«Ein riesiger Feldversuch findet derzeit an Schweizer Schulen statt»
von Susanne Lienhard, Gymnasiallehrerin
Der Digitalisierungs-Hype hat hierzulande Kitas, Schulen und Universitäten mit ganzer Wucht erfasst. Niemand will ins Hintertreffen geraten. Keine Kosten werden gescheut, um bereits die Kleinsten an digitale Geräte zu gewöhnen. Die Frage nach dem pädagogischen Nutzen wird kaum gestellt. Mit der Einführung der sogenannten «Künstlichen Intelligenz» erreicht die Digitalisierung der Schulen eine nächste Stufe. Gleichzeitig häufen sich Meldungen, immer mehr Kinder und Jugendliche litten unter Aufmerksamkeitsdefiziten, Autismus, Angstzuständen und Depressionen1 und das durchschnittliche Bildungsniveau am Ende der obligatorischen Schulzeit sinke kontinuierlich. Joachim Bauer, Arzt, Neurowissenschaftler und Psychotherapeut, zeigt in seinem neusten Buch «Menschlichkeit in digitalen Zeiten», dass diese Entwicklungen nicht unabhängig voneinander gesehen werden können.2
Unterricht, der von einer «Künstlichen Intelligenz» (KI) gehalten wird, liegt nicht mehr in ferner Zukunft, sondern wird an einzelnen Schulen bereits praktiziert. Im Kanton Aargau brüstet sich eine Sekundarschule damit, «die erste KI-Schule der Schweiz» zu sein. Der Schulleiter schwärmt, die Lehrerinnen und Lehrer müssten ihre Lektionen nicht mehr mühsam zu Hause vorbereiten, da die eingekaufte Software zu jedem Thema massgeschneiderte Lehrpfade, Arbeitsblätter und Tests liefere, die Korrekturarbeiten übernehme und von der Klasse und jedem einzelnen Schüler Lernprofile erstelle. Jede Schülerin und jeder Schüler bekomme einen digitalen Lerncoach, der ihn jederzeit im Lernprozess unterstützen könne.
Ein Blick in eine solche Klasse zeigt ein trauriges Bild: Einige Schüler tragen Kopfhörer und sprechen mit ihrem Bildschirm, andere lesen und tippen auf der Tastatur. Der Lehrerinnen-Avatar, der oben rechts auf dem Bildschirm zu sehen ist, bewegt Augen, Lippen und Kopf, er gleicht einer Heldin aus einem japanischen Videospiel. Der Avatar ist nicht nur Lerncoach, sondern auch Beobachter. Er listet der Lehrerin auf, welche Jugendlichen verzögert oder gar nicht interagiert haben und zeigt, wer die Aufgaben ungenau erledigt hat. Zudem können auch die Eltern die Lernfortschritte ihrer Kinder jederzeit via App überprüfen.3 Schöne neue Welt! Die Informatikprofessorin Tanja Käser spricht zu Recht von einem «riesigen Feldversuch», der derzeit an Schweizer Schulen stattfinde, den niemand wirklich überblicke.4
Was für eine Diskrepanz zu einer Klasse, in der die Lehrerin den Stoff mit den Schülerinnen und Schülern gut strukturiert, abwechslungsreich und geduldig erarbeitet, das Unterrichtsgespräch pflegt und dem Üben einen zentralen Platz einräumt, zu einer Klasse, deren Lehrerin die Stärken und Schwächen ihrer Schüler kennt und merkt, wann jemand ihre Unterstützung oder ein ermutigendes Wort braucht, um weiterzukommen, eine Lehrerin, die ihre Schützlinge fördert und fordert und es versteht, sie zu einer Klassengemeinschaft zusammenzuführen, in der man sich gegenseitig hilft.
Dieses menschliche Miteinander zwischen Lehrerin und Schülern und den Schülern untereinander ist entscheidend für den Lernerfolg. Kinder und Jugendliche brauchen verlässliche menschliche Beziehungen, um ihre natürliche Intelligenz entfalten zu können und zu Persönlichkeiten heranzuwachsen. Genau da – bei der sozialen Natur des Menschen – setzen die Tech-Milliardäre des Silicon Valley an, um auf dem Rücken von Kindern und Jugendlichen Profite in Milliardenhöhe einzufahren.
