«Ein neutraler Staat darf sich keine Selektion erlauben»

«Er darf nicht die Verstösse der einen Seite anprangern und zu den Verbrechen der anderen Seite schweigen»

Interview mit Prof. Dr. iur. et phil. Alfred de Zayas, Völkerrechtler und ehemaliger Uno-Mandatsträger

Zeitgeschehen im Fokus Was hat Sie dazu bewogen, Mitglied des Neutralitätsrats zu werden?

Prof. Dr. Alfred de Zayas Ich lebe in der Schweiz seit 1981 und bin seit 2017 Schweizer Bürger. Keine einzige Wahl, keine Abstimmung, kein Referendum habe ich je verpasst. Die direkte Demokratie der Schweiz ist viel ehrlicher und konstruktiver als die sogenannten «repräsentativen Demokratien» in den USA, in Grossbritannien, Frankreich, Deutschland und so weiter, wo die Parlamentarier die Bürger nicht repräsentieren, sondern die Interessen der Konzerne und der Lobbys verfolgen. Leider gibt es Anzeichen, dass der Bundesrat die Schweiz zu einer repräsentativen Demokratie entwickeln und keine Volksinitiativen respektieren will.

Das ist inakzeptabel: So versucht er ein obligatorisches Referendum beim Vertragspaket Schweiz-EU zu verhindern, obwohl hier grundsätzlich über die Unabhängigkeit und Neutralität der Schweiz entschieden wird und für die Schweiz in Brüssel weitreichende Gesetze festgelegt würden. Die Kompass-initiative, die ein obligatorisches Referendum verlangt, soll erst nach der Abstimmung über den EU-Vertrag vor Volk und Stände kommen.1 Der Bundesrat schafft mit allen Tricks. Ich bin alarmiert. Er will von der direkten Demokratie offenbar nichts mehr wissen.

Dennoch sind die direkte Demokratie und die Neutralität in der DNA der Schweizer verankert. Sie gehören zur Schweizer Identität, die ich persönlich erlebe und sehr schätze. Als ich Schweizer Bürger wurde, schrieb ich sogar ein Gedicht «Le bonheur d’être Suisse».2 Heute mache ich mir Sorgen über den Weg, den der Bundesrat und die Schweizer Medien eingeschlagen haben.
Als neu-Schweizer wurde ich von Freunden eingeladen, an der Gründungssitzung des Neutralitätsrats am 25. Juni teilzunehmen,3 wo wir die Gründungsurkunde angenommen haben.4 Am 20. August gab es eine sehr produktive Arbeitssitzung, die mit der Festlegung einer konstruktiven Pressekonferenz endete.5

Was macht der Neutralitätsrat?

Lassen Sie mich aus der Einleitung zu den Berichten des Neutralitätsrats zitieren: «Der Neutralitätsrat nimmt in wissenschaftlichen Berichten periodisch Stellung zu völkerrechtlich relevanten Themen. Er äussert sich neutral und auf der Basis des geltenden Völkerrechts.»6 Egal, wie das Abstimmungsergebnis im September ausfällt, der Neutralitätsrat wird sich weiterhin für eine effektive schweizerische Neutralitätspolitik einsetzen. Es geht um die Seele der Schweiz. Wir hoffen, dass die Schweizer Bevölkerung nicht Opfer einer medialen Gehirnwäsche wird. Wir sind zuversichtlich, dass die Schweizer Frauen und Männer die Annäherung an die EU ablehnen, genauso wie die Bevölkerung Islands bei ihrem Referendum vom 29. August.7

Der Rat besteht aus zwölf Mitgliedern: Völkerrechtlern, Historikern, Ex-Diplomaten und Militärexperten. Wir handeln unabhängig und im Konsens. Auf unserer Website erklären wir unsere Raison d’être, unsere Ziele.

Wir machen uns Sorgen über die laufende Erosion der Schweizer Neutralität, und über die Erosion des Völkerrechts – sowohl durch Missachtung als auch durch seine selektive Anwendung durch viele Staaten, mit denen die Schweiz wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen unterhält. Ich zitiere nochmals: «Obwohl sich die Schweiz in Artikel 5 Absatz 4 der Bundesverfassung zur Beachtung des Völkerrechts verpflichtet, hat sie in den letzten Jahren zu dessen Aushöhlung beigetragen, zum einen durch einseitige Anwendung, zum andern durch Schweigen angesichts grober Verletzungen.»8

Bislang fehlt es an einer unabhängigen Instanz, die die Inkohärenz der Schweizer Politik wissenschaftlich aufarbeitet. «Diese Lücke will der Neutralitätsrat schliessen, indem er periodisch wissenschaftlich fundierte Berichte zu völkerrechtlich relevanten Themen und aktuellen Ereignissen veröffentlicht und daraus Empfehlungen an die Schweizer Regierung ableitet.»9

Wird die Neutralität im Völkerrecht definiert?

