von Dr. phil. Henriette Hanke Güttinger
Was man über Eritrea liest und hört, ist widersprüchlich. Ein junger eritreischer Asylbewerber erzählte mir, in Eritrea werde man gezwungen, sehr lange Militärdienst zu leisten. Manche könnten den Dienst nie mehr verlassen. In einer Stadt an der sudanesischen Grenze, wo sein Onkel lebe, müssten die Bewohner jede Nacht patrouillieren, um die Grenze zu sichern. Ganz anders eine junge Eritreerin, die in der Schweiz aufgewachsen ist und hier ihre Ausbildung gemacht hat. Sie ist nach Eritrea ausgewandert, weil sie mithelfen will, das Land weiter aufzubauen.
Widersprüchliche Aussagen wecken das Interesse. Anfang Februar fragte mich Silvia vom Schweizerischen Unterstützungskomitee für Eritrea (SUKE)¹, ob ich im Frühling auf eine Projektreise mitkäme. Spontan sagte ich zu. Während zweier Wochen besuchten wir verschiedene Projekte, reisten nach Keren und in das historische Zentrum des Unabhängigkeitskriegs, Nakfa, sowie ans Rote Meer nach Massawa. Was ich gesehen, gehört und erlebt habe, ist hier in einem ersten Teil festgehalten.
Unsere achtköpfige Reisegruppe setzte sich aus Leuten zusammen, die Solidarität mit Eritrea in die Tat umsetzen – bis heute. Einige kommen aus der Post-68er-Drittwelt-Solidaritätsarbeit, so Martin Zimmermann, Geschäftsführer von SUKE, der während des eritreischen Unabhängigkeitskriegs für viele Zeitungen im deutschsprachigen Raum aus dem Kriegsgebiet berichtet hat. Oder Uli Vollmer, Vorsitzender des Eritrea Hilfswerks Deutschland e. V.(EHD),² der während des Unabhängigkeitskriegs mehrmals nach Eritrea gereist ist und dort seine Frau, die im Widerstand kämpfte, kennengelernt hat.

Asmara – ein Hauch Italianità
Die Hauptstadt Asmara auf 2400 Metern Höhe, in der man überall auf bauliche Reminiszenzen aus der Zeit der italienischen Kolonialherrschaft stösst, liegt mitten in einer Hochebene.³
Schon am Morgen ist die Stadt voller Leben. An der Harnet Avenue (Independence Avenue) reiht sich ein kleiner Laden an den andern. Einige ältere Frauen sitzen an den Hauswänden und betteln. In einer Seitenstrasse hat es einen Käseladen, wo Erdnussbutter, Milch, Käse, Ricotta und Joghurt verkauft wird, was in Asmara eine Seltenheit zu sein scheint. Es gibt Cafés im italienischen Stil, wo man einen Cappuccino, Espresso oder eine Latte Machiato bestellen kann. Ältere Leute, die einen auf Italienisch ansprechen, freuen sich, wenn man sie versteht und einige Worte mit ihnen wechselt.

Schon am Morgen ist die Hauptstadt Asmara voller Leben. (Bilder hhg)
«Die Ehrlichkeit gehört zu unserer Kultur»
In einer Wechselstube wollen wir Geld wechseln. Die Türe steht weit offen. Eine hübsche, adrett gekleidete junge Frau sitzt hinter ihrem Schreibtisch und begrüsst uns freundlich. Neben ihr an der Wand liegen einige mit Gummiband zusammengehaltene Bündel mit Geldscheinen. Die Frau wird kurz von ihrem Platz weggerufen, um etwas zu regeln. Sie verlässt das Büro und lässt uns alleine. Als sie zurückkommt, zeige ich auf die Geldbündel und sage: «In der Schweiz würde man uns niemals alleine lassen mit diesen Geldbündeln!» Sie lacht und antwortet: «Ich könnte 1 Million oder 2 Millionen Nakfa liegen lassen. Es würde nichts passieren.»