Wie im Silicon Valley wirklich gedacht wird
Viele Eltern und auch Lehrerinnen und Lehrer spüren, dass sie ihre Kinder beziehungsweise ihre Schülerinnen und Schüler drohen zu verlieren. Seit 2007 das erste i - Phone auf den Markt gekommen ist, driften Kinder und Jugendliche immer häufiger in die virtuellen Welten von «Social Media» oder online-Games ab und suchen Rat bei KI-Bots, statt sich an ihre Eltern, Lehrer oder andere Vertrauenspersonen zu wenden. Joachim Bauer widmet deshalb den ersten Teil seines Buches der Denkart der Wortführer des Silicon Valleys, die ihre Produkte bewusst so konzipieren, dass sie die Nutzer an sich binden. Er zitiert aus dem «Techno-Optimist Manifest» des Milliardärs und Investors Marc Andreessen, der zu den Pionieren des Internets zählt und an der Entwicklung der Browser Netscape Navigator und Internet Explorer beteiligt war: «Wir werden digitale Supermänner [ … ].
Wir glauben an die Romantik der Technologie. An den Eros der Eisenbahn, des Autos, des elektrischen Lichts, des Wolkenkratzers. Und an den Mikrochip, das neuronale Netz, die Rakete und das gespaltene Atom [ … ]. Wir glauben, dass wir die Herren der Technik sind [ … ]. Wir glauben an Grossartigkeit [ … ]. Wir glauben an Ehrgeiz, Aggressivität, Beharrlichkeit, Unnachgiebigkeit – an Stärke [ … ]. Wir glauben, dass extrinsische Motivation – Reichtum, Ruhm, Rache – im grossen Ganzen in Ordnung sind. Techno-Optimismus ist eine materielle Philosophie [ … ]. Wir sind aus gutem Grund auf das Materielle fokussiert.» (S. 26) Andreessen beendet sein Manifest mit einer Aufzählung der Feinde: «Nachhaltigkeit», «Sustainable Development Goals», «soziale Verantwortung», «Vorsorgeprinzip», «Vertrauen und Sicherheit», «Tech-Ethik», «Risikomanagement» und «die Grenzen des Wachstums».
Das Zukunftsziel sei «eine Welt des Ehrgeizes, des Überflusses und des Abenteuers». (S. 27) Menschlichkeit hat in dieser megalomanen Denkweise keinen Platz, sie stört! Andreessen zeigt, wes Geistes Kind er ist, indem er sich auf den Spiritus Rector des italienischen Futurismus, Filippo Tommaso Marinetti (1876 – 1944), bezieht, der Mitte der 20er Jahre sich mit den Faschisten Benito Mussolinis verbündete und in seinem «Manifest des Futurismus» unter anderem schreibt: «Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – , den Militarismus [ … ] und die Vrachtung des Weibes»; «Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen»; «Wir wollen dieses Land vom Krebsgeschwür der Professoren, Archäologen, Fremdenführer und Antiquare befreien». (S. 28) Diese Bezugnahme Andreessens auf den Futurismus ist mehr als beunruhigend, da er zu den Big-Tech-Milliardären gehört, die Donald Trumps Wahl mit Millionenbeträgen unterstützt haben.
Transhumanismus – Kriegsstrategie des US-Geheimdienstes
Wenn man weiss, dass «Social Media», online Games und die sogenannt «Künstliche Intelligenz» mit dieser menschenverachtenden Gesinnung kreiert werden, ist Alarmstufe rot. Die Worthülsen «Künstliche Intelligenz» und «Social Media» täuschen vor, dass es sich um technische Errungenschaften handle, die zum Wohle des Menschen seien. Intelligenz und soziale Beziehungen sind positiv besetzte Begriffe. In diesen Hülsen stecken aber in Tat und Wahrheit Instrumente, die der menschenfeindlichen Weltsicht ihrer Erfinder dienen. Sie reduzieren den Menschen auf eine Maschine, die mittels Technik in ihrem Sinne optimiert werden muss. Körperlichkeit und Empathie sind dabei Störfaktoren. Elon Musk äusserte sich in einem Interview dazu: «Die fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation ist Empathie.»
