sl. Kein anderes Land investiert soviel in seine Bildung wie die Schweiz. Dennoch sinken die Leistungen der Schülerinnen und Schüler von Jahr zu Jahr. In der Pisa-Studie von 2022 schnitten sie um ganze 40 Punkte schlechter ab als noch 10 Jahre zuvor. Warum?
In der parteiübergreifenden Vereinigung «Wendepunkt Bildung» haben sich namhafte Experten aus Politik, Bildungsforschung und Schule zusammengefunden, um dem Abwärtstrend Gegensteuer zu geben. Am 27. April stellten sie ihr «Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht» der Presse vor.
Carl Bossard, ehemals Gesamtrektor der Kantonsschule Luzern, Gründungsrektor der PH Zug und begeisterter Pädagoge, legte in seinen einleitenden Worten dar, weshalb sie sich entschlossen, mit diesem Manifest gemeinsam an die Öffentlichkeit zu treten.
Geschätzte Damen und Herren
Zwischen Schönreden und Schwarzmalen gibt es einen dritten Weg: hinschauen – benennen – handeln. Dafür engagieren wir uns. Die Befunde beunruhigen: Die Lernleistungen sinken – besonders im Lesen. Doch die Bildungspolitik reagiert darauf oft mit neuen Programmen – statt mit wirksamerem Unterricht.
Unsere Überzeugung ist klar: Nicht, was gut gemeint ist, zählt, sondern das, was wirkt. Das Entscheidende an Reformen ist ihre Wirkung aufs Lernen. Doch viele Reformen verändern Strukturen – verbessern das Lernen aber kaum.
Wenn beispielsweise über ein Viertel unserer Schulabgänger Texte nicht mehr sicher verstehen, geht es nicht um Details. Es geht um ihre Zukunft. Das ist kein Randproblem. Das ist ein Kernproblem. Und das beschäftigt uns.
Drei Punkte entscheiden, ob Lernen gelingt – oder nicht.
Erstens: Der Verlust des systematischen Lernens
Lernen ist kein Zufall. Lernen folgt einer klaren Ordnung: aufbauen – verstehen – festigen – üben – anwenden. Das sind anspruchsvolle Vorgänge mit den beiden Grundpfeilern des Verstehens und Festigens. Genau diese Ordnung ist vielerorts geschwächt worden. Grundlagenarbeit – im Lesen, Schreiben und Rechnen – gilt zu oft als überholt. Üben hat an Gewicht und Bedeutung verloren.
Die Forschung aber ist eindeutig: Lesen, Schreiben und Rechnen – das, was wir im Alltag am meisten brauchen – müssen konsequent aufgebaut und intensiv geübt werden. Es braucht Kohärenz und Kontinuität – den berühmten roten Faden.
Gleichzeitig wird früh Selbständigkeit eingefordert – etwa im «Selbstorientierten Lernen». Und das, bevor Grundlagen gesichert sind. Selbständigkeit aber ist kein Ausgangspunkt, sondern das Ergebnis von Anleitung, Struktur und Übung.
Ohne Fundament keine Selbständigkeit.
Bilanz 1
Nicht die Kinder sind schwächer geworden – das systematische Lernen wurde geschwächt.
Zweitens – eng damit verbunden – die Entkoppelung von Lehren und Lernen
Lehren und Lernen gehören zusammen. Doch unter dem Schlagwort «Vom Lehren zum Lernen» wurde die Rolle der Lehrperson teilweise geschwächt – und hin zur blossen Lernbegleitung, zum Coach verschoben.
Kinder brauchen Erklärung, Führung – als konsequente und verstehende Zuwendung – Rückmeldung.
Wenn Lehren an Bedeutung verliert, verliert Lernen seine Orientierung – besonders bei lernschwächeren Schülerinnen und Schülern. Guter Unterricht ist darum weder reine Instruktion noch blosses Selbstlernen. Es ist eine anspruchsvolle Verbindung von beidem: gezielte Steuerung durch die Lehrperson – und hohe Aktivität der Schülerinnen und Schüler. Entscheidend ist das Sowohl-als-auch.
