Jean Ziegler ist von uns gegangen

von Professor Dr. Alfred de Zayas

Ein echter Kämpfer für die Menschenwürde und für die Menschenrechte ist am 10. Juni von uns gegangen. Der am 19. April 1934 geborene Hans (Jean) Ziegler verstarb in Genf im Alter von 92 Jahren.

Als Professor für Soziologie an der Universität Genf begeisterte Ziegler seine Studenten. Auch ich hatte Gelegenheit, ihn an der Uni mehrfach zu treffen. Ein eleganter und eloquenter Mann, sehr populär, gerade weil er über viel Humor verfügte. Bis zu seiner Emeritierung im Mai 2002 war er Genfer Professor und ständiger Gastprofessor an der Sorbonne in Paris.

Von 1967 bis 1983 und erneut von 1987 bis 1999 war er Genfer Abgeordneter im Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei. Sein Vater war deutschsprachiger Amtsrichter in Thun, wo der junge Hans aufwuchs. Im Jahr 1953 immatrikulierte er sich an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität in Bern und studierte später in Genf, ab 1956 Soziologie in Paris und New York. 1958 promovierte er, wurde Privatdozent für Soziologie in Bern.

Mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, die ihm nahelegten, seinen Vornamen in Jean zu ändern, war er gut befreundet. Als überzeugter Sozialist pflegte er auch mit Che Guevara und Fidel Castro Freundschaften und besuchte Kuba bei verschiedenen Gelegenheiten. Einmal wurde er in Havanna krank und bekam dort Bluttransfusionen, was ihn veranlasste zu sagen, er hätte echtes kubanisches Blut.1

Ich lernte Jean Ziegler im PEN- Club kennen, wo er ein geschätztes Mitglied war.
Weltbekannt wurde Ziegler vor allem an der Uno, wo er als Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung 2000 bis 2008 diente. Hier machte er sich einen Namen als Anwalt der Benachteiligten, der Hungernden und Unterernährten. Seine Berichte waren ungeschminkt und erschütternd. Auch war er Mitglied des Uno-Task Force für humanitäre Hilfe im Irak. Von 2008 bis 2012 gehörte er dem Beratenden Ausschuss des Uno-Menschenrechtsrates an. Während meiner sechs Jahre als unabhängiger Experte des Menschenrechtsrates konsultierte ich Jean Ziegler immer wieder, der ein Brunnen von Wissen und Weisheit war.

Im Jahre 1999 heiratete er die Schweizer Kunsthistorikerin und Universitätsdozentin, Erica Deuber Ziegler, die jetzt nach 27-jähriger Ehe ihren liebeswürdigen Mann verloren hat. Meine Frau Carla und ich haben wunderbare Erinnerungen an ein gemeinsames Abendessen mit Jean und Erica in Collonge-Bellerive im Hause der damaligen Präsidentin des PEN Zentrums Suisse-Romande, Dr. Fawzia Assaad, einer sehr unterhaltsame Romanautorin.

Im Juni 2024 kamen meine Frau und ich von einer Reise aus Sils-Maria zurück, wo wir an den Hermann Hesse-Tagen teilgenommen hatten. Wir sassen im Zug unterwegs zurück nach Genf, als plötzlich das Mobiltelefon meiner Frau Carla klingelte. Es war Jean Ziegler, der die Mobilnummer meiner Frau hatte und erfolglos versucht hatte, mich zu Hause zu erreichen. Er wollte sich für meinen Brief zu seinem 90. Geburtstag bedanken. Wir sprachen eine gute halbe Stunde über meine Rilke und Hesse Übersetzungen, und er erzählte über seine Lieblingsgedichte. Er klang so beseelt, so beglückt! An dieses Telefonat denke ich gerne zurück.

Wir müssen alle dankbar sein, dass solch mutige Menschen wie Jean Ziegler gelebt haben. Wir müssen die Wissenschaftler und Journalisten von heute, die sich für den Frieden und die Menschenwürde im Sinne Zieglers einsetzen, ehren. Ich denke an die Professoren Nils Melzer, Francesca Albanese, Glenn Diesen, Georg Katrougalos, Jeffrey Sachs, Richard Falk, John Mearsheimer. Menschen, die an das Ethos der Wissenschaft noch glauben, und an die zivilisatorische Bedeutung der menschlichen Solidarität.
Wir, die ihn kannten, haben einen Freund verloren. Wir gedenken seiner in Dankbarkeit und werden in unserem Engagement für eine humane Welt nicht nachlassen.

Jean hat wichtige Sachbücher in Französisch und in Deutsch verfasst, u. a.:

  • Trotz alledem! Warum ich die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufgebe. C. Bertelsmann, München 2025.
  • Die Schande Europas. Von Flüchtlingen und Menschenrechten. C. Bertelsmann, München 2020
  • Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen meiner Enkelin. C. Bertelsmann, München 2019.
  • Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen. C. Bertelsmann, München 2015.
  • Wir lassen sie verhungern: Die Massenvernichtung in der Dritten Welt. C. Bertelsmann, München 2012
  • Der Aufstand des Gewissens: Die nicht-gehaltene Festspielrede 2011. Ecowin Verlag, Salzburg ■
  1. Siehe den berühmten Dokumentarfilm von Nicoolas Wadimoff: rts.ch/play/tv/documentaires/video/jean-ziegler-loptimisme-de-la-volonte?urn=urn:rts:video:d2203651-ba77-3862-8516-b54403b764cf ↩︎