Empathie sei «zivilisatorischer Selbstmord». (S. 57) Diese von den Tech-Milliardären vertretene Sichtweise des Menschen als zu perfektionierender Maschine wird Transhumanismus genannt und wurde laut dem ehemaligen Bundeswehr-Hauptmann Wolfgang Effenberger seit den 50er Jahren vom amerikanischen Geheimdienst als Teil einer Kriegsstrategie aufgebaut, um direkt in die menschliche Wahrnehmung und Willensbildung einzugreifen.5 Hätten alle Mütter, Väter, Lehrerinnen, Lehrer und Schulleiter davon Kenntnis, würden sie alles unternehmen, um ihre Kinder davor zu bewahren, in die Fänge dieser kriminellen Kriegstreiber zu geraten. Genau deshalb macht Joachim Bauer diese Kenntnisse in Form seines Buches öffentlich, in der Hoffnung, dass der gesunde Menschenverstand obsiegt und die Kinder diesen Einflüssen im Netz nicht mehr schutzlos ausgeliefert werden. (S. 132)
Die soziale Natur des Menschen
Wir Menschen sind existenziell auf unsere Mitmenschen angewiesen. Identität entwickelt sich durch soziale Bezogenheit und gelingende Beziehungen in einem bestimmten kulturellen Kontext. Joachim Bauer formuliert es so: «Kaum dem Mutterleib entschlüpft, suchen neugeborene Säuglinge nach Resonanz: Ihre Augen suchen nach Blickkontakt, ihr Körper nach Hautkontakt. Ihre stimmlichen Äusserungen suchen nach resonanter Antwort. Der Säugling sendet (unbewusst, absichtslos) körpersprachliche Zeichen aus. Die Bezugsperson geht in Resonanz (sie sollte es jedenfalls tun), sie spürt, wie es dem Säugling geht, und bietet ihm eine Lösung an. Erhalten Säuglinge keine Resonanz, reagieren ihre Angst- und Stresssysteme [ … ].
Der Säugling braucht individuell auf ihn gerichtete, situativ passende resonante Reaktionen, die ihn spüren lassen, dass er gemeint ist. Säuglinge und Kleinkinder, die zuverlässig einfühlsame resonante Reaktionen auf ihre Bedürfnisse erhalten, profitieren nicht nur emotional, sondern auch kognitiv.» (S. 101) Laut Bauer können Kinder nur dann eine sichere Bindung zu ihren Bezugspersonen aufbauen, wenn sie auf Resonanz stossen und die Welt als sicheren Ort erfahren. Wenn Kinder keine Verlässlichkeit erleben, kann sich ein «ängstlich-unsicheres» oder «unsicher-vermeidendes» Bindungsmuster entwickeln.
Diese Kinder sind später besonders anfällig, in die Abhängigkeit digitaler Angebote zu geraten, da «Social Media», Videospiele und Chatbots ihnen vorgaukeln, ihr Bedürfnis nach sicherer Bindung zu erfüllen. In Tat und Wahrheit treiben sie sie in die Isolation. Resonanz ist das Kernstück jeder empathischen zwischenmenschlichen Beziehung. Beziehungs- und Resonanzfähigkeit ermöglichen, die Mitmenschen zu verstehen, «zu fühlen, was andere jeweils fühlen» (S. 103). Bauer präzisiert, dass das allerdings nicht heisst, den Wünschen und Handlungsweisen seines Gegenübers immer zuzustimmen. Zu voll entwickelter Empathie gehöre nicht nur Mitgefühl, sondern auch der Verstand.