Eine allgemeingültige völkerrechtliche Definition der Neutralität gibt es nicht. Es gibt natürlich diplomatische Praktiken, gewisse Erwartungen und das Völkergewohnheitsrecht. Hinzu kommen die Haager Konventionen von 1907. Sie betreffen das Verhalten von Staaten in Kriegszeiten – sowohl im Landkrieg als auch im Seekrieg. Inzwischen sind mehr als 100 Jahre vergangen, und die Kriege werden heute oft nicht mehr konventionell geführt, sondern Technik und Elektronik und die künstliche Intelligenz bieten andere Möglichkeiten wie Cyberangriffe oder Ähnliches.

Aus der Uno-Charta ergibt sich das völkerrechtliche Gewaltverbot im Artikel 2(4). Dabei geht es nicht nur um das Verbot der militärischen Gewaltanwendung, sondern auch um andere Formen von Gewalt, vor allem durch illegale Wirtschaftsblockaden und Zwangsmassnahmen, sogenannte «Sanktionen», die die USA und EU in völkerrechtswidriger Weise verhängen.

Wirtschaftliche Sanktionen sind zweifelsohne Kriegswaffen. Der Terminus technicus heisst «unilateral coercive measures» (UCM).10 Solche Zwangsmassnahmen müssen wir als Gewaltanwendung einordnen. Sie sind illegal, wie von der Uno-Generalversammlung und dem Uno-Menschenrechtsrat in etlichen Resolutionen beschlossen wurde.11 Darum darf man sie weder verhängen noch umsetzen. Die Chinesen haben sogar Gesetze erlassen, die ihren Bürgern und Konzernen verbieten, ausländischen Sanktionen Folge zu leisten oder sie irgendwie umzusetzen.12 Mit anderen Worten, die Bürger werden vom Staat verpflichtet, exterritoriale «Sanktionen» abzulehnen.

Die einzigen Sanktionen, die befolgt werden müssen, sind jene, die der Uno-Sicherheitsrat verhängt. In diesem Sinne nahm die Generalversammlung eine Resolution an, die den 4. Dezember als Internationalen Tag für die Abschaffung von unilateralen Zwangsmassnahmen festlegte.13 Die Welt will diese illegalen UCMs endlich vom Tisch haben, aber die USA und die EU wollen weiterhin diese tödliche Waffe einsetzen.

Artikel 2(4) der Charta verbietet auch die Androhung von Gewalt, wie zum Beispiel die beinahe täglichen von Donald Trump ausgesprochenen Drohungen an die ganze Welt. Wir haben hier nicht nur mit Brüchen des allgemeinen Völkerrechts, sondern auch mit Brüchen der Uno-Charta und des Statuts von Rom des Internationalen Strafgerichtshofs zu tun.

Wie müsste sich die Schweiz als neutraler Staat verhalten?

Die Grundsätze der Schweizer Neutralität sind im Westfälischen Frieden von 1648 und in den Akten des Wiener Kongresses von 1815 verankert.14 Die Neutralität ist in der Schweizer Bundesverfassung nicht exakt definiert. Gemäss der Bundesverfassung Art. 173 «trifft die Parlamentarische Versammlung Massnahmen [ … ] zur Wahrung der Neutralität der Schweiz.» und Art.. 185 verlangt, dass der Bundesrat ebenfalls «Mass­nahmen zur Wahrung [ … ] der Neutralität der Schweiz» trifft.