Später fragt mich ein junger Mann im Hotel, woher wir kommen und wie es mir in Eritrea gefalle. Er ist in Deutschland aufgewachsen und jetzt geschäftlich in Asmara. «Die freundliche Art der Menschen gefällt mir. Man hat einen herzlichen Umgang mit den anderen und ist intensiv im Gespräch. Bei uns in der Schweiz sind viele auf ihre Handys fixiert.» «Zum Glück ist das hier noch nicht so verbreitet. Zusammen zu sprechen gehört doch zur Menschlichkeit», antwortet der junge Mann. Ich erzähle ihm auch, was wir in der Wechselstube erlebt haben. Das erstaunt ihn nicht: «Das ist unsere Kultur. Die Ehrlichkeit gehört zu unserer Kultur. Wenn jemand etwas findet, was ihm nicht gehört, bringt er es zur Polizei. Er erhält 10 Prozent Finderlohn.»
In der Abraha Bahta Blindenschule
Wir besuchen die Abraha Bahta Blindenschule,⁴ wo wir vom Direktor herzlich begrüsst werden. Die 1967 gegründete Internatsschule ist die einzige Primarschule in Eritrea für sehbehinderte Kinder. Zur Zeit wird sie von 110 Kindern besucht, acht von ihnen sind extern. Die Ferien verbringen die Kinder in ihren Familien.
Das SUKE unterstützt die Blindenschule mit einem jährlichen Budget für kleine Renovierungsarbeiten und hat jüngst zwei Solaranlagen installiert, wobei die der Schule angeschlossene Braille-Druckerei und der IT-Unterrichtsraum sowie die Büros unabhängig vom öffentlichen Netz mit Strom versorgt werden.
In einem Schulzimmer gibt es eine Landkarte von Eritrea sowie die Karte von Afrika in Brailleschrift. Eine Frau zeigt uns weitere Unterrichtsmaterialien, so auch ein Relief von Eritrea, wo blinde Kinder ihr Land ertasten können.
Auf einem schön gemalten Bild sind Schulregeln festgehalten. Die erste Regel, «We must not be late for school», ist mit einem Jungen und einem Mädchen in Schuluniformen illustriert, die Hand in Hand gehen, wie es in Eritrea oft zu sehen ist. Kinder halten sich an der Hand oder haben ihren Arm um die Schultern des anderen gelegt. Auch Männer spazieren Hand in Hand oder legen ihren Arm um die Schulter anderer Männer. Trifft man sich, wird das Gegenüber herzlich in den Arm genommen, oder man reicht sich nach Tradition der ehemaligen Unabhängigkeitskämpfer die Hand und berührt mit der rechten Schulter dreimal die rechte Schulter seines Gegenübers.
Beim Rundgang durch die Blindenschule sieht man durch das Fenster in die Schulzimmer, wo die Kinder in ihren hellgrünen Schuluniformen sitzen und lernen.
Zur Schule gehört auch ein Brailledruck-Zentrum. Dort bedient eine Frau eine Presse, mit der die Bücher für die Schulen und die Colleges sowie Bücher in Brailleschrift für Erwachsene gedruckt und anschliessend zusammengeheftet werden. Die Frau, die ein Blatt nach dem anderen in die Presse einlegt, ist eine ehemalige Kämpferin aus dem Unabhängigkeitskrieg. Im Eritrea Info des SUKE gibt es einen Bericht, wie eine Studentin, die plötzlich erblindete, dank der Blindenschule die Braille-Schrift erlernte und anschliessend weiter studieren konnte.⁵ In der Schule gibt es auch ein Krankenzimmer.
In der Wäscherei, die mit grossen Waschmaschinen bestückt ist, sind zwei Frauen an der Arbeit, eine von ihnen ebenfalls eine Kämpferin aus dem Unabhängigkeitskrieg. Auf dem Herd in der Küche stehen die grossen Pfannen mit dem Mittagessen, Pasta mit Tomatensauce. Die Tische im grossen Speisesaal sind bereits gedeckt. Die Kinder laufen über den Hof, führen sich manchmal auch gegenseitig und setzen sich an die Tische. Mitarbeiterinnen gehen von einem Kind zum anderen und schöpfen ihnen das Essen.
