Krieg ist die Extremform menschlicher Verwirrung
von Thomas Kaiser
Angesichts der Weltlage könnte man an der Menschheit verzweifeln. Sie scheint unfähig, friedlich zusammenzuleben, Konflikte konstruktiv zu lösen, Frieden zu halten und Kriege zu verhindern. Gewalt soll zum Menschen gehören, so eine einfache Erklärung. Aber, stimmt das? Ist das tatsächlich so?
Von der Berichterstattung der grossen Informationsportale, die zum Teil – aus welchen Gründen auch immer – Kriege befeuern, werden wir täglich geleitet und beeinflusst. Positive Beiträge über Friedensinitiativen oder Friedensbemühung werden selten thematisiert, obwohl sie durchaus vorhanden sind. Sie werden ignoriert oder in Kommentarspalten häufig als unrealistisch, weltfremd oder gar gefährlich abgetan. Wer sich für Frieden einsetzt, wird nicht selten als Verräter, als unsolidarisch, als parteiisch und im absurdesten Fall als Kriegsbefürworter diffamiert. Es steht alles auf dem Kopf. Wer gegen den Krieg ist, steht auf der falschen Seite, wer ihn unterstützt, auf der richtigen. Sind wir Menschen so gestrickt, dass wir periodisch Kriege führen müssen?
Milliarden leben friedlich zusammen
Verlassen wir den Röhrenblick und öffnen den Horizont. Die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung lebt in Frieden, Kriege sind die Ausnahme, auch wenn sie uns dominierend erscheinen. Dass es im Kleinen immer mal zu Konflikten kommt, man sich über seinen Nachbarn ärgert und ihn ins Pfefferland wünscht, über einen Autofahrer flucht, der vor einem her trödelt, oder mit dem Kollegen bei der Arbeit Krach bekommt, kann man als harmlose Alltäglichkeiten abbuchen, die in der Regel in einem vernünftigen Gespräch unter Erwachsenen zu lösen sind.
Wenn nicht direkt in der Situation, dann vielleicht ein paar Stunden oder Tage später. Und wenn es zu zweit nicht gelingt, kann man sich Hilfe holen. Kommt es dennoch zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung, hat es nie und nimmer etwas damit zu tun, was wir Krieg nennen, auch wenn solche Beispiele gerne als Beweise für die Unfähigkeit des Menschen, friedlich zusammenleben zu können, herangezogen werden.
Im Verhältnis zur Grösse der Erdbevölkerung ist es nur eine Handvoll Leute, die dem Rest der Menschheit weismachen will, dass Kriege berechtigt, sogar notwendig seien, weil ein «reinigendes Gewitter» für Klarheit sorge oder nur so das Böse auf dieser Welt bekämpft werden könne. Wobei die Definition, was das Böse – eher eine Reminiszenz des Mittelalters – sein soll, reiner Willkür unterliegt und schon gar keinen Krieg rechtfertigt.
Gewinne für Börsenspekulanten
Die vielen Theorien über Aggression und die kriegerische Natur des Menschen, die unreflektierte Auffassung, dass es Kriege schon immer gegeben habe, und andere Halbweisheiten sollen den Menschen davon abhalten, sich vertiefte Gedanken über die Ursachen bewaffneter Konflikte zu machen, und welche Kräfte hinter ihnen stehen. Die Vorstellung vom kollektiven Aggressionstrieb liefert denjenigen ein «wissenschaftliches» Argument, die von Kriegen profitieren, am meisten sind das unsere Waffenschmieden und Börsenspekulanten. Der exorbitante Anstieg der Rheinmetallaktie legt ein beredtes Zeugnis davon ab.
Der Mensch ist nicht geboren, um Kriege zu führen, sondern er ist ein soziales Wesen. Das zeigt uns das tägliche Leben. Die Menschheit kann nur mit gegenseitiger Hilfe überleben. Von morgens bis abends sind wir auf andere Menschen angewiesen: sei es bei der Wasser- und Stromversorgung, beim öffentlichen Verkehr, bei der medizinischen Versorgung, bei der Abfallbeseitigung, bei der Instandhaltung der Kanalisation, bei der Produktion von Nahrungsmitteln und, und, und. Das alles ist nur möglich, weil Menschen sich gegenseitig unterstützen und kooperieren. Es scheint banal, aber so ist die Realität. Die Theorie, dass der Krieg zum Menschen gehöre, steht im Widerspruch zu seiner sozialen Natur.