• Die Forschung zeigt: Bildungswirksam ist Unterricht dort,
• wo Lehrpersonen fachlich kompetent und pädagogisch fundiert unterrichten,
• klare Erwartungen setzen,
• gezielt üben lassen
• und Feedback geben, das wirklich weiterbringt.
Noch heute erinnere ich mich ans Feedback meines 6.-Klasslehrers: «Carl, die Hauptaussage gehört nicht in den Nebensatz, sondern in den Hauptsatz. Darum heisst er so!»
Bilanz 2
Gutes Lernen braucht wirksames Lehren. Nicht weniger – sondern professionell verantwortetes Lehren.
Drittens – mit Folgen für alles bisher Gesagte – die Distanz zur Praxis
Die Lehrerbildung an den Pädagogischen Hochschulen ist akademischer geworden – das ist richtig und nicht das Problem. Problematisch wird’s dort, wo sie sich vom Klassenzimmer entfernt. Guter Unterricht darf nicht vom Schreibtisch aus definiert werden. Gleichzeitig entstehen immer neue Programme. Doch Programme lösen kein Lernproblem. Guter Unterricht tut es.
Bilanz 3
Pädagogische Hochschulen müssen stärker an die Praxis rückgebunden werden. Entscheidend ist nicht die Struktur der Ausbildung, sondern ihre Wirkung im Klassenzimmer.
Unser Fazit
Jedes Kind geht nur einmal zur Schule. Diese Jahre sind kein Probelauf. Bildungswirksamkeit entsteht im Unterricht:
• durch gute Lehrpersonen,
• klare Struktur,
• und ausreichend Zeit und Ruhe zum Üben.
Am Ende zählt nicht die Reform. Am Ende zählt, ob ein Kind lesen, schreiben und rechnen kann – ob es die «Basics» beherrscht. Dafür tragen wir gemeinsam die Verantwortung. Das kommt in unserem Manifest zum Ausdruck.
Ich danke Ihnen.
Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht
Jedes Kind geht nur einmal zur Schule.
Darum hat es das Recht auf einen bildungswirksamen Unterricht.
Wir Erwachsenen tragen dafür die Verantwortung.
Die heutige Volksschule wird diesem Auftrag zu wenig gerecht. Warum?
Sie vernachlässigt das gemeinsame und systematische Lernen.
Überfrachtete Lehrpläne und pädagogische Dogmen verdrängen das Zusammenspiel von Lehren und Lernen.
Zentral verordnete Reformen binden Zeit und Ressourcen, entwerten das Pädagogische und tragen zu sinkenden Lernleistungen bei.
Administration und Organisation ersticken die Freiheit und verdrängen den Sinn des Lehrberufs.
Pädagogische Hochschulen verlieren den Bezug zur Praxis.
Darum fordern wir eine Neuausrichtung hin zu einer Volksschule, die über klare Ansprüche und systematisches Üben elementares Basiswissen sichert und so tragfähige Grundlagen fürs Leben vermittelt:
verstehendes Lesen und kohärentes Schreiben,
präzises Reden und begründetes Argumentieren,
grundlegendes Rechnen,
logisches Denken und freies Fantasieren,
kreative und kulturelle Fähigkeiten,
einen respektvollen Umgang und Förderung des Gemeinsinns.
Darauf müssen die Pädagogischen Hochschulen vorbereiten – und dafür müssen sie einstehen, in engem Austausch mit der Schulpraxis.
Der Sinn der Schule liegt im Pädagogischen. Darum steht die Pädagogik im Mittelpunkt.
Jedes Kind hat ein Recht darauf, gesehen, angeleitet und verantwortungsvoll unterrichtet zu werden.
Eine bildungswirksame Schule schafft entscheidende Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben. Darum gehört sie ins Zentrum der Politik.
Dr. phil. Carl Bossard, Yasmine Bourgeois, Prof. Dr. phil. Allan Guggenbühl, Dr. phil. Beat Kissling, Philipp Loretz, Res Schmid, Christine Staehelin M.A., Roland Stark
Zürich, 27. April 2026
Quelle: bildung-wissen.eu/wp-content/uploads/2026/04/2026-04-27_MK_Wendepunkt-Bildung_mit-Powerpoint.pdf