«Project for poor women»
Am Nachmittag besuchen Uli, Silvia und ich das «Project for poor women» der evangelisch-lutherischen Kirche Eritreas, die 1860 von schwedischen Missionaren gegründet worden war und heute rund 20 000 Mitglieder umfasst.⁶ «In Eritrea leben die verschiedenen christlichen Religionen gut und friedlich nebeneinander», erklärt uns der Pastor, der uns anschliessend zu den Frauen begleitet.
Mit dem «Project for poor women» unterstützt die Kirche 15 alte, arme Frauen, die keinerlei Unterstützung haben und stellt ihnen unentgeltlich einen Wohnort zur Verfügung. Die Frauen sind Mitglieder der evangelisch-lutherischen Kirche.
Die Versammlung der Geistlichen der Kirche gibt jeweils die Empfehlung ab, wer in die kleine Gemeinschaft mit dem Namen «Beite Salem» aufgenommen wird, wenn ein Platz frei wird. Das Projekt wird von der evangelischen Pauluskirche in Stuttgart finanziert.
In der Regel sind die Frauen älter als 60 Jahre. Jeweils zu zweit teilen sie sich einen Wohnraum, in dem sie auch schlafen. Zu Ostern, zum koptischen Neujahr im September sowie zu Weihnachten erhalten die Frauen jeweils 1500 Nakfa (rund 100 Franken). Auch Wasser und Strom werden von der Kirche bezahlt.
In der gemeinsamen Küche zeigt uns eine der Frauen die traditionelle Ofenplatte, auf der die Injera – ein Sauerteig-Fladenbrot aus Teffmehl – gebacken wird, das zur täglichen Nahrungsgrundlage gehört und mit unterschiedlichen Zutaten belegt werden kann.
Unter den Frauen ist gegenseitige Hilfe eine Selbstverständlichkeit. Wir sitzen in einem der Wohnräume, uns gegenüber liegt eine alte Frau in ihrem Bett, die sich über unseren Besuch freut. Vor anderthalb Jahren hat sie einen Hirnschlag erlitten und ist seither gelähmt. Ihre Schwester, die auch in Beite Salem lebt, sorgt für sie, pflegt sie, kocht und ist auch für die traditionelle Kaffeezeremonie zuständig. In einem der Wohnräume lebt eine Frau mit ihrem erwachsenen Sohn, der geistig behindert ist. Die Frauen, die hier Unterkunft gefunden haben, kommen ursprünglich alle aus der Gegend von Asmara.
Auf Besuch
Von der Hauptstrasse in Asmara abzweigend, erreichen wir über eine staubige, ungeteerte Strasse zwischen einstöckigen Häusern, die nach aussen mit einer hohen Mauer abgegrenzt sind, das Tor zum Haus der Familie, mit der Silvia befreundet ist. Silvia ruft, der Hund beginnt zu bellen und ihre Freundin Lula öffnet und freut sich über unseren Besuch. Das Haus hat einen schönen, geräumigen Innenhof mit einem kleinen Garten, einem Avocadobaum und einem Kaffeestrauch, dessen Früchte verwendet werden. In einem Beet gibt es Krautstiele, Mais und Tomaten.
Wir sitzen in der Wohnküche, und es gibt viel zu erzählen. Die Tochter von Lula bringt eine Schale und einen Wasserkrug, damit wir uns die Hände waschen können. Dann beginnt Lula mit der Kaffeezeremonie. Sie entzündet Holzkohle im traditionellen kleinen viereckigen Metallofen und röstet in einer Schale die Kaffeebohnen, bis sie zu duften beginnen. Dann hält sie uns die Schale hin und fächelt uns den wohlriechenden Kaffeeduft zu. Anschliessend werden die gerösteten Kaffeebohnen gestampft und zusammen mit Wasser in den traditionellen Tonkrug gefüllt, der in die glühende Holzkohle gestellt wird. Sobald der Kaffee nach oben steigt, wird er in eine Tasse gegossen und wieder in den Tonkrug geschüttet, was einige Male hin und her geht. Dann wird der erste Kaffee in kleinen Mokkatassen gereicht, zusammen mit einer grossen Schale mit Popkorn aus einem hiesigen Getreide. Nachdem man den Kaffee getrunken hat, wird die Kaffeezubereitung noch zwei weitere Male wiederholt. Leider bleibt es beim ersten Tässchen Kaffee, da wir für einen Besuch in der Musikschule verabredet sind, die von SUKE unterstützt wird.