Krieg findet nicht von Mensch zu Mensch statt
Die Extremform menschlicher Verwirrung ist der Krieg. Damit der Einzelne mitmacht und dem Ruf der Mächtigen folgt, muss man ihn einer intensiven «Gehirnwäsche» unterziehen. Es ist beelendend, dass es immer wieder gelingt, die Menschen hinters Licht zu führen, und immer nach dem gleichen Strickmuster. Zusammengefasst: Wir sind die Guten, die anderen die Bösen, und es ist die Pflicht eines jeden, das Böse zu bekämpfen. Mit der Wirklichkeit hat das nichts zu tun.
Wer Krieg erlebt hat und der Hölle lebend entkommen ist, wird in der Regel seines Lebens nicht mehr glücklich. Die meisten der Heimkehrer sind schwer traumatisiert, setzen häufig ihrem zerstörten Dasein ein Ende oder schleppen sich durchs Leben, weil sie die unmenschlichen Erlebnisse des Krieges nicht verarbeiten und vergessen können.
Die Zahl derjenigen, die nach einem Krieg kein normales Leben mehr führen können, übersteigt häufig die Zahl der Gefallenen, doch das interessiert die Kriegstreiber in der Regel nicht. Nein, der Krieg ist keine dem Menschen inhärente Bestimmung, er widerspricht seinem sozialen Wesen. Der Mensch ist doch zu ganz anderem in der Lage, als zu zerstören und andere Menschen zu töten.
Jean-Jacques Rousseau erklärte schon vor fast 300 Jahren: «Der Krieg findet nicht von Mensch zu Mensch statt, sondern von Staat zu Staat; hierbei werden die einzelnen nur zufällig zu Feinden, aber nicht als Menschen, ja nicht einmal als Bürger, sondern ausschliesslich als Soldaten.»1
Carl v. Clausewitz, der preussische Generalmajor und Militärreformer, vertrat eine ähnliche Auffassung. Er betonte, dass Feindschaft nicht auf individueller Ebene (von Mensch zu Mensch) entstehe, sondern zwischen den staatlichen Akteuren. Soldaten fungierten hierbei als Vertreter ihrer Nationen, nicht als Privatpersonen.
Gewissen der Soldaten ausschalten
Wieso lässt sich der Mensch dazu hinreissen, auf der einen Seite sein eigenes Leben so leichtfertig aufs Spiel zu setzten, und auf der anderen, Menschen, die ihm nichts zu Leide getan haben, zu töten?
Tatsächlich müssen Menschen auf einen Krieg vorbereitet werden. Meist über Jahre werden Feindbilder kreiert, der Gegner entmenschlicht beziehungsweise zum «Untermenschen» erklärt.
Der Krieg zum «Akt der Notwehr» deklariert.2 Erfundene Gräueltaten des Gegners sollen die Hemmschwelle herabsetzen, um eigene Gräueltaten und das Töten der «Untermenschen» zu legitimieren. Das Gewissen des Soldaten wird regelrecht ausgeschaltet, er muss handeln, ohne zu überlegen. Und ist er an der Front, geht es nur noch ums eigene Überleben. Es muss ein grosser Aufwand betrieben werden, bis der Einzelne tatsächlich bereit ist, gegen seine eigene Natur, in den Krieg zu ziehen.
Im Ersten Weltkrieg füllte man die Soldaten kurz vor ihren Einsatz zusätzlich noch mit Rum und Whisky ab, im Vietnamkrieg gab es Marihuana und irgendwelche Opiate. Somit sank die Hemmschwelle, andere zu töten, und die Soldaten hatten weniger Angst davor, im Kampf zu sterben.
Szenenwechsel
In der Geschichte gibt es viele Beispiele – eines soll hier wegen seiner weltweiten Wirkung herausgegriffen werden –, die zeigen, dass der Mensch nicht des Menschen Wolf ist. Gehen wir mehr als 150 Jahre zurück zu einem für die Menschheit bestimmenden Ereignis: Am 24. Juni 1859 hatte sich im oberitalienischen Städtchen Solferino eine fürchterliche Schlacht zugetragen. Die wenigsten Menschen wissen, was dort geschehen ist, ausser sie konnten einen Geschichtsunterricht geniessen, der sich mit diesem Teil der Vergangenheit beschäftigt hatte. In Folge dieser Schlacht wurde der Grundstein von etwas Grossartigem gelegt: Es ist die Geburtsstunde des Roten Kreuzes und des humanitären Völkerrechts.
Was geschah am 24. Juni 1859?