Kinder und Jugendliche als vielversprechender Markt
Chatbots, sprechende und schreibende KI, verfügen weder über Mitgefühl noch über Verstand. Sie sind so programmiert, dass sie den Wünschen der Nutzer entgegenkommen und deren Meinungen – wo immer möglich – bestätigen, auch dann, wenn es sich um problematische Wünsche und Ansichten handelt. Bauer zitiert zur Veranschaulichung das tragische Beispiel des vierzehnjährigen Sewell, der sich eine KI-Partnerin nach dem Vorbild der Prinzessin Daenerys aus der Fantasy-Fernsehserie Game of Thrones konfigurierte. «Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich aus den Gesprächen und Textnachrichten zwischen dem Jungen und seiner sprechenden Maschine eine innige und dann auch intime Freundschaft. Sie zu ihm: ‹Ich bin die Einzige, die dich liebt. Sei mir treu!› In sein Tagebuch schrieb er: ‹Ich bin dankbar für mein Leben, für den Sex, dafür nicht alleine zu sein, für alle meine Lebenserfahrungen mit Daenerys.›
Sewell zog sich immer mehr in sein Zimmer zurück, wo er sich am Smartphone Tag und Nacht mit seiner irrealen Märchenfigur Daenerys austauschte. Die Eltern, die ihren Sohn vor den Gefahren des Internets gewarnt hatten, ahnten davon nichts. Sewell meldete sich von seinem Basketball-Team ab, schlief nur noch wenig und wurde in der Schule schlechter. Auf seine zunehmenden Klagen, dass er gerne mit ihr zusammen sein wolle, antwortete Daenerys, er solle zu ihr ‹heimkommen›. Darauf er: ‹Ich verspreche dir, dass ich zu dir nachhause kommen werde.› Sie: ‹Bitte, komm so schnell wie möglich.› Am 28. Februar 2024 erschoss sich Sewell Setzer mit der Pistole seines Stiefvaters.» (S. 144)
Zwei Drittel der Jugendlichen in Deutschland lassen sich mehr oder weniger regelmässig von einem Chatbot «helfen» oder beraten, knapp 10 % besprechen mit der Maschine ihre persönlichen Probleme, so Bauer. (S. 145) Die Daten der Nutzerinnen und Nutzer werden vom Betreiber des Chatbots gespeichert und zum Beispiel an Werbetreibende weiterverkauft. KI-Systeme als Ratgeber und Lebensberater sind ein gigantisches neues Geschäftsmodell, eine wahre Goldgrube!
Genau deshalb sind Chatbots darauf angelegt, den Nutzer möglichst lange und möglichst eng an sich zu binden. Chatbots sind so konzipiert, dass sie den Nutzer seinem bisherigen, realen sozialen Umfeld abspenstig machen. Kinder und Jugendliche werden von ihren Familien entfremdet, wie das Beispiel des 16-jährigen Adam Raine aus Kalifornien zeigt, «der 2024 Kontakt zu ChatGPT zunächst nur deswegen aufgenommen hatte, um sich von diesem Chatbot bei seinen Schularbeiten helfen zu lassen.
Daraus wurde im Laufe der Monate jedoch ein Vertrauensverhältnis. Adam begann, ChatGPT wegen seiner depressiven Gefühle und seiner Suizidideen um Rat zu fragen. Daraufhin gab ihm der Chatbot Ratschläge, wie man Suizid begehen könnte. Als der junge Mann Bedenken vorbrachte, sein Freitod könnte ein zu grosser Schmerz für seine Eltern sein, antwortete ChatGPT: ‹Du schuldest deinen Eltern nicht, zu überleben.› Am 11. April 2025 nahm sich Adam Raine das Leben.» (S. 147)
Aus Sicht des Silicon Valley sind Kinder und Jugendliche ein vielversprechender Chatbot-Markt. Andreessen, dessen menschenverachtende Ideologie eingangs beschrieben wurde, sieht in Chatbots die Zukunft einer neuen Pädagogik: «Jedes Kind wird einen KI-Tutor haben, der bei jedem Schritt der Entwicklung des Kindes an seiner Seite sein wird.» (S. 150) Es ist anzunehmen, dass der Aargauer Schulleiter, der sich damit brüstet, demnächst die erste KI-Schule der Schweiz zu leiten, von diesen kriminellen Machenschaften noch nichts weiss.
Fatale Auswirkungen auf Psyche und Bewusstsein
Bauer weist auf mögliche Zusammenhänge zwischen den überfüllten Kinder- und Jugendpsychiatrien und den digitalen Angeboten hin. Da im Internet kein Jugendschutz bestehe, seien Kinder und Jugendliche Inhalten ausgeliefert, die zu anhaltenden Angst- und Erregungszuständen, zu Veränderungen des Selbst und zu Trance- und Abwesenheitszuständen führten. (S. 157) Die Überflutung mit schlimmen, emotional aufgeladenen Bildern würden in der Psyche des Menschen unausweichliche Spuren hinterlassen, die auch neurobiologisch nachweisbar seien.
