Eritrea – Hilfe zur Selbsthilfe

«Die Regierung hat uns beigebracht, dass wir auf unseren eigenen Beinen stehen sollen. Das machen wir»

Dr. phil. Henriette Hanke Güttinger

Nach mehr als 30 Jahren Befreiungskrieg wurde Eritrea 1991 unabhängig. Von 1998 bis 2000 führte Äthiopien erneut Krieg gegen das Land. Ab 2009 wurden gegen Eritrea Sanktionen verhängt, die zum Teil bis heute aufrechterhalten werden. Eine Entwicklungszusammenarbeit, wie sie zwei gemeinnützige Organisationen aus Deutschland und der Schweiz zusammen mit den Menschen in Eritrea praktizieren, führt – trotz aller Schwierigkeiten – zu wichtigen Verbesserungen im Alltagsleben.

Markt in Asmara – Germany is my dreamland!

In Asmara schlendern wir durch den «Medeber». Die alte Karawanserei ist die Unterkunft für Asmaras grössten Receyclingmarkt und für einen Gewürzmarkt, wo auch die Zutaten für das beliebte, sehr scharfe Gewürz Berbere1 gemischt und mit einer dröhnenden Maschine pulverisiert wird, was bei uns zu heftigen Niesanfällen führt, im Gegensatz zu den Frauen, die tagtäglich dort arbeiten. In einem weiteren Teil des Marktes ist eine Werkstatt neben der anderen, in denen fleissig geschreinert, geschweisst und gehämmert wird.

Ein junger Mann, der dort arbeitet, spricht uns an und will wissen, woher wir kommen. Als Birgit sagt: «Germany», beginnt er zu schwärmen: «Oh, Germany is my dreamland!» Silvia, die im Schweizerischen Unterstützungskomittee für Eritrea SUKE mitarbeitet, sagt zu ihm, er solle in Eritrea bleiben. Eine Reise nach Europa sei lebensgefährlich. Für junge Eritreer sei es in Europa, wo sie nicht gut aufgenommen würden, sehr schwierig. In Eritrea hätten sie ihre Freunde, ihre Familien und würden dringend gebraucht für den weiteren Aufbau ihres Landes. Zuerst argumentiert der junge Mann noch. Dann wendet er sich enttäuscht von uns ab und arbeitet weiter.

Aus Altem macht man Neues

In einer kleinen Werkstatt sitzt ein Mann mitten zwischen alten Konservendosen und Gegenständen aus Metall wie Kaffeekocher oder Spitzhutdeckel für die heissen Platten, auf denen Ingeras, die weichen traditionellen Fladenbrote, gebacken werden. Der Mann hat aus Konservenbüchsen Kisten mit Deckeln hergestellt und hellblau bemalt. Jetzt verziert er sie mit weissen Blumen und Girlanden. Zu kaufen sind diese Kisten leider noch nicht, da die Farbe zuerst noch zwei Tage trocknen muss.

In Eritrea, einem Land, das über lange Jahre mit Sanktionen stranguliert worden ist und in dem es an vielem fehlt, behilft man sich mit kreativen Lösungen, mit dem, was eben da ist. Zugleich findet ein sinnvolles Recycling statt, an dem wir uns in unseren westlichen Konsum- und Wegwerfgesellschaften ein nachhaltiges Beispiel nehmen könnten.

Gegenüber dem Markt sitzt Stefan, von dem die schönen Fotos des Kalenders des SUKE für 2026 stammen. Er zeichnet und aquarelliert. Als Architekt hat er dafür eine gute Hand und ein geübtes Auge. Kinder schauen ihm neugierig über die Schulter.

Aus Altem macht man Neues. (Bild hhg)

Morgen ist orthodoxer Palmsonntag

Bei schönstem Wetter steigen wir auf den Hügel über der Stadt, von dem man einen guten Überblick über Asmara geniesst. Dort gibt es auch einen sehr schönen Friedhof aus der italienischen Kolonialzeit, der von aussen aber leider nicht zugänglich ist. Neben einem Ladeneingang hängt ein schöner, gelber Briefkasten aus der Kolonialzeit, der allerdings nicht mehr in Betrieb ist. Eine junge Frau mit Sonnenschirm und ihrem Kleinen auf dem Rücken kommt an uns vorbei.