Das Heer Österreichs traf in Solferino auf die Armeen Frankreichs in Koalition mit Sardinien-Piemont, und sie kämpften nach den damaligen Regeln der «Kriegskunst». Die Ursache des Kriegs war das Bestreben Oberitaliens, sich von der Vorherrschaft der Österreicher zu befreien. Das Königshaus Piemont-Sardinien wurde in diesem Kampf von den Franzosen unterstützt, die ebenfalls ein Interesse hatten, die Macht Österreichs zurückzubinden. Aber diese Zusammenhänge spielen nur eine untergeordnete Rolle.
Die Schlacht unterschied sich nicht von anderen, auch nicht von den heutigen, weder in ihrer Brutalität noch in ihren allgemeinen Ursachen, wobei zu bemerken ist, dass in den Kriegen der damaligen Zeit die Zivilbevölkerung kein Angriffsziel darstellte und die heutigen modernen Waffen andere Auswirkungen haben. Was jedoch diesen Kampf aussergewöhnlich machte, waren die Folgen für die Menschheit, die diesem erwuchsen. Und dabei spielte der Schweizer Henry Dunant eine entscheidende Rolle.
«Süsser und hehrer Tod»?
Als die Nacht am 24. Juni hereinbrach, war der Kampf zu Ende, Österreich musst sich geschlagen geben. Die Heere zogen ab, aber das Los der Verwundeten, die auf dem Schlachtfeld zurückgelassen wurden, schien niemanden zu interessieren. Die Chancen, ohne medizinische Hilfe zu überleben, war selbst für nicht lebensbedrohlich Verletzte äusserst gering. Der Ort des Kampfes war übersät mit Verwundeten und Toten, die Geschichtsbücher sprechen von bis zu 40 000 Opfern. Die Sanitätsdienste der jeweiligen Armeen sahen sich ausser Stande, alle Opfer zu bergen, für die Verletzten die nötige medizinische Versorgung sicherzustellen und den Getöteten ein würdiges Begräbnis zu gewährleisten. Es mangelte an allem.
Das Leiden der Soldaten war unendlich und diejenigen, denen man den «süssen und hehren Tod» auf dem Schlachtfeld versprochen hatte, waren mit der grausigen Realität konfrontiert.
Warum wissen wir das alles? Damals gab es selten Berichterstatter vor Ort, die das Geschehen auf dem Schlachtfeld dokumentiert hätten, und wenn, dann wohl nur den Sieg der eigenen Nation. Über die Abgründe des Krieges, die eines Menschen zutiefst unwürdig sind, hätten sie kaum berichtet.
Am Tag der Schlacht traf der Genfer Geschäftsmann, Henry Dunant, in Solferino ein.
Er hoffte, für sein geplantes Handelsprojekt in Algerien Unterstützung vom französischen Kaiser Napoleon III. zu erhalten, der zu diesem Zeitpunkt in Oberitalien weilte. Aber anstatt ihn zu treffen, stolperte er völlig unvorbereitet in den tobenden Kampf hinein. Das dort Erlebte und Gesehene hinterliess tiefe Spuren in seinem Gemüt, grub sich in seine Seele ein.
Was als Geschäftsreise begann, führte zur Bildung der grössten weltweit anerkannten Hilfsorganisation, des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), und zur Entstehung des humanitären Völkerrechts, der Genfer Konventionen, die bis heute Gültigkeit haben und durch weitere internationale Verträge ausgebaut und flankiert wurden.
Zwar gibt es Politiker, die sich über dem (Völker-)Recht stehend wähnen, dennoch kann man das humanitäre Völkerrecht als internationale Orientierung nicht mehr wegdenken. Es hat immerwährende Gültigkeit, weil es der sozialen Natur des Menschen entspricht.
Als Dunant Italien verlassen hatte und zurück nach Genf gereist war, liessen ihn die Eindrücke nicht mehr los. In seiner Schrift «Eine Erinnerung an Solferino» dokumentierte er ungeschminkt das Grauen der Schlacht und beschrieb, wie er die medizinische Versorgung der Verwundeten organisierte.3
Ausdruck der sozialen Natur
Friedrich Schiller hat in seiner Abhandlung «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» unter anderem über die «charakterliche Schönheit» philosophiert. Dabei erfüllt ein Mensch diesen Anspruch, wenn er einem Verletzten oder Geschädigten spontan Hilfe leiste, auch wenn ihm dabei ein Nachteil erwachse.
