von Dr. Stefan Nold*
Neulich unterhielt ich mich mit einem passionierten Schachspieler und fragte ihn, wieviele Züge er im Voraus berechnen könne. «So um die acht Züge», antwortete er.
Die Politik hingegen stolpert in existentielle Gefahren häufig blindlings hinein, indem sie mögliche Gegenreaktionen ignoriert. Jeder Trainer der dritten Liga macht sich zehnmal mehr Gedanken über den Gegner im nächsten Pokalspiel als unsere Politiker über die Möglichkeiten des russischen Militärs. Zwar ist Russland mittlerweile wirtschaftlich stärker als Deutschland, aber die Länder der EU insgesamt sind da um ein Vierfaches überlegen.1 Dieses Bewusstsein bestimmt ihr Handeln.
Glenn Diesen von der Universität Süd-Ost Norwegen stellt fest: «Die Europäer sagen ganz offen: Wir produzieren Langstreckenwaffen in Massen, um tief im Innern Russlands zuzuschlagen. Es sind die Nato-Staaten, die die Kriegsplanung übernehmen, Geheimdienstinformationen liefern, Ziele auswählen und dabei helfen, die russische Luftabwehr zu umgehen. [ … ] Russland kann nicht mehr alles einstecken und die andere Backe hinhalten. Deshalb denke ich, dass wir jetzt einen russischen Vergeltungsschlag erleben werden.»2 Russland stuft die Fabriken, in denen Drohnen für die Ukraine hergestellt werden, als legitime Ziele ein, auch in Deutschland.
Dmitry Polyanskiy, russischer Vertreter bei der OSZE, spricht von «verheerenden (devastating) Auswirkungen auf die europäische Bevölkerung»,34 die unausweichlich seien, sofern unsere Regierung den Krieg gegen Russland fortsetzt. Wenn ein aktiver Diplomat, der ja immer auch ein Sprachrohr seiner Regierung ist, mit diesen ungewöhnlich drastischen Worten warnt, brauchen wir keine Feldbetten für den Zivilschutz, wir brauchen Verstand. Offenbar will Russland uns mit einer shock-and-awe-Aktion zum Einlenken zwingen, so wie die USA in Hiroshima und Nagasaki Japan zur Kapitulation gezwungen haben. Atomwaffen sind immer ein Risiko, aber bei Putin eher in Form eines Betriebsunfalls, nicht als Teil des Plans. Welcher Zug könnte dann das Blatt wenden?
Die Ukraine müsste ohne die Unterstützung der EU sofort kapitulieren. Daher wäre es aus russischer Sicht das Beste, das Problem an der Wurzel zu packen, anstatt einen verlustreichen Grossangriff auf die Ukraine zu starten, die für Russland immer noch ein Bruderland ist.
In Moskau gibt es unweit des Kremls ein traditionelles ukrainisches Restaurant, so wie es in ganz Deutschland bayrische Biergärten gibt; Sprachverbote gibt es in Russland – anders als in der Ukraine – nicht. Hinzu kommt: Bei uns wird im Stakkato behauptet, Russland wolle 2029 die Nato angreifen. Auf russisch übersetzt heisst das: Die Nato plant einen fingierten Angriff, um dann zu verkünden wie Hitler anno 1939: «Seit 5:45 wird jetzt zurück geschossen.»5 Das wird Putin vermeiden wollen.
In der Nacht zum 22. Mai 2026 hat die Ukraine das Wohnheim einer Berufsschule in der Nähe von Lugansk zerstört. Während die Fotos der 21 getöteten Schüler bereits im Netz kursierten, sprach die ARD von einem «vermeintlichen» Angriff.6 Diese Gefühlskälte gegenüber russischen Opfern weckt in Russland üble Erinnerungen an den letzten Krieg, bei dem im statistischen Mittel jeder der vier Millionen deutschen Soldaten an der Ostfront vier sowjetische Zivilisten umgebracht hat. 2023 forderte Mark Milley, der ranghöchste US-General : «Es sollte keinen Russen geben, der schlafen geht, ohne sich zu fragen, ob ihm mitten in der Nacht die Kehle durchgeschnitten wird.»7 Der ganze Westen ist aufgehetzt und aufgeputscht gegen Russland wie Deutschland zu Adolfs Zeiten. Dieser Hass, der den Russen entgegenschlägt, macht sie auf die Dauer immer wütender.
Aber Putin lässt sich nicht von Rachegedanken leiten. «Wir bevorzugen es, die Probleme von allen Seiten und ohne Eile zu betrachten», sagte er 2019 zu Lionel Barber von der Financial Times.8 Immer wieder haben Regierungen versucht, den Gegner nur aus der Luft heraus zu besiegen. Erfolg hatten sie keinen. Trotz massiver alliierter Bombenangriffe produzierte Deutschland noch 1944 soviele Waffen wie nie zuvor. Die USA haben Vietnam mit einem Bombenteppich nach dem anderen überzogen, und mussten trotzdem geschlagen abziehen. Russland kann mit seinen Oreschnik-Raketen Drohnenfabriken, Güterbahnhöfe, Autobahnkreuze, Internet-Knoten und militärische Kommandozentralen in Deutschland ins Visier nehmen.