Hier oben über der Stadt steht auch eine grosse orthodoxe christliche Kirche. Morgen ist Palmsonntag. Teppiche und vieles andere wurden aus der Kirche herausgetragen und liegen jetzt in der Sonne. Es wird geputzt. Für Palmsonntag wird alles schön gemacht. Die Kirche können wir leider nicht betreten.
Hier wird die Religion noch sehr ernst genommen. Eine Frau, die an der Kirche vorbeigeht, hält kurz inne, schlägt das Kreuz und geht dann wieder weiter. Eine andere Frau kniet vor der Kirchenmauer, küsst sie und betet.

50 Jahre Eritrea Hilfswerk in Deutschland e.V. EHD

Am Abend ist in Asmara eine kleine Feier zum 50-jährigen Bestehen des EHD angesagt, an der viele, mit denen das EHD in Eritrea zusammenarbeitet, teilnehmen.
Das EHD ist 1976 von vier Deutschen und vier Eritreern gegründet worden. Bis zum Ende des Unabhängigkeitskrieges von 1991 unterstützte das EHD die notleidende Bevölkerung im Bereich Nahrungsmittel und Gesundheitsversorgung und kümmerte sich um eritreische Flüchtlinge. Nach der Befreiung richtete das EHD seinen Fokus auf den Wiederaufbau und begann, entsprechende Projekte in den Bereichen Bildung und Ausbildung, Landwirtschaft und Wasserversorgung sowie Solarenergie zu entwickeln und zu unterstützen.

Unter dem Motto «Hilfe zur Selbsthilfe» arbeiten die Begünstigten bei den Projekten aktiv mit. Zudem informiert das EHD in Deutschland über Eritrea, seine Geschichte und die aktuelle Lage, um zur Völkerverständigung zwischen Deutschland und Eritrea beizutragen.

An der Feier komme ich mit einem Arzt ins Gespräch, einem ehemaligen Sergeanten, der bis zum Ende des Befreiungskrieges als Feldarzt gearbeitet hatte, ein feingliedriger, kleiner, weisshaariger Mann mit wachen Augen. Auf die Frage, woher die Aufständischen ihre Waffen gehabt haben, antwortet er: «Vom Feind.» Auf diese Weise der äthiopischen Besatzungsmacht und ihrer grossen Armee zu trotzen und den Kampf aufzunehmen, brauchte einen starken und unerschütterlichen Willen des eritreischen Widerstands, unabhängig zu werden und die äthiopische Fremdherrschaft abzuschütteln.

Der Arzt erzählt, dass die Eritreische Volksbefreiungsfront EPLF die erste Befreiungsbewegung gewesen sei, die ihre Verwundeten bereits an der Front verarzteten. «Man muss die Verwundeten sofort an der Front behandeln. Auf diese Weise konnten viele Leben gerettet werden. Wenn sie hinter die Front gebracht werden, sterben sie meistens während des Transports.» Als ich ihn frage, wo seine Familie während des Krieges war, sagt er: «Nach der Befreiung habe ich geheiratet und wir haben drei Kinder.»

Zu Besuch beim Rabbi von Asmara

Heute besuchen wir den Rabbi von Asmara in seiner Synagoge. Seitdem alle Juden ausgewandert sind, ist er noch der einzige Jude in Eritrea. Neben Asmara hat er auch einen Wohnsitz in der Nähe von Rom sowie in Jerusalem. Er kommt aus einer Familie von Rabbinern. Sein Grossvater, der Handel getrieben hatte, kam aus Aden. Der Rabbi zeigt uns einen alten, verblichenen Zeitungsausschnitt von damals, in dem die Familie seines Grossvaters erwähnt ist: «Cohen Samuel Salem, commerciante, n. Aden 1878 Con. Maria Saaden mit ihren neun Kindern». Rabbi Cohen Samuel Salem betrieb unter der italienischen Kolonialherrschaft ein blühendes Import-Exportgeschäft in Asmara, wo er 1942 verstarb.