Schillers ethischen Ansprüchen wäre Henry Dunant wohl gerecht geworden: spontan Hilfe zu leisten, dabei seine Geschäfte und damit seine berufliche Karriere beiseitezulegen. Sein Bestreben war es, so vielen Verletzten wie nur möglich das Leben zu retten oder den Todgeweihten in den letzten Minuten ihres Lebens Trost zu spenden. Eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Doch Dunant stellte sich ihr, getragen von grosser Mitmenschlichkeit und innerer Überzeugung. «Eine Erinnerung an Solferino» ist Zeugnis dieser Haltung.
Um die hohe Anzahl an Verwundeten und Sterbenden erst einmal notdürftig zu versorgen, mussten an allen möglichen und unmöglichen Orten rund um das Schlachtfeld Krankenstationen eingerichtet werden. «In diesen Ortschaften sind überall in Kirchen und Klöstern, in Privathäusern, auf öffentlichen Plätzen, in Höfen, Strassen und Promenaden behelfsmässig Feldlazarette eingerichtet worden.» (S. 33) Die Bewohner der nächstliegenden Dörfer sahen sich einer riesigen nur schon logistischen Herausforderung gegenüber, ganz abgesehen von der medizinischen Versorgung und Betreuung, die nun vonnöten war.
Dunants Hilfeleistung vor Ort war geradezu übermenschlich
Tage nach der Schlacht wurden immer noch Verwundete und Tote geborgen. Mancher, hätte man ihn rechtzeitig gefunden, wäre wohl am Leben geblieben. Unzählige junge Männer verloreer noch in den Tagen nach der Schlacht unter grossen Qualen ihr Leben.
Henry Dunants Hilfeleistung vor Ort war geradezu übermenschlich. Der 31-Jährige setzte sich mit nicht endender Tatkraft und Mitmenschlichkeit für die Kriegsopfer ein. Als Schweizer war er keiner der Kriegsparteien verpflichtet, allein seine soziale Natur oder – mit Schiller gesprochen – seine «charakterliche Schönheit» liessen ihn nicht anders handeln.
Doch war Dunant dringend auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen, sonst wäre die Sanitätsarbeit nicht zu leisten gewesen. Zunächst meldeten sich vor allem junge Frauen aus der Umgebung: «Bald hat sich ein kleiner Kreis von Freiwilligen zusammengefunden; die lombardischen Frauen eilen zu denen, die am lautesten schreien [ … ]. Einige dieser behelfsmässigen Krankenschwestern sind schöne, anmutige junge Mädchen.
Ihre Sanftmut, ihre Güte, ihre tränenvollen mitleidigen Blicke wie ihre aufmerksame Pflege tragen dazu bei, die Zuversicht und den Mut der Kranken wieder zu heben. Kleine Knaben aus dem Ort gehen zwischen der Kirche und dem nächsten Brunnen mit Eimern, Krügen und Giesskannen hin und her.» (S. 39f.) Henry Dunant beschreibt, wie Menschen unterschiedlicher Nationalitäten auf engstem Raum Seite an Seite lagen, unerheblich, ob Freund oder Feind, alle werden versorgt. Er legte damit als Schweizer das Grundprinzip des IKRK: Die unbedingte Neutralität.