Ein Ständchen mit Violinen und Cellos
In der Musikschule begrüsst uns die Leiterin, die in einer der schönen aus der italienischen Kolonialzeit stammenden Villen wohnt. In einem Nebengebäude im Garten sind die Schülerinnen und Schüler versammelt, die hier Musikunterricht erhalten. Mit ihren Violinen und Cellos geben uns die adrett gekleideten Jungen und Mädchen ein kleines Ständchen. Auch wenn es manchmal noch etwas kratzt für unsere Ohren, sie sind eifrig und begeistert mit strahlenden Augen ganz bei der Sache. Auf die Frage von Silvia, ob auch Kinder aus armen Familien zum Unterricht kommen, sagt die Leiterin, es kämen nur Kinder, deren Eltern für den Musikunterricht bezahlen können.
«Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts»
Gegen Abend schaue ich in der Hotelhalle Al Jazeera. Ein junger Mann schaut ebenfalls die Nachrichten. «Haben Sie das gesehen, die Huthis unterstützen jetzt den Iran und die Hisbollah im Libanon?», fragt er. «Trump», er tippt sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe, «er ist verrückt.» Auf dem Bildschirm ist eine Strasse zu sehen. Die Autos halten an, und die Leute steigen aus. Weiter vorne steigen Rauchsäulen auf. Unten läuft die Schlagzeile durch, Israel habe erneut den Südlibanon bombardiert: «Ein Mann ist getötet worden mit seinem Sohn sowie drei Sanitätern,» entsetzt sich der junge Mann. «Dabei könnten die Menschen ganz friedlich zusammenleben», sagt er. «Ja», gebe ich ihm recht. «So wie die Menschen hier in Eritrea. Hier leben Christen und Muslime friedlich zusammen», fügt er hinzu. Dann will er wissen, woher ich komme. Auf meine Antwort «aus der Schweiz», sagt er: «Ja, die Schweiz ist ein schönes Land und so friedlich.» «Ja, das ist, weil die Schweiz neutral ist», ergänze ich, «vor kurzem hat die Schweizer Regierung als neutrales Land den USA zwei militärische Überflüge über die Schweiz verboten. Zudem verbietet die Schweiz den Verkauf von Militärgütern an die USA, weil diese Krieg führen.» Diese Erklärung findet seine Zustimmung.
Dann sagt er zu mir: «Ich will Ihnen zwei Fragen stellen. Möchten Sie lieber in einer Welt leben, wo man gut lebt, gutes Essen hat und alles, was das Leben angenehm macht, aber es gibt auch Krieg. Oder möchten Sie in einer Welt leben, wo man einfach lebt und nur das hat, was man braucht, aber es gibt keinen Krieg?» Als ich ihm sage, ein einfaches Leben ohne Krieg fände ich besser, sagt der junge Mann: «Ja, ein friedliches Leben. Das ist das, was Gott will.» Spontan kommen mir die Worte des damaligen sozialdemokratischen Bundeskanzlers Willi Brandt in den Sinn: «Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.»
Reise nach Keren
Ausländer können sich nur in Asmara und in einem Umkreis von 20 Kilometern frei bewegen. Für Reisen innerhalb Eritreas brauchen sie Bewilligungen. Nachdem wir bei der zuständigen Stelle der Regierung Anträge für Reisen nach Keren, Nakfa und Massawa gestellt haben, liegen jetzt Reisebewilligungen und Reisedaten vor, die wir in sechsfacher Ausführung kopieren. Der Ablauf an den jeweiligen Kontrollstellen ist so unterschiedlich, wie die Menschen, die die Kontrolle vornehmen. Auf der Reise nach Massawa gibt es keine Kontrollen. Auf den Reisen nach Keren und Nakfa gibt es vom lässigen Vorbeiwinken und dem darauf Bestehen, dass die Kopien nicht genügen und die Originale gezeigt werden müssen, alle Varianten.