Der Vater des Rabbi von Asmara, der die italienische Staatsschule besucht hatte, übernahm mit einem Bruder nach dem Tode des Vaters – jetzt unter den Briten – den einträglichen Handel mit Standort sowohl in Asmara als auch im damaligen britischen Mandatsgebiet, in Tel Aviv. «Das war eine gute Zeit. Die Synagoge war voll», so der Rabbi. Die jüdischen Kinder besuchten die italienische Schule und erhielten auch ihre religiöse Unterweisung. «Der Handel über Massawa nach Aden und nach Europa lief ausgezeichnet. Man importierte alles aus Europa, wirklich alles», erinnert sich der Rabbi. Aus dieser Zeit hat er immer noch ein kleines Warenlager, aus dem er mir ein paar Seidenstrümpfe in feinster Qualität der damaligen deutschen Strumpffabrik Tauscher sowie eine kleine Blechdose mit Stiften für das Grammophon schenkt.

Heute kommt der Rabbi regelmässig nach Asmara und hält die Synagoge in Stand, wo es eine umfangreiche Sammlung religiöser jüdischer Schriften gibt. Es gibt auch viele Fotos, unter anderem vom Besuch der damaligen englischen Königin Elisabeth in Asmara zur Zeit der britischen Besatzung.

Auf einer Zeitschrift ist Mosche Dayan mit seiner legendären Augenbinde abgebildet.
Der Rabbi berichtet auch von drei Jugendlichen, einem Mädchen und zwei Jungen, die 1968 Steine auf Juden und die Synagoge geworfen haben. Dann zeigt er uns die Kopien der Entschuldigungsschreiben der drei Jugendlichen, die ihre Tat bereuten und sich entschuldigten.

Äthiopische Juden (Falascha), kamen 1981 in grosser Zahl nach Israel. Der Rabbi spricht von der israelischen «Operation Salomon».2 Auch die eritreischen Juden wanderten über das äthiopische Addis Abeba nach Israel aus, erzählt der Rabbi.

Today is time to clean

Auf dem Rückweg zum Hotel schlendern wir zum Markt. Unter den von Säulen gestützten Laubengängen gibt es verschiedene Cafés, wo man sitzt und plaudert. Auch Silvia und ich trinken einen Cappuchino. Praktisch alles ist zu am Sonntag. «Today is time to clean», erklärt uns eine der Marktfrauen, die an ihrem Stand am Putzen ist. Eine ganze Reihe von Gewichtswaagen steht in einem der Laubengänge. Als Herstellungsort ist «V. Costa Asmara» eingestanzt, Zeugen italienischer kolonialer Industriealisierung.

In einigen Schneiderläden wird gearbeitet. Stoffballen in allen Farben sind auf den Gestellen gestapelt. Es wird Stoff verkauft und dann auf Bestellung Mass genommen und genäht. Wir kommen an der alten Post aus der italienischen Kolonialzeit vorbei. Auch die Post hat heute Sonntag. Zwei alte Männer sitzen vor der Post und schwatzen miteinander. Auf die Bemerkung von Silvia, es sei schade, dass die Post heute nicht offen sei, steht der eine von ihnen auf, stemmt sich gegen die Eingangstür und schon ist der Zugang zur Post frei.

Wir treten ein und können uns das wunderschöne Innere der Post in aller Gemütsruhe ansehen. Es gibt eine Unzahl von Postfächern. Auch die Familie, bei der ich mit Silvia auf Besuch war, hat hier ein Postfach. An der Wand hängt ein Gemälde. Es zeigt eine Bäuerin, die zwei Widerstandskämpfern zu trinken gibt.