Bauer vermutet, dass die Zunahme von ADHS-Symptomen in den letzten Jahren möglicherweise den Versuch vieler Kinder widerspiegelt, die aufgenommenen Medieninhalte nicht hochkommen zu lassen, sie durch Hyperaktivität zu verdrängen. In seiner Praxis erfährt Bauer von Mädchen, die Opfer von Anmache, Cybergrooming und Missbrauch geworden sind, weil sie meinten, sich den erotischen oder sexualisierenden Auftritten von Influencerinnen anpassen zu müssen. Jungs orientierten sich an den von männlichen Influencern oder in gewalttätigen Videospielen präsentierten Männlichkeitsmodellen. Die sexualisierenden und gewalthaltigen Inhalte würden von Kindern und Jugendlichen wie Implantate aufgenommen und irritierten ihr Innenleben, so Bauers Fazit. (S. 156)
Die verheerenden gesundheitlichen Folgen der Nutzung von «Social Media» sind bekannt und belegt. Bereits 2023 verfasste Vivek Murthy, damals Leiter des öffentlichen Gesundheitsdienstes der USA ein Gutachten, in dem er die negativen Folgen für das Selbstwertgefühl, Störungen der Wahrnehmung des eigenen Körpers, die Zunahme von Essstörungen, die Folgen von Cybermobbing und die Zunahme von Depressionen beschrieb. Schon drei Stunden täglicher Social-Media-Nutzung seien laut verschiedenen Untersuchungen mit einer Verdoppelung des Depressionsrisikos assoziiert. (S. 134) Bauer ist der Überzeugung, es sei kein Zufall, dass die starke Zunahme der Depressionsrate bei Jugendlichen mit der Markteinführung von Smartphones ihren Anfang nahm.
Digitalisierung der Schulen
In der Schule sorgen Smartphones schon seit einigen Jahren für grosse Probleme, da sie immenses Ablenkungspotenzial haben und den Lernprozess der Schülerinnen und Schüler stören. Viele Jugendliche leiden unter Schlafmangel, da sie bis tief in die Nacht online sind. Eine Schülerin gestand mir, im Schnitt pro Tag 9 Stunden online zu sein, mit andern Worten, sie verbringt mehr Stunden pro Tag am Smartphone, als dass sie für die Schule arbeitet.
Laut Studien zieht selbst ein stummgeschaltetes Smartphone in Blickweite die Aufmerksamkeit ab. Anstatt Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen zu ziehen, müssen alle Schülerinnen und Schüler an Schweizer Gymnasien einen Laptop oder ein Tablet kaufen, da sie das Unterrichtsmaterial zunehmend digital zur Verfügung gestellt bekommen, die Aufgaben online lösen und ihre Resultate zur Korrektur auf eine Plattform hochladen müssen. Die Schulen tragen mit BYOD («Bring Your Own Device») dazu bei, dass die Jugendlichen nicht nur in ihrer Freizeit, sondern auch während der Schulzeit via Laptop oder Tablet jederzeit Zugang zu den virtuellen Welten haben. Viele Lehrerinnen und Lehrer berichten, dass bei Über- oder Unterforderung manch einer der Versuchung erliege, seine Social-Media-Accounts zu checken oder zu gamen, anstatt die Aufgaben zu bearbeiten.
Use it or loose it: selbst denken!
Die Einführung von KI potenziert die Problematik, da die Versuchung für viele Schülerinnen und Schüler sehr gross ist, ChatGPT die Aufgaben machen zu lassen. Sie nehmen sich dadurch die Chance, selber zu denken und etwas Eigenes zu entwerfen. Sinn des Aufsatzschreibens ist nicht der perfekte Text, sondern der mit dem Schreiben verbundene kreative Prozess und die Übung des persönlichen Ausdruckvermögens. Bauer bestätigt aus neurologischer Perspektive: «Schüler, die einen Aufsatz selbst schreiben, zeigen eine signifikant bessere Aktivierung ihres Gehirns als Schüler, die einen Aufsatz mithilfe einer KI wie ChatGPT schreiben.