Der Begriff Neutralität soll nicht verwässert werden. Eine sogenannte «flexible Neutralität» ist keine Neutralität, sondern Opportunismus und intellektuelle Unredlichkeit. Neutral heisst «audiatur et altera pars» – alle Seiten respektvoll anzuhören, Objektivität zu bewahren, keine Doppelzüngigkeit an den Tag zu legen, sondern eine klare Line zu verfolgen. Neutralität bedeutet, sich diskret zu verhalten und weder der einen oder anderen Seite Unterstützung zu geben, auch nicht ihre Kriegspropaganda und die falschen Narrative zu übernehmen. Neutralität verlangt Objektivität und bedeutet keine Selektivität, kein Völkerrecht nach Belieben, keine Menschenrechte à la carte. Das Leben eines russischen Zivilisten im Donbas ist genauso heilig wie das Leben eines Zivilisten in Kiew.

Von den Kritikern wird Neutralität immer mit Abschottung gleichgesetzt.

Neutralität und Isolationismus sind nicht dasselbe. Neutralität bedeutet nicht Indifferenz gegenüber Konflikten. Es bedeutet nicht, dass man Kriege geschehen lässt. Als Neutraler hat man immer die Möglichkeit, mit beiden Seiten zu sprechen und auf die Staaten und ihr Verhalten Einfluss zu nehmen. Eine friedliche Lösung anzupeilen. Dazu muss man einen wertfreien Dialog führen. Es geht in keiner Weise darum, wegzuschauen. Es geht darum, aus der Position des Neutralen eine Vermittlerrolle anzubieten, um Konflikte zu entschärfen und so den grössten Beitrag für den Frieden zu leisten.

Als Depositarstaat der Genfer Rotkreuzkonventionen und des humanitären Völkerrechts hat die Schweiz eine singuläre Rolle. Sie hat die besondere Kompetenz, Verstösse gegen die Rotkreuzkonventionen beim Namen zu nennen. Es geht nicht um «naming and shaming», sondern darum, nüchtern aufzuklären, auf humanitäre Folgen hinzuweisen, diskrete Diplomatie zu üben, Gute Dienste zur Konfliktlösung anzubieten. Ein Schweigen wäre missverstandene Neutralität.

«Qui tacet, consentire videtur.» Aber wenn die Schweiz auf Kriegsverbrechen hinweist, darf sie keine Selektion betreiben – das heisst, sie darf nicht die Verstösse der einen Seite anprangern und zu den Verbrechen der anderen Seite schweigen. Heutzutage verhält sich die Schweiz leider nicht neutral, weder im laufenden Ukraine-Krieg noch in Bezug auf den israelischen Völkermord an den Palästinensern. Die Schweizer Medien sind ganz offen parteiisch und vertreten Nato- beziehungsweise israelische Narrative.

Wo erkennen wir diese doppelten Standards?

Wir konstatieren diese Inkohärenz ganz besonders in den Diskussionen betreffend Nato und Russland. Die Schweiz hat die russische Invasion vom Februar 2022 deutlich verurteilt, aber nicht den undemokratischen Putsch gegen Viktor Janukowitch vom Februar 2014 und die nachfolgende Bombardierung der Zivilbevölkerung im Donbas durch die Ukraine. Um neutral zu sein und glaubwürdig zu bleiben, hätte die Schweiz alle Verstösse gegen die Rotkreuzkonventionen durch die Nato und die Ukraine benennen sollen.

Nachdem sich die Schweiz den Sanktionen der EU und der USA gegen Russland, gegen russische Konzerne und Personen, angeschlossen hatte, war ihre Vermittlerrolle vertan und damit das Leben Zehntausender von Soldaten, die durch Verhandlungen möglicherweise hätten gerettet werden können. So wurden sie sinnlos geopfert. Der Krieg geht unvermindert weiter.

Die Schweiz hat durch ihre Parteinahme gar nichts erreicht, ausser die vermeintliche Gunst der EU. Als Uno-Mitglied ist jeder Staat – auch der neutrale – verpflichtet, die Ziele und Prinzipien der Uno-Charta zu fördern. Das höchste Prinzip der Uno ist der Erhalt und die Förderung des Friedens sowie die friedliche Lösung von Konflikten. Wer kann hier erfolgreicher wirken als ein neutraler Staat? Was ich aber beobachte, ist, dass die Schweiz die ukrainische Kriegspropaganda über den Krieg penetrant verbreitet, die Aggression Russlands gegen die Ukraine verurteilt, aber zu den Provokationen durch die Nato seit 1997 schweigt.15

Es geht nicht, Russland als Aggressor zu brandmarken, aber bei Aggressionen der Nato gegen Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien, Iran zu schweigen. Hier liegt ein wesentliches Problem – die inkohärente Politik Berns, die doppelte Moral. Ein neutraler Staat darf sich keine solche Selektion erlauben.