Frühmorgens sind viele unterwegs

Heute sind wir um halb acht mit dem Fahrer der Kriegsversehrtenvereinigung verabredet, um die Biogasprojekte zu besuchen, die die Vereinigung zusammen mit der EHD macht. Viele Leute sind schon unterwegs. Auf dem Trottoir sammelt eine Frau – offensichtlich von der Stadt angestellt – mit einem Handkarren von Hand die Abfälle ein. Auch andere Frauen sind an dieser Arbeit. In der Stadt ist es sauberer als bei uns in Zürich. Einzig im ersten Ort nach Asmara hat es einiges an Abfall am Rande der Hauptstrasse.

Im Digester vergären Kuhmist und Wasser zu Methangas und Dünger. (Bild hhg)

Einige Frauen haben bereits begonnen, Bananen, Orangen und Gemüse an der Hauptstrasse zum Verkauf auszubreiten. Auch die Schüler sind in ihren Uniformen auf dem Weg zur Schule. An den Bus­haltestellen warten bereits viele. Oft ist man hier auch mit dem Velo unterwegs. Hochbeladene Lastautos kommen uns entgegen. Auch eine kleine Gruppe von Rennvelofahrern ist unterwegs. Unser Fahrer erzählt uns sehr erleichtert, die USA und Israel hätten den Krieg gegen den Iran beendet.

Linkerhand ist einer der grossen Weiher zu sehen und etwas später auch ein weiterer Weiher mit Wasser für die Landwirtschaft. Wir fahren an grossen Transportern vorbei, die auf dem Weg nach Massaua sind. Sie transportieren Kupfererz aus den Minen,3 mit dem für Eritrea wichtige Deviseneinnahmen ermöglicht werden.

Kuhmist + Wasser = Methangas + Dünger

Wir biegen von der Strasse in einen holprigen Weg und fahren den Hügel hinauf zu einer kleinen einstöckigen Häusergruppe, wo wir anhalten. Dort steht ein Mädchen mit Down Syndrom, das uns mit einem halb neugierigen und halb scheuen Blick mustert. Die Biogasanlage, die der Bauer Tesfu mit seiner Familie hier betreibt, wurde durch Spenden des EHD ermöglicht.

Überdacht durch einen Plastiktunnel gärt in einem etwa 30 Zentimeter in den Boden eingelassenen Digester ein Gemisch aus Kuhmist und Wasser, das mit einem vom Bauern entwickelten Mixer zerkleinert worden ist. Nach einer gewissen Zeit entwickelt sich daraus einerseits Methangas, das, unterdessen etwas unter Druck, ausgeleitet wird sowie ein flüssiger Biodünger, der über ein feines Kanalsystem in die verschiedenen Felder geleitet wird. Wenn mit dem Kuhmist als Starter das Gärsystem in Gang gesetzt worden ist, können auch Bioabfall des Gartens oder Essensreste zugefügt werden. Das System (Digester), braucht eine konstante Temperatur von 45°C. Falls der Ablauf unterbrochen wird, braucht es erneut Kuhmist als Starter, und das Ganze muss wieder in Gang gesetzt werden. Die Familie hat etwa 15 Kühe.

Der Überschuss an Methangas wird in 1 m³-Kissen gelagert und an benachbarte Familien umsonst abgegeben. Es war Ziel des Projekts, dass die Besitzer die Biogasanlagen im Rahmen eines Microkreditsystems von der Kriegsversehrtenorganisation durch den Verkauf des Biogases an Nachbarn refinanzieren. Da hat man die Rechnung ohne die Mentalität der Leute gemacht. Tesfu und seine Frau Dehab haben dazu einen klaren Standpunkt: «Wir sind durch die Anlage sehr privilegiert. Wir wollen etwas an die Gemeinschaft weitergeben.» Für sie entfällt stundenlanges Holzsuchen, und die Frau hat mehr Zeit für Kinder, Haushalt, Feld und Tiere. Sie geben die gefüllten Biogassäcke deshalb umsonst an Nachbarn und den Kindergarten im Ort ab. Pro Kubikmeter Methangas können rund 4,5 bis 5 Kilogramm Holz eingespart werden.