Am Vorabend unserer Reise nach Keren sind auf dem Trottoir vor dem Hotel die Abschrankungen für das morgige Velorennen bereitgelegt worden. Als wir ins Hotel zurückkommen, gibt es laute Popmusik, und es wird getanzt. Punkt 22 Uhr wird der Betrieb eingestellt, und man kann in Ruhe schlafen.
Eigentlich wollten wir um 7 Uhr mit unserem Fahrer von der Gewerkschaft losfahren. Aber heute ist Velorennen. Gestartet wird vor unserem Hotel und für unseren Fahrer gibt es kein Durchkommen. So verfolgen wir mit grossem Interesse die Vorbereitungen der vielen Fahrer in farbiger Rennbekleidung und den Startschuss.
Jetzt kommt auch unser Fahrer. Er steigt auf das Dach des Geländewagens, wo er unsere Rucksäcke mit Seilen festzurrt. Im Auto sitzen wir zu zweit neben dem Fahrer, zu dritt auf dem Rücksitz und zu dritt im hinteren Teil des Autos.

Unterwegs auf der Hauptstrasse Richtung Keren.
Die Strasse nach Keren ist frisch asphaltiert und führt durch einen lichtdurchfluteten Eukalyptuswald, in dem Bienenkästen zu sehen sind. Wir fahren an einem Rückhalteteich für Trinkwasser vorbei. Ein Stück weiter ist ein grösserer Teich, der nur landwirtschaftlich genutzt wird. Esel, Rinder und Geissen sind am Trinken. Sobald etwas Wasser zur Verfügung steht, ist das Land hier sehr fruchtbar und ermöglicht jährlich zwei bis drei Ernten. Links und rechts der Strasse ist sorgfältig terrassiertes Land zu sehen, vorbereitet für die Aussaat. Man wartet hier auf die kleine Regenzeit, die eigentlich im März und April einsetzen sollte. Die grosse Regenzeit wird von Ende Juni bis Anfang September erwartet. Dort, wo es kleine Seelein gibt, beginnt es im Talboden mit den kleinen Feldern bereits zu grünen.
Viele sind heute unterwegs, zu Fuss, mit ihren Geissen, Schafen, Eseln, Kamelen, Rinderherden oder mit dem Velo, ab und zu ein Lastwagen oder ein Überlandbus. Die Strassen sind sauber, es gibt kaum Abfall. Am rechten Strassenrand ist ein Reifen zur Hälfte eingegraben, was die Haltestelle für den öffentlichen Bus anzeigt. Die Strasse windet sich durch eine karge, hügelige und später bergige Landschaft mit wunderschönen mit hellvioletten Blüten übersäten Jacarandabäumen, am Strassenrand ein ausgedienter Container, der jetzt als kleiner Laden dient. Abseits der Strasse ist ein äthiopischer, rostiger Panzer aus dem Unabhängigkeitskrieg zu sehen sowie verschiedene Gedenktafeln für die Gefallenen.
In einem kleinen Ort mit in schönen Farben bemalten Häusern trinken wir Tee. Handgefertigte Bausteine liegen an der Sonne zum Trocknen. Einige Kühe kauen gemächlich die trockenen Strohhalme. Auf der Weiterfahrt ist ab und zu eine kleine Siedlung zu sehen mit strohgedeckten Rundhäusern und einstöckigen Flachdachhäusern. Unterwegs hat ein Lastwagen kurz nach einer Kurve eine Panne. Pannendreiecke gibt es keine. Mit drei Steinhaufen wird auf das kommende Hindernis aufmerksam gemacht.
Nach einer langen, beengten Fahrt erreichen wir Keren. In Anbetracht der kurvigen, ungeteerten Piste, die über Berge und durch Flussbette von Keren nach Nakfa führt, beschliessen wir, am nächsten Tag nach Asmara zurückzukehren und dann am Mittwoch mit zwei Autos nach Nakfa aufzubrechen.