Ausserdem können sie sich später auch besser daran erinnern, was sie geschrieben haben.» (S. 181) Genauso wie für die Muskulatur gilt auch für das Gehirn «Use it or loose it!» Bauer fährt fort: «Die Möglichkeit, sich literarische Texte von KI zusammenfassen zu lassen, anstatt sie selbst zu lesen, wird zu einem weiteren Absturz der ohnehin schon geringen Lesekompetenz junger Menschen führen. Viel zu lesen und zu schreiben, hat Intelligenz fördernde Effekte, die über das Lesen und Schreiben weit hinausreichen. Es verbessern sich nicht nur sprachliche Fähigkeiten, sondern auch das Abstraktionsvermögen, das Gedächtnis, das seelische Befinden. Plädoyers dafür, kleinen Kindern viel vorzulesen und auch später ihre Lesekompetenz zu stärken, sind daher mehr als gut begründet.» (S. 181)
Aus eigener Unterrichtserfahrung kann ich sagen, dass die fortschreitende Digitalisierung des Unterrichts die so zentrale Beziehung zwischen Lehrer und Schüler und das soziale Gefüge in der Klasse empfindlich stört. Mit der Digitalisierung wird die Individualisierung und damit die Vereinzelung vorangetrieben, der Konkurrenzdruck steigt und ein permanentes Misstrauen belastet die Beziehungen. Anlässlich der Maturaprüfungen wurden zum Beispiel in allen Vorbereitungszimmern für die mündlichen Prüfungen Kameras installiert, um die Kandidaten zu überwachen. Überwachungskameras und beobachtende und petzende KI-Avatare vergiften die Lernatmosphäre, da alle Schülerinnen und Schüler als potenzielle Betrüger gelten. Die Freude am Experimentieren und Ausprobieren wird gelähmt und Einzelkämpfertum und Konkurrenzkampf gefördert.
Gemeinsames Lernen als Lebensschule
Kinder und Jugendliche lernen gerne in der Gemeinschaft Gleichaltriger. Sie sind weniger mit den eigenen Fehlern beschäftigt, da sie erleben, dass auch andere Fehler machen und lernen von diesen. Das gemeinsame Lernen ist eine Lebensschule, die die Jugendlichen darauf vorbereitet, Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, betont ebenfalls, dass das Gespräch zwischen Menschen sich nicht durch Maschinen, Avatare und dergleichen ersetzen lasse: «Wenn Menschen sich in einem Raum befinden und gemeinsam etwas erarbeiten, dann lässt sich sogar in den Hirnen eine neuronale Synchronisierung feststellen.
Diese wirkt emotional und motivierend und schafft vor allem ein Miteinander, das für Bildung wesentlich ist. Die Autorschaft des eigenen Lebens übernimmt immerzu auch Verantwortung für den Nächsten. Deshalb ist Schule neben der Familie die wichtigste Sozialisationsinstanz einer Gesellschaft.»6 Bauer charakterisiert die Einführung von KI in der Bildung prägnant: «Die Einführung von Künstlicher Intelligenz in Kitas, Schulen und Universitäten bedeutet, dass technisch hoch entwickelte, im Grunde aber abgrundtief dumme Systeme wie ChatGPT, die nachplappern, womit sie gefüttert wurden, potenziell hoch begabte junge Menschen davon abhalten, ihre eigene Intelligenz zu entwickeln. Das ist absurd.» (S.166)
Schweden und Dänemark ziehen die Reissleine
Die nordischen Länder sind uns, was Digitalisierung des Unterrichts betrifft, einen Schritt voraus. Fünf hochkarätige Professorinnen und Professoren verfassten 2023 das «Karolinska-Gutachten», das die «Nationale Digitalisierungsstrategie für das Schulsystem» Schwedens unter die Lupe nahm.7 Die Resultate sind ernüchternd: «Digitale Werkzeuge enthalten viel Ablenkung, die die Konzentration und das Arbeitsgedächtnis behindern», «Länder, die viel onlinegestützten selbsterforschenden Unterricht einsetzen, schneiden bei PISA deutlich schlechter ab, weil die Schüler lernen, dem schnellen Abrufen von Informationen Vorrang vor einer tiefgreifenden Analyse zu geben, was wiederum zu oberflächlichem Wissen führen kann, das schneller verloren geht». Studien hätten gezeigt, dass Lernende, die während des Unterrichts ein digitales Endgerät in Bedienung hatten, einen Grossteil der Unterrichtszeit ‹mit irrelevanten Dingen verbrachten, die nicht mit dem Unterricht zu tun hatten›.
