schlechten Minderheitenpolitik nicht bei der ukrainischen Regierung protestiert haben.
Einigen EU- und Nato-Ländern sind die geopolitischen Interessen im Zusammenhang mit der Ukraine und Russland wichtiger als das Wohl aller Minderheiten in der Ukraine. Ungarn ist das einzige Land, das seit 2017 die Gespräche im Nato-Ukraine-Rat, bestehend aus Nato-Ländern und der Ukraine, wegen der Minderheitenpolitik der Ukraine blockiert hat. Die anderen Länder haben das leider nicht unterstützt.
Ab 2014, nach dem verfassungswidrigen Machtwechsel, müssen wir einen Blick auf die Situation der russischen Minderheit, der Kultur, der Sprache, der Bildung und des Gottesdienstes in der Ukraine werfen, denn die erste Massnahme der neuen ukrainischen Führung war die Abschaffung des Status der russischen Sprache.
Die EU hat diesen Schritt nicht sanktioniert, obwohl die Minderheiten der EU-Mitgliedsstaaten (Polen, Ungarn, Rumänen, Bulgarien) dadurch ebenfalls erhebliche Einbussen erlitten; alle regionalen Sprachen wurden abgeschafft. Eine wertebasierte EU-Diplomatie hätte den Krieg verhindern können.
Nachdem die Nato für die Kosovo-Albaner in Serbien 1999 einen Präzedenzfall geschaffen hatte, hielt es Russland auch für legitim, seine nachweislich schwer diskriminierte ethnische und sprachliche Minderheit von Millionen Russen in seinem Nachbarland zu verteidigen. In der Schweiz könnte sich niemand vorstellen, die deutsche, die französiche oder die italienische Sprache als zweitrangige einzustufen. Warum ist es legitim im Fall von zehn Millionen Russischsprachigen in der Ukraine? Solche europäischen Fehler können wir unter den Ursachen des Ukraine-Kriegs finden.
Herr Dr. Varga, vielen Dank für das Gespräch.
Interview Thomas Kaiser
* György Varga war ungarischer Diplomat mit Spezialisierung auf den postsowjetischen Raum. Er hat in Theorie der internationalen Beziehungen promoviert und als Universitätsdozent strategische Planung, Sicherheitspolitik und Theorie der internationalen Beziehungen gelehrt. Als Diplomat vertrat er Ungarn in der Ukraine, in Moskau, er war Botschafter in Moldawien und von 2017 bis 2021 Leiter der Beobachtermission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Russland. In dieser Funktion verbrachte er die vier Jahre vor dem Krieg im Namen der 57-Länder-Organisation in einem Teil Russlands und im Gebiet des Donbas, das nicht von der ukrainischen Regierung kontrolliert wird. Er leitete eine ununterbrochene internationale Überwachung, die zur Lösung des Konflikts beitragen sollte. Varga ist Mitglied des Öffentlichen Gremiums der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA).