In einem der Häuser im Städtchen Keren steigen wir zur Dachterrasse hinauf, wo man eine gute Rundsicht über die Stadt geniesst, die umgeben von Bergen in einem Talkessel liegt. Überall gibt es kleine Läden. In einer Gasse, in der Silber- und Goldschmuck verkauft wird, schauen wir einem Silberschmied bei seiner filigranen Arbeit zu, ihm gegenüber sitzt sein Sohn, zuständig für das Geschäftliche, der etwas Englisch spricht und uns erlaubt, Fotos zu machen.
Was kostet ein Kamel?
Am nächsten Morgen ist Kamelmarkt in Keren. Auf dem Markt trifft man sich. Männer in weissen Kaftanen und Turbanen tauschen nach herzlichen Begrüssungen Neuigkeiten aus und führen ausgedehnte Gespräche. In einem grossen Geviert stehen Kamele zum Verkauf bereit. Wir erkundigen uns nach den Preisen. Zur Zeit seien die Preise sehr hoch. Ein junges Kamel wäre für 20 000 Nakfa zu haben, ein ausgewachsenes Tier kostet 40 000 Nakfa. In einem weiteren Geviert werden Esel, Geissen, Schafe und Hühner verkauft.
Unterdessen ist es sommerlich warm. Unter schattenspendenden Bäumen sitzen zwei Männer. Jeder hat einen grossen, ausgedienten Sack vor sich, aus dem er die Plastikfäden des Gewebes herauszieht, die er anschliessend zu einer Plastikschnur zwirnt, die er dann für den Verkauf zur Seite legt. Diese Schnüre werden bei Ziegen und Eseln als Halsbänder und Leinen gebraucht; eine nachahmenswerte Form von Recycling.
Coiffeurausbildung mit Zukunft
In Keren besuchen wir die Gehörlosenschule mit Internatsbetrieb, die von 170 Schülerinnen und Schülern besucht wird. 12 von ihnen machen hier ihre Coiffeurausbildung, die Zukunft hat. Traditionell gezöpfelte Frisuren kommen in Eritrea zur Zeit gut an. Für diese Ausbildung, die später auch ein Einkommen ermöglichen wird, besteht eine Warteliste. Die Ausbildung wird vom SUKE finanziell unterstützt. In der Gehörlosenschule werden auch Schneiderinnen und Schneider ausgebildet. Früher gab es auch eine Ausbildung am Webstuhl, die Frauen ein existenzsicherndes Einkommen ermöglichte. Mit der Zunahme des Importes billiger ausländischer Stoffe lohnt sich das Weben nicht mehr.⁷ Unterstützt von der UNICEF wurde die Schule erweitert, saniert, und auch ein schönes, helles Krankenzimmer wurde gebaut, das in Kürze mit dem notwendigen Mobiliar ausgestattet werden wird. Die dreimonatigen Sommerferien verbringen die Schülerinnen und Schüler in ihren Familien und kehren zum Schulbeginn am 15. September wieder ins Internat zurück. ■
¹ www.suke.ch/
² www.eritrea-hilfswerk.de/
³ Seit 2017 gehört Asmara zum Unesco Weltkulturerbe. Die städtebauliche Entwicklung ist «weltweit einzigartig» und beinhaltet eine «unübertreffbare Anzahl architektonischer Juwele», so Hans-Ulrich Stauffer, der Asmara als «heimliche Hauptstadt des Modernismus» bezeichnet. Neben Gebäuden der klassischen Moderne finden sich «verspielte, ornamentreiche Art-Déco-Bauten der ausklingenden Belle Epoque» sowie «Bauten des Novecento, des Neofurturismus und des Rationalismus», aber auch monumentale Bauten faschistischer Architektur. Hans-Ulrich Stauffer: Eritrea Der zweite Blick, Zürich 2017, S. 68.
⁴ www.suke.ch/projects/abraha-bahta-blindenschule
⁵ Eritrea Info 99, November 2025, S. 4.
⁶ lutheranworld.org/de/node/34
⁷ Die Regierung hatte Lizenzen vergeben. Das ermöglichte, Stoffe im Ausland billig einzukaufen und dann im Inland billig zu verkaufen.