Der Blick in die Felder der Bauernfamilie zeigt üppiges Wachstum. Der Mais steht schon einen halben Meter hoch und gut gedüngt wächst im Garten auch ein Apfelbaum.

In der Küche kann jetzt mit Biogas gekocht und die Ingera zubereitet werden. Die Regierung sei am Projekt interessiert, sagt Ulrich Vollmer, der 1. Vorsitzende des EHD. Die Einrichtung dieses Biogasprojektes kostete 2000 Euro. Interessant sei auch, so Uli, dass die Bauern vor allem an der Herstellung des Düngers interessiert seien, auch wenn sie das Methangas zum Kochen schätzen würden.
Anschliessend fahren wir zu einem weiteren Bauern, bei dem die erste Biogasanlage mit deutscher Beteiligung installiert worden ist.

Vor der Anlage liegt die Küche, deren vordere Wand teilweise eingestürzt ist. Der Bauer ist daran, diese wieder zu flicken. Um die Biogasanlage vor starkem Wind zu schützen, musste eine Mauer gebaut werden. Auf dem Feld gibt es überall kleine Vertiefungen, in die Gezobäume gepflanzt worden sind. Die Blätter dieser Bäume werden für das lokale Bier sowie das traditionelle Gärgetränk Gua verwendet. Getränkt werden die Gezobäume mit Wasser und dem vergärten Dünger, der nicht stinkt.

Wenn der Dünger dann vertrocknet ist, wird er weggenommen und zum Kompostieren weiter verwendet. Das Problem für den Bauern ist jedoch vor allem das Wasser. Zwar wird das Dachwasser aufgefangen und in die Zisterne weitergeleitet, aber die Menge ist ungenügend. Neuerdings scheint jedoch der Anschluss an die Wasserversorgung in Aussicht zu stehen.

Rosmarin und Zucchetti sind wegen dem Wind etwas vertieft gepflanzt worden. Im letzten Herbst gab es eine reiche Kartoffel­ernte mit riesigen Kartoffeln, berichtet Uli. Der Bauer hat Mischkulturen.

Schulung der Bauern verbessern

Es zeigen sich auch Mängel an dieser ersten Anlage, die behoben werden müssten.
Uli weist darauf hin, dass die Anlage einen Druckausgleichsbehälter brauchen würde. Er fragt den Bauern, was man verbessern müsste. Der Bauer antwortet, er sei kein Fachmann, er sei auf die Unterstützung von Experten angewiesen. Uli weist darauf hin, dass die Schulung der Bauern verbessert werden müsste. Drei Tage theoretische Unterweisung genügen nicht. Es braucht ein praktisches Training vor Ort. Es brauche auch Hilfe, wenn dann beim Betrieb der Biogasanlage etwas nicht klappt.

Anschliessend lädt uns der Bauer ein, im in warmen Erdfarben gehaltenen Wohnzimmer auf gemütlichen Sofas Platz zu nehmen. Seine Arbeitskleidung hat er unterdessen gegen ein schönes Hemd und lange Hosen eingetauscht. Während es draussen schon recht heiss ist, ist die Temperatur im Innern des Hauses sehr angenehm. Die Tochter, sie trägt ein christliches Kreuz an einem Kettchen um ihren Hals, geht mit dem Wasserkrug und dem Becken von einem zum andern, damit wir uns die Hände waschen können. Dann bringt sie uns etwas zu trinken, selbstgebackenes Brot und zwei Teller gefüllt mit ihrem haus­eigenen Bienenhonig, der vorzüglich mundet. Der Bauer und seine Familie, die zu sechst im Hause wohnen, sind koptische Christen.

