Nachruf auf Jean Ziegler
von Thomas Kaiser
Wer Jean Ziegler bei der Präsentation seiner Berichte als Sonderberichterstatter auf das Recht auf Nahrung vor dem Menschenrechtsrat erlebt hat, wird ihn und seinen «Auftritt» nicht mehr vergessen.
Mit menschlichem Engagement und einer authentischen Empörung legte er ohne Umschweife, die mit eigenen Augen gesehene verheerende Lage hungernder Menschen in den Entwicklungsländern dar. Er prangerte die ungerechte Verteilung der Nahrungsmittel an und verlangte mit Vehemenz ein Verbot, damit zu spekulieren. Es sei unwürdig und unmenschlich, sich an der Armut zu bereichern und die Lage der Hungernden noch zu verschärfen. Er verurteilte das Vorgehen der Industrieländer, aber auch das Verhalten der korrupten Regierungen in den Entwicklungsländern machte er mitverantwortlich für Hunger und Armut.
Selten hat man im Saal des Uno-Menschenrechtsrat erlebt, dass ein Sonderberichterstatter nach seiner Präsentation mit lang anhaltendem Applaus bedacht wurde, Zieglers Berichte bewirkten das. Seine Klarheit und sein zutiefst menschliches Anliegen berührte die Herzen der Ländervertreter im Saal, so dass sie nicht anders konnten, als menschlich zu reagieren.
Eine Visitenkarte Zieglers sind seine Bücher über den Hunger, dessen Ursachen und Auswirkungen. Hier kam seine Menschlichkeit und sein Mitgefühl für die Geschundenen ebenfalls zum Tragen.
Man muss Jean Zieglers Weltsicht nicht teilen, aber vor seinem Engagement für den Frieden, die Unterdrückten und Hungernden kann man nur den Hut ziehen.
Ob er die Politik der Schweiz immer richtig beurteilt hat, soll hier nicht erörtert werden. Was er strikt einhielt, war eine Trennung zwischen der schweizerischen Bevölkerung und den politisch Verantwortlichen. Für erstere empfand er grosse Sympathie.
Die Uno und das internationale Engagement schienen ihm wie auf den Leib geschneidert, auch wenn er – nicht zu Unrecht – die Uno als ineffizient kritisierte.
Zu seinen Qualitäten gehörte aber auch, sich für Fehltritte oder Fehlverhalten entschuldigen zu können. Sein Weltbild war marxistisch, aber in persönlichen Begegnungen war das einerlei. Sein Interesse galt dem Menschen.
Im Engagement für eine friedlichere und gerechtere Welt wird er eine Lücke hinterlassen. Doch für dieses Anliegen wird auch nach dem Ende seiner Lebenszeit gekämpft werden. ■