Die Schweiz soll ein Bollwerk des Völkerrechts sein, die Stimme des humanitären Völkerrechts bleiben. Man darf dies von der Schweiz erwarten. Schweigen muss dagegen das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, eine private Einrichtung von Experten und Akademikern – kein Staat mit staatlichen Aufgaben und Verpflichtungen. Das IKRK agiert diskret, um seiner rein humanitären Aufgabe treu zu bleiben und weiterhin den Opfern auf beiden Seiten Hilfe leisten zu können.

Woher kommt diese Inkohärenz?

Sie kommt aus dem kognitiven Krieg, aus dem Informationskrieg und aus der Orwellschen Zerstörung der Begriffe. Neutralität heisst nicht mehr Neutralität – der Begriff wurde bagatellisiert und unterwandert. Es geht um die «a prioris», die Menschen durch die Medien suggeriert bekommen. Public Relations und Propaganda haben ein falsches, aber sehr positives Image der EU und der Nato künstlich kreiert.

Wir bekommen diese Indoktrinierung durch die Medien, in der Werbung und sogar im Unterricht. Manche Politiker merken nicht einmal, dass sie laufend einseitig argumentieren, sich in Widersprüche verwickeln und andere Perspektiven völlig ausser Acht lassen. Die Schweizer Demokratie ist heute in Gefahr, wenn die «Neutralität» relativiert und sogar diffamiert wird. Diese geistige Misere ist also ein Resultat der Propaganda.

Eigentlich sind die sogenannten «repräsentativen Demokratien» in den USA, in Grossbritannien, Frankreich, Deutschland und so weiter längst keine Demokratien mehr. Sie sind Oligarchien, in denen die grossen Konzerne und die Lobbys alles bestimmen. Die Bürger in diesen Staaten werden nicht ernst genommen, sondern durch Gehirnwäsche und Propaganda manipuliert, wie Noam Chomsky in seinem Buch «Manufacturing Consent» dokumentiert.

Das Volk wird weder befragt noch konsultiert, allenfalls pro forma. Und sogar, wenn die Bürger auf die Strasse gehen, demonstrieren und protestieren, wenn bekannte Professoren wie Jeffrey Sachs, John Mearsheimer, Norman Finkelstein, Ilan Pappé und Glenn Diesen sachlich und ausführlich Stellung nehmen, wollen die Politiker nicht zuhören und ändern ihre verhängnisvolle Richtung nicht.

Ich schätze die direkte Demokratie ausserordentlich, die wir in der Schweiz noch geniessen können. Aber die Manipulation der öffentlichen Meinung ist in den letzten 40 Jahren immer schlimmer geworden, auch hier in der Schweiz. Die NZZ, SRF, RTS, RSI verbreiten identische und angepasste Narrative.

Eigentlich wollen die Meinungsmacher keine Neutralität mehr – sie wollen sich in die Arme der EU und der Nato werfen. Der Schweizer Bürger muss sich selbst im Internet informieren. Die Alternativmedien können die Demokratiedefizite nur teilweise korrigieren, denn Gehirnwäsche und Gaslighting durch die Propaganda der Mainstream-Medien wirken weiter.

Wenn sich die Schweiz der EU und der Nato annähert, verspielt sie ihre Neutralität zusehends, und kein Staat wird die Schweiz künftig berücksichtigen, wenn er einen objektiven Vermittler sucht.
Worin sehen Sie den Nutzen der Neutralität – für den neutralen Staat und für andere Staaten?
Für die Schweiz bedeutet die Neutralität erhöhte Sicherheit, denn die Schweiz wird so von keinem anderen Staat als «Feind» wahrgenommen. Identifiziert sich die Schweiz aber zu sehr mit der Politik der EU und der Nato, wird sie potenziell ein Feind von Russ­land, Belarus, China, Iran und so weiter sein. Verkauft die Schweiz Waffen an Nato-Staaten, ist sie nicht mehr neutral und könnte unter Umständen deshalb zum legitimen militärischen Ziel werden.