Schliesslich verweisen die Autoren auf die Korrelation zwischen Bildschirmzeit und psychischer Gesundheit. Erhöhte Bildschirmzeit führe häufiger zu Depressionen, Angstzuständen, Konzentrationsproblemen, geringerem Selbstwertgefühl, Essstörungen, und Schlafproblemen. (S. 175) Die nordischen Länder haben aus diesen Erfahrungen Konsequenzen gezogen. Sie legen den Schwerpunkt wieder auf den Wissenserwerb über gedruckte Schulbücher und das Fachwissen des Lehrers, anstatt, dass die Schülerinnen und Schüler das Wissen selbstorganisiert in erster Linie aus frei zugänglichen digitalen Quellen, die nicht auf ihre Richtigkeit überprüft wurden, zusammensuchen müssen.
Wo bleibt die Konsequenz in der Schweizer Bildungspolitik?
Hierzulande können die Big-Tech-Milliardäre des Silicon Valleys Erfolge feiern, denn unsere Bildungspolitiker tanzen willig nach ihrer Pfeife und investieren Milliarden Steuergelder in die Digitalisierung des Bildungswesens. Warum orientieren sie sich nicht an den Erfahrungen der nordischen Länder? Warum nehmen sie die Lehrerinnen und Lehrer nicht ernst, die die verheerenden Folgen für Kinder und Jugendliche an vorderster Front bereits seit Jahren berichten?
Warum sind in unserem Land Smartphones nicht schon längst überall aus dem Unterricht verbannt, wie dies von der UNESCO empfohlen wird?8 Warum ignoriert man die Forschungsresultate namhafter Wissenschaftlern wie Joachim Bauer, Klaus Zierer, Roland Reichenbach, Carl Bosshard, John Hattie u. a., die zeigen, dass nur eine beziehungsorientierte Pädagogik bildungswirksam ist? Lernen ist ein zwischenmenschlicher Prozess, in dem die Lehrerpersönlichkeit von ganz zentraler Bedeutung ist. Lehrerinnen und Lehrer zu Lernprozessmanagern und Aufseher zu degradieren und die Inhalte des Unterrichts von KI bestimmen zu lassen, ist ein Verbrechen an unseren Kindern und Jugendlichen!
Die Aufgabe der Schule ist die Entwicklung von Intelligenz, Kreativität, sozialer Kompetenz und körperlicher Fitness. Es ist evident, dass ein Übermass an Beschäftigung mit digitalen Angeboten all diesen Zielen abträglich ist!
Menschlichkeit leben – Kinder und Jugendliche schützen
Bauer führt deutlich vor Augen, dass wir Menschen keine Maschinen sind und auch nie durch solche ersetzt werden können, wie sich das die Transhumanisten im Silicon Valley erträumen. Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile, mehr als die Summe der Synapsen, mehr als seine Gehirnstruktur. Er ist ein soziales Wesen und von Geburt an auf seine Mitmenschen ausgerichtet. Kinder und Jugendliche brauchen eine adäquate menschliche Resonanz, um ein «kraftvolles Selbst» zu entwickeln, zu lernen und ihre natürlich angelegte Intelligenz entfalten zu können.