Damit kann es zwar grosse Schäden anrichten, die aber nicht kriegsentscheidend sind. Das alles kann man reparieren. Wenn es gegen Russland geht, geht es schneller als im Ahrtal. Für einen Bombenkrieg, wie die Nato ihn gegen Serbien geführt hat, fehlen Russland die Möglichkeiten, von Bodentruppen ganz zu schweigen. Die Oreschnik-Raketen sind erst seit einem Jahr in Serie. Ihre Anzahl dürfte begrenzt sein. Was kann Russland tun, um Deutschland kriegsuntüchtig zu machen? Manches erledigt Deutschland selbst, etwa indem es ein modernes Kohlekraftwerk in die Luft sprengt. Aber das allein langt nicht, um seine Industrie so zu zerstören, wie es der Morgenthau-Plan von 1944 vorsah.
Unsere Achillesferse ist die Energieversorgung mit Gas, das wir zum Heizen, für die chemische und pharmazeutische Industrie, für die Stahlproduktion und für tausend andere Dinge dringend brauchen. Ohne unsere rund 40 Gasspeicher kommen wir nicht über den Winter.9 Russland hat gezeigt, dass seine Oreschnik-Rakete auch tief liegende Gaskavernen treffen kann. Gleich beim ersten Einsatz wurde Europas grösster Gasspeicher in der Nähe von Lvov im Westen der Ukraine zerstört.10 40 Oreschnik-Raketen für 40 Gasspeicher: Das wäre die totale Deindustrialisierung Deutschlands – ohne grössere menschliche Verluste auf beiden Seiten. Für die EU wäre das wie Tschernobyl für die Sowjetunion: Der Anfang vom Ende. Wer auf dem «grossen Schachbrett»11 im nächsten Zug Matt gesetzt werden kann, sollte besser ein Friedensangebot machen. ■
* Stefan Nold, Jahrgang 1959, 1x Ehemann, 3x Vater, 5x Grossvater, studierte Elektrotechnik und promovierte an der TH Darmstadt. 1985 bis 1990: KSB Pumpen, Frankenthal, 1991 Gründung des Ingenieurbüros SOFT CONTROL GmbH Automatisierungstechnik, Darmstadt. Aktivist und Mitbegründer erfolgreicher lokaler Bürgerinitiativen. 2 Bücher: 2012: «Beerdigung, Reifenwechsel, Hochzeit» (2012) Justus von Liebig Verlag, Darmstadt; «Kein Frieden – keine Zukunft. Schlagt Brücken und Versteht eure Feinde» (2024) Open Source. Download: overton-magazin.de/wp-content/uploads/2024/07/Nold-KeinFriedenKeineZukunft-24720sN.pdf
- https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36918/umfrage/laender-weltweit-nach-bruttoinlandsprodukt/ ↩︎
- Diesen, Glenn (19. 5. 2026) im Gespräch mit («Judge») Andrew Napolitano (ab Minute 20:00) https://www.youtube.com/watch?v=W0OVhZyeV0k ↩︎
- Rötzer, Florian (16. 4. 2026): Russland warnt: Europäische Hersteller von weitreichenden Drohnen sind potentielle Ziele. https://overton-magazin.de/top-story/russland-warnt-europaeische-hersteller-von-weitreichenden-drohnen-sind-potenzielle-ziele/ ↩︎
- Polyanskiy, Dmitry (19. 5. 2026): Im Gespräch mit Daniel Davis in der Sendung «Deep Dive» https://www.youtube.com/watch?v=M0fQsI6L6Lo (Minute 22:30 – 24:00) ↩︎
- Hitler, Adolf (1. 9. 1939): Rede vor dem Reichstag. https://www.lpb-bw.de/beginn-zweiter-weltkrieg ↩︎
- ARD Korrespondentin: https://dert.site/international/281134-vergeltung-fuer-irgendwas-tagesschau-leugnet/ ↩︎
- Washington Post Staff (6. 12. 2023): Miscalculations, divisions marked offensive planning by U.S., Ukraine. Zitat: »During one visit to Wiesbaden, Milley spoke with Ukrainian special operations troops … There should be no Russian who goes to sleep without wondering if they’re going to get their throat slit in the middle of the night,” Milley said, according to an official with knowledge of the event. https://www.washingtonpost.com/world/2023/12/04/ukraine-counteroffensive-us-planning-russia-war/ ↩︎
- Putin, Wladimir (5. 7. 2019): 90-minütiges Exklusiv-Interview mit Lionel Barber und Henry Foy. https://www.ft.com/video/d62ed062-0d6a-4818-86ff-4b8120125583 (Minute 41:40) ↩︎
- https://energien-speichern.de/erdgasspeicher/gasspeicherstandorte/ ↩︎
- https://www.rohstoff-welt.de/news/717832–Ukraine~-Groesster-unterirdische-Erdgasspeicher-Europas-steht-in-Flammen.html ↩︎
- Brzezinski, Zbigniew (1997): The grand chessboard. American Primacy and its Geostrategic Imperatives. www.cia.gov/library/abbottabad-compound/36/36669B7894E857AC4F3445EA646BFFE1_Zbigniew_Brzezinski_-_The_Grand_ChessBoard.doc.pdf ↩︎