Die gute Reputation der Schweiz ist seit Jahrzehnten erodiert. Diese Erosion hat sich seit dem Ukraine-Krieg beschleunigt. Das Spektakel der «Friedenskonferenz» auf dem Bürgenstock im Juni 2024 war ein Tiefpunkt schweizerischer Diplomatie – beziehungsweise ein Mangel an Diplomatie. Kein Mensch konnte die Schweiz nach dem Bürgenstock-Debakel noch als neutral ansehen. Ignazio Cassis und Viola Amherd haben der Schweiz einen Bärendienst erwiesen.16

Wie haben Sie an der Uno die neutrale Schweiz erlebt?

Anfänglich war sie unabhängiger, hat sich aber zunehmend den EU- und Nato-Staaten angenähert. Kapitel 8 meines Buches «The Human Rights Industry» untersucht,17 wie viele Staaten, die sich neutral nennen, in der Praxis aber einem «Block» angehören. Ich habe mir angesehen, wie die Schweiz im Sicherheitsrat, in der Generalversammlung und im Menschenrechtsrat abstimmt – gar nicht neutral.

Haben Sie eine Änderung in der Haltung der Schweizer Vertretung spätestens seit 2022 zum Beispiel im Menschenrechtsrat festgestellt?

Ja, mehr und mehr stimmen die Schweizer Delegierten mit den EU-Staaten. Auch lassen sich die «explanation of vote» (Abstimmungserklärung) durch Schweizer Diplomaten oft von jenen der EU-Staaten nicht unterscheiden. Gerade deshalb gilt die Schweiz nicht mehr als «neutral» und zählt zum «westlichen Block»

Welche Rolle hätte die Schweiz im Zusammenhang mit der militärischen Auseinandersetzung in der Ukraine seit dem Putsch von 2014 bis heute einnehmen müssen?

Da der Krieg tatsächlich 2014 begonnen hatte, hätte die Schweiz in verstärktem Masse ihre Guten Dienste und Verhandlungen anbieten sollen, so wie sie es beim Minsk-I-Abkommen im September 2014 gemacht hat.

Durch die Schweizer Botschafterin, Heidi Tagliavini, konnte der Abbruch der Verhandlungen verhindert werden. In den Jahren 2014 bis 2022 hätte sich die Schweiz weiterhin als Verhandlungspartnerin ins Spiel bringen müssen und versuchen, einen Kompromiss zwischen der Ukraine auf der einen und den autonomen Republiken Luhansk und Donezk auf der anderen Seite auszuhandeln. Gleichzeitig hätte es eine Verständigung zwischen der Nato und Russland geben müssen. Dies war durchaus möglich. Es fehlte leider der gute Wille seitens der USA und der Nato-Staaten, wie von den Professoren John Mearsheimer und Jeffrey Sachs eindringlich und überzeugend dokumentiert wurde.18

Nach dem Beginn der russischen Invasion hätte sich die Schweiz auf die Seite des Friedens stellen müssen. Nicht eine Seite verurteilen und die andere unterstützen, das führt zu nichts. Hier hätte die Schweiz konstruktiv und aktiv werden müssen. Aber in den letzten Jahren hat die Schweiz ihre Reputation als «honest broker» verloren. Es ist nicht erstaunlich, dass die Friedensverhandlungen im März 2022 in Istanbul und nicht in Genf liefen. Die Schweiz hatte ihre Neutralität kompromittiert und die Russen betrachteten sie damals und betrachten sie heute noch als gesinnungsmässig und faktisch mit der EU und der Nato alliiert. Deshalb landete die Schweiz auf der Liste der unfreundlichen Staaten.
Aktuell hat sich Amnesty International zur Neutralitätsinitiative geäussert und diese kritisiert. Was stört Amnesty daran?

Der Schweizer Neutralitätsrat weist die Pressemitteilung von Amnesty International vom 25. August als Ablenkungsmanöver zurück. Die Pressemitteilung von Amnesty International missbraucht Menschenrechte für billige politische Zwecke. Tatsächlich befürwortet Amnesty International die Verhängung illegaler einseitiger Zwangsmassnahmen, die die Schweizer Regierung bereits anwendet, ungeachtet der jährlichen Resolutionen der Generalversammlung, die diese als mit der Uno-Charta unvereinbar verurteilen, ungeachtet der fundierten Berichte mehrerer Uno-Sonderberichterstatter wie Dr. Idriss Jazairy, Alena Douhan und Michael Fakhri, ungeachtet der Berichte des britischen Fachjournals The Lancet.