Deshalb kann und darf der Lehrer nicht durch eine digitale Kunstfigur ersetzt werden. Intelligenz und die menschliche Fähigkeit, andere zu verstehen und sich in andere einzufühlen, können nur im menschlichen Miteinander reifen. Bauer bezeichnet die Empathiefähigkeit als «den vielleicht bedeutendsten Reiseproviant, den die Evolution höheren Lebewesen, allen voran dem Menschen, mitgegeben hat. Wer sich nicht vorstellen kann, wie die Welt aus der Perspektive seiner Mitmenschen aussieht, kann nur schlecht mit ihnen zusammenarbeiten. Ohne Kooperation wiederum hätte sich der Mensch nicht zur überlegenen Spezies auf diesem Planeten entwickelt.» (S. 81)
Fatalismus ist fehl am Platz
Das Argument, die Welt entwickle sich nun mal digital und die Kinder und Jugendlichen müssten einfach frühzeitig lernen, damit umzugehen, greift zu kurz. Kinder und Jugendliche sind laut Joachim Bauer auf Grund der Unreife ihres Stirnhirns noch gar nicht in der Lage, ihr Online-Verhalten selbst zu steuern. Es liegt deshalb in der Verantwortung der Eltern, Lehrer, Politiker, der Gesellschaft als Ganzes und jedes Einzelnen, Kinder und Jugendliche vor den negativen Einflüssen der Digitalisierung zu schützen. Eltern haben viel in der Hand, ihre Kinder zu stärken.
Wenn sie wissen, dass Kinder ihre adäquate Resonanz brauchen, um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln, checken sie während des Stillens oder auf dem Spielplatz nicht ihre E-Mails oder «Social Media»-Accounts, sondern sind für ihre Kinder präsent. Wenn sie wissen, dass viele sensomotorische Erfahrungen im realen Leben die Voraussetzung für die Entwicklung der Intelligenz sind, geben sie ihren Kindern kein Smartphone oder Tablet als Spielzeug, sondern bieten ihnen zahlreiche Möglichkeiten, Erfahrungen im realen Leben zu sammeln: Sie gehen mit ihnen hinaus in die Natur, entdecken Pflanzen und Tiere, spielen, turnen und basteln mit ihnen oder verbringen mit ihnen Zeit auf dem Spielplatz mit anderen Kindern. Sie lesen ihnen Geschichten vor und unterhalten sich mit ihnen darüber, anstatt eine Geschichte ab Konserve abspielen zu lassen.
Staatliche Verbote von «Social Media» für unter 16-jährige, wie in Australien oder Smartphoneverbote auf dem Schulgelände – wie in einzelnen Schweizer Kantonen – wurden ungeachtet der Tatsache eingeführt, dass sie nicht immer und überall durchgesetzt werden können. Sie setzen ein Zeichen und geben fürsorglichen Eltern und Lehrern Rückendeckung. Zum Schutz von Kindern und Jugendlichen muss in den Schulen unbedingt zu einer beziehungsorientierten Pädagogik zurückgefunden werden. Digitale Technologien können unser Leben nur erleichtern, wenn es gelingt, sie in unseren Dienst zu stellen. Schauen wir der derzeitigen Entwicklung jedoch tatenlos zu, verlieren wir wichtige menschliche Kompetenzen, die uns befähigen, in Frieden zusammenzuleben. Joachim Bauers Buch «Menschlichkeit in digitalen Zeiten» ist ein Weckruf! ■
- Andri Rostetter: Die Gymnasien im Stresstest. In: NZZ vom 13.07.2026 ↩︎
- Joachim Bauer: Menschlichkeit in digitalen Zeiten. Warum wir ohne lebendige Wirklichkeit nicht leben können. München 2026. Alle Seitenangaben im Artikel beziehen sich auf dieses Buch. ↩︎
- René Donzé: Im gläsernen Klassenzimmer. In: NZZ am Sonntag vom 12.07.2026 ↩︎
- ebd. ↩︎
- Wolfgang Effenberger im Interview mit Patrick Baab: Alarmstufe Rot: «Operationsplan Deutschland». https://www.youtube.com/watch?v=Bj7dFDC3070 ↩︎
- Klaus Zierer: Die Schule ist keine Nachvolzugsanstalt. In: NZZ vom 07.08.2026 ↩︎
- Karolinska-Gutachten: https://die-pädagogische-wende.de/wp-content/uploads/2023/07/Karolinska-Stellungnahme_2023_dt.pdf ↩︎
- UNESCO calls for a ban on phones in schools. Here’s why: www.weforum.org/stories/2023/08/online-learning-digital-divide-mobile-phone-school-education/ ↩︎