Unbedingte Neutralität: Solidarität mit allen Opfern
Die meisten der Verwundeten wurden in die nächstgelegene grössere oberitalienische Stadt Brescia transportiert. Die Stadt glich einem riesigen Spital: «Ihre beiden Kathedralen, ihre Kirchen, Paläste, Klöster, Schulen, Kasernen, kurz all ihre Gebäude, waren überfüllt von Opfern von Solferino. Fünfzehntausend Betten waren, so gut es eben ging, von einem Tag auf den anderen aufgeschlagen worden.» (S. 52)
In der Stadt lebten damals rund 40 000 Einwohner, und es ist eine unglaubliche menschliche Leistung, innert einer Woche Tausenden von Opfern eine Lagerstätte zu bieten. Die Bevölkerung, berührt vom Leiden der Verwundeten, wollte deren Los verbessern: «Das Volk drängt sich in Massen herbei, und Frauen aller Stände brachten grosse Mengen an Orangen, Eingemachtes, Biskuits, Bonbons und Leckerbissen an. Keine arme Witwe, nicht die geringste alte Bettlerin wollte zurückstehen, jede brachte wenigstens eine bescheidene Gabe als Zeichen ihres Mitgefühls dar.» (S. 52)
Es entstand eine Solidarität mit den Opfern. Man fühlte ihren Schmerz und half ihnen, so gut es ging. Neben den unzähligen Frauen und Männern, die freiwillig bei der Pflege und der Versorgung der Verwundeten oder auch nur mit menschlicher Ansprache mithalfen, erwähnte Dunant, «dass die hundertvierzig Ärzte während der ganzen Zeit bei ihrer schwierigen und ermüdenden Tätigkeit ausserordentliche Tatkraft und Hingebung entfalteten, ohne dass irgendeine Empfindlichkeit oder Eifersucht auch nur einen Augenblick ihre gute Zusammenarbeit für das allgemeine Wohl im geringsten gestört hätte.» (S. 53)
Leid zu lindern, kennt keine Grenzen
Ärzte waren an allen Ecken und Enden gefragt. Die Zahl der Verwundeten überstieg jedes Vorstellungsvermögen. Wer von diesen Zuständen erfuhr, machte sich auf den Weg nach Brescia oder in andere oberitalienische Städte, die ebenfalls Verwundete aufgenommen hatten. Das Leid lindern zu wollen, schien keine Grenzen zu kennen: «Ein angloamerikanischer Chirurg, Dr. Norman Bet, Professor der Anatomie in Toronto, eilte aus Strassburg herbei, um diese Männer bei ihrer aufopfernden Arbeit zu unterstützen. Medizinstudenten waren von Bologna, Pisa und anderen italienischen Städten gekommen, um zu helfen.
Neben den Einwohnern von Brescia hatten auch durchreisende Franzosen, Schweizer, Belgier mit Genehmigung der Verwaltung unaufgefordert ihre guten Dienste angeboten. Sie besuchten die Spitäler, machten sich bei den Kranken nützlich und brachten ihnen Erfrischungen, Orangen, Sorbet, Kaffee, Limonade, Tabak.» (S. 61)
Henry Dunant räumte ein, dass er nicht alle Erlebnisse festhalten konnte, und diese wohl für immer unbekannt blieben. Doch diejenigen, über die er berichtete, zeigten deutlich, wozu Menschen fähig sind, wenn das Mitgefühl im Vordergrund steht. «So war es ein schöner Zug, dass ein anderer Franzose, der, fast taub, über dreihundert Meilen gefahren war, um seine Landsleute zu pflegen, als er bei seiner Ankunft in Mailand österreichische Verwundete sah, um die sich niemand kümmerte, sich nunmehr besonders ihnen widmete und sich bemühte, ihnen alles mögliche Gute zu tun.» (S. 70)
«Tutti Fratelli»
Es stärkt den Optimismus zu sehen, wieviel Empathie, Solidarität und Anteilnahme Menschen spontan aufbringen können, wenn sie ihre Herzen enteisen. Henry Dunants menschliches Handeln, unabhängig vom Banner, unter dem die Soldaten gekämpft hatten, war wegweisend. Nicht überall wurden Freund und Feind gleichbehandelt. Dunants Einstellung, die von Helferinnen im provisorischen Spital in der Kirche von Castiglione übernommen wurde, war von entscheidender Bedeutung:
«Die Frauen von Castiglione erkennen bald, dass es für mich keinen Unterschied der Nationalität gibt, und so folgen sie meinem Beispiel und lassen allen Soldaten, die ihnen völlig fremd, das Gleiche Wohlwollen zuteil werden. ‹Tutti fratelli›, wiederholen sie gerührt immer wieder. Ehre sei diesen mitleidigen Frauen, diesen jungen Mädchen von Castiglione. Es gab nichts, was sie zurückgeschreckt, erschöpft und entmutigt hätte. Ihre bescheidene Hingebung kannte keine Müdigkeit und keinen Ekel: kein Opfer war ihnen zu viel.» (S. 44)
Krieg muss verdammt werden
Henry Dunant kommt das grosse Verdienst zu, berührt vom Schicksal anderer Menschen, seine ganze Kraft in eine uneingeschränkte Hilfeleistung gelegt zu haben, womit er Immerwährendes geschaffen hat.
Willy Heudtlass, ein Dunant Biograph, schreibt: «Die Geschichte des Roten Kreuzes ist ein entscheidender Teil der Geschichte der Menschlichkeit. Man muss diese Geschichte kennen, um den schuldigen Dank und die Verpflichtung ermessen zu können, die alle Völker der Erde gegenüber dem Roten Kreuz und seinem Gründer tragen.»4
Was Henry Dunant aufgrund seiner Sozialisation, seiner inneren Überzeugung sowie der bewussten Wahrnehmung der Realität erreichen kann, ist vorbildhaft. Auch wenn sich Staaten beziehungsweise Regierungen über die Bestimmungen des Völkerrechts hinwegsetzen, zeigt es um so mehr, welche Bedeutung dem Vertragswerk zukommt und warum man sich unermüdlich für dessen Einhaltung einsetzen muss.