Eine Bäuerin beginnt mit der Kaffeezeremonie. (Bild hhg)

Auf die Frage, was die Vorteile des Biogases seien, antwortet der Bauer: «Wir sparen Zeit, und wir sparen Geld. Das Gas ist sehr wichtig. Aber am wichtigsten ist der Dünger für die Pflanzen im Garten und auf den Feldern. Aber wir sparen auch Zeit. Früher hatten meine Frau und meine Kinder harte Zeiten. Sie mussten zum Kochen Holz und Kuhmist sammeln und von weither hierher tragen. Statt frühmorgens auf die Suche zu gehen, gehen die Kinder jetzt zur Schule. Wir haben jetzt in der Küche auch keinen Rauch mehr, der die Augen reizt.»

Alphabetisierung der Bauern

Im Unabhängigkeitskrieg hat der Bauer im Widerstand gekämpft. «Ich komme aus einer Bauernfamilie und konnte weder lesen noch schreiben. Nach dem Krieg hat uns die Regierung Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht. So konnte ich nach dem Krieg ein erfolgreiches Geschäft aufbauen», erzählt uns der Bauer. Dann kam 1998 der neue Krieg von Äthiopien gegen Eritrea. Nach einer sehr schweren Kriegsverletzung am Kopf war der Bauer gelähmt.

«Ich hatte viel aufgebaut, aber der Krieg frisst alles», so der Bauer. Nach vier Jahren war er wieder so weit genesen, dass er arbeiten und Geld verdienen konnte, mit dem er dann seinen Bauernbetrieb kaufen konnte. Er sagt: «Die Regierung hat uns beigebracht, dass wir auf unseren eigenen Beinen stehen sollen. Das machen wir.»

Der eritreische Freund von Gerrit und Susanne, die im EHD mitarbeiten, spricht ausgezeichnet Deutsch. Er übersetzt uns das Gespräch mit dem Bauern. Zum Schluss sagt er: «Bildung, Bildung, Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft – das ist für Eritrea so wichtig.»

Anschliessend machen wir noch einmal Halt bei der Familie von Tesfu und Dehab. Wir vermissen das Mädchen mit dem Down-Syndrom. «Die ist in der Schule», sagt die Mutter. Erstaunt nehmen wir zur Kenntnis, dass Inklusion – über die bei uns viel geredet wird – in einem Land wie Eritrea bereits gelebt wird.

Auch hier sitzen wir gemütlich im Kreis. Die Bäuerin bringt uns Wasserkrug und Schüssel, um die Hände zu waschen. Dann setzt sie sich hin und beginnt mit der Kaffeezeremonie. Sie hat ein Brot aus Gerste gebacken, das jetzt zum Abbrechen reihum gereicht wird. Es schmeckt sehr gut.

Man hat den andern im Auge und hilft spontan

Am Nachmittag bin ich mit Silvia in einem schönen Park in der Nähe des Hotels. Eine Hochzeit ist im Gange. Die Braut im weissen Spitzenkleid lässt sich mit ihrem elegant gekleideten Bräutigam von zwei Fotografen ablichten, ganz so, wie es auch in unseren Breiten üblich ist.

Auf dem Rückweg zum Hotel legt mir eine Jugendliche die Hand auf die Schulter und zeigt auf meine Hose, deren Bund am Knöchel mit einer Schleife zusammengezogen ist. Die Schleife ist offen. Das junge Mädchen geht in die Knie und macht mir die Schleife wieder neu. Ich freue mich und bedanke mich. Sie lächelt zurück und geht leichten Schrittes ihres Weges. ■

  1. Berbere wird sowohl in Eritrea wie auch in Äthiopien verwendet. Jede Familie hat wieder ihre eigene Rezeptur. Typische Bestandteile sind Chili, Ingwer, Knoblauch, Koriander, Nelke, Kreuzkümmel, Bockhornsklee, Paprika, Kardamon, Zimt, Muskat, Piment, schwarzer Pfeffer. ↩︎
  2. www.gfbv.de/de/informieren/themen/afrika/voelker/beth-israelfalascha/ ↩︎
  3. Gold wird vor Ort ausgewaschen, in Barren gegossen und wurde früher in der Schweiz veredelt. ↩︎