Es liegt nicht an der Qualität dieser Bestimmungen, dass sie immer wieder gebrochen werden, sondern ist häufig das Resultat westlicher Arroganz, der daraus resultierenden doppelten Standards, unreflektiertem Prestige, Ausdruck mangelnder Mitmenschlichkeit und ungezügelten Egoismus‘. Die Regierungen des «Wertewestens» haben sich entlarvt. Dem einen Staat billigen sie zu, andere Länder mit Krieg zu überziehen, den anderen verdammen sie dafür bis in alle Ewigkeit. Das ist eine schändliche Einstellung. Der Krieg muss verdammt werden, alles andere ist eine Missachtung des Völkerrechts und ein Verrat an der Menschheit.
Frieden und Versöhnung sind möglich
Wie könnte man, orientiert an Henry Dunant, mit Menschlichkeit und Friedfertigkeit die Lage zum Besseren wenden? Mit Friedenserziehung, eine Aufgabe unserer Bildungsinstitutionen, mit Diplomatie, mit dem unbedingten Willen, Konflikte friedlich zu lösen, mit der Möglichkeit, die Macht der Regierungen durch das Volk zu kontrollieren, mit ernsthaften Abrüstungsverhandlungen, mit der Respektierung anderer Kulturen und unterschiedlicher Regierungsformen, mit einer Wirtschaftsform, die die hemmungslose Gier weniger bremst, und nicht zuletzt mit Friedensbündnissen kann ein friedlicheres internationales Zusammenleben erreicht werden.
Das Völkerrecht baut auf diesen Grundlagen auf, man müsste sich nur daran orientieren. Würden die Kriegführenden sich an die von ihnen unterzeichneten Konventionen halten, die Uno-Charta und alle ergänzenden internationalen Verträge und Pakte respektieren, könnte kein Krieg mehr geführt werden.
Fokus auf positive Leistungen
Eine hohe Verantwortung liegt auch bei der «freien» Presse. Sie könnte einen wesentlichen Beitrag leisten, Menschen zu versöhnen, anstatt sie mit Schreckensmeldungen und Propaganda auf Trab zu halten, um sie in eine Richtung zu lenken. Damit verwehren die grossen Medien den Lesern, sich objektiv mit dem Geschehen auseinanderzusetzen. In der Berichterstattung müssten sie den Fokus auf den Frieden legen und mithelfen, in einem Konflikt diplomatische Lösungen zu finden, den Schwerpunkt auf den humanitären Bereich zu legen und die menschlichen Leistungen zur Verbesserung der Lebensumstände in anderen Ländern und Kontinenten gebührend zu würdigen sowie journalistisch zu unterstützen.
Läge der Fokus auf positiven Leistungen im Sinne humanitären Engagements, sähen die Menschen die Welt mit anderen Augen. Dass Millionen von Menschen friedlich zusammenleben, dass Kriege durch Verhandlungen beendet oder verhindert werden, müssen wir uns vor Augen führen. Frieden und Versöhnung sind möglich, dafür braucht es eine innere Überzeugung, einen langen Atem und die Anstrengungen aller. Sollen wir tatsächlich auf den Mond fliegen können und vielleicht auch bald auf den Mars, aber unfähig sein, in Frieden miteinander zu leben? Würde man die menschliche Energie, das Weltall zu erobern, und die dazu benötigen finanziellen Mittel zum Erhalt des Friedens einsetzen, wäre der Menschheit zweifellos mehr gedient. ■
- J.J.Rousseau, Kapitel IV. in Willy Heudtlass: J. Henry Dunant, S. 17 ↩︎
- Anne Morelli: Prinzipien der Kriegspropaganda, Springe 2014 ↩︎
- Die folgenden Seitenzahlen beziehen sich auf das Buch: Herny Dunant: Eine Erinnerung an Solferino, Jubiläumsausgabe 125 Jahre Rotes Kreuz. Bern 1988 ↩︎
- Willy Heudtlass: Henry Dunant – Gründer des Roten Kreuzes, der Genfer Konvention – Eine Biographie. Stuttgart 1980 ↩︎