Alexandra Karle, Direktorin der Schweizer Sektion von Amnesty International, verdreht die Tatsachen und verbreitet Desinformation. Sie stellt die Schweizer Neutralitätsinitiative falsch dar und behauptet fälschlicherweise, diese würde die Fähigkeit der Schweiz schwächen, auf schwere Menschenrechtsverletzungen und Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht mit nichtmilitärischen Mitteln zu reagieren. Im Gegenteil: Die Initiative erweitert und verstärkt die Möglichkeiten der Schweiz, effektiver gegen Menschenrechtsverletzungen zu agieren.

Die Initiative kann den Ruf der Schweiz als neutraler Staat und ihre Fähigkeit, künftige Konflikte als ehrlicher Vermittler zu schlichten, wahren.

Wir, Schweizer Bürgerinnen und Bürger, die sich entschieden für Menschenrechte und Rechenschaftspflicht einsetzen, sind besorgt, dass diese Art von Propaganda, die sich als Menschenrechtsarbeit tarnt, der Schweizer Bevölkerung und dem Ansehen von Amnesty International schadet. Die Neutralitätsinitiative steht zur Abstimmung, weil der Bundesrat die Schweizer Neutralität durch parteipolitische Aktionen schrittweise untergraben hat, wodurch die Möglichkeit der Schweiz, als glaubwürdiger Vermittler auf internationaler Ebene aufzutreten, gefährdet wird.

Herr Professor de Zayas, vielen Dank für das Gespräch.
Interview Thomas Kaise
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  1. Le Courrier de Genève: Le Conseil fédéral ne veut pas d’un texte qui imposerat le référendum pour les Bilatérales III, 14 aout 2026, Seite 8. ↩︎
  2. https://www.alfreddezayas.com/Poems/Le%20Bonheur%20d’%C3%AAtre%20Suisse.shtml ↩︎
  3. https://www.counterpunch.org/2026/07/03/council-on-swiss-neutrality/
    https://neutralitaetsrat.ch/ ↩︎
  4. https://neutralitaetsrat.ch/wp-content/uploads/2026/07/NR-Gruendungsdokument-1.pdf ↩︎
  5. https://www.24heures.ch/neutralite-un-nouveau-conseil-critique-le-rapprochement-avec-lotan-787981942070 ↩︎
  6. https://neutralitaetsrat.ch ↩︎
  7. https://www.srf.ch/news/international/eu-referendum-island-lehnt-neue-eu-beitrittsgespraeche-ab
    https://www.nzz.ch/international/island-lehnt-eu-beitrittsverhandlungen-ab-gruende-und-folgen-ld.10021623 ↩︎
  8. https://neutralitaetsrat.ch/index.php/ueber-uns/ ↩︎
  9. ibid. ↩︎
  10. https://www.ohchr.org/en/special-procedures/sr-unilateral-coercive-measures ↩︎
  11. Res. 80/209 vom 18 Dezember 2025
    https://docs.un.org/A/80/545 ↩︎
  12. https://www.chinalawvision.com/2026/08/compliance/chinas-counter-sanctions-measures-an-up-to-date-overview/
    https://www.squirepattonboggs.com/insights/publications/china-issues-its-first-blocking-order-prohibiting-the-implementation-of-ofac-sanctions/ ↩︎
  13. https://press.un.org/en/2025/ga12691.doc.htm
    https://www.un.org/en/observances/day-against-unilateral-coercive-measures ↩︎
  14. Alfred de Zayas: “Westphalia, Peace of”, in R. Berndhardt (Hrsg.): Encyclopaedia of Public International Law, Vol. IV, North Holland Publishers, Amsterdam 2000 ↩︎
  15. George F. Kennan: “A Fateful Error”, New York Times, 5. Februar 1997.
    https://www.nytimes.com/1997/02/05/opinion/a-fateful-error.html ↩︎
  16. https://weltwoche.ch/daily/debakel-fuer-die-schweiz-bundespraesidentin-amherd-und-aussenminister-cassis-planten-nicht-weniger-als-eine-friedenskonferenz-auf-dem-buergenstock-die-nun-wegen-einer-absage-nach-der-andere/
    https://weltwoche.ch/daily/spontane-brandrede-fuer-die-schweiz-und-ihre-neutralitaet-haende-weg-von-nato-und-eu-neutralitaet-staerken-weltwoche-abonnieren/ ↩︎
  17. https://www.streamingclarity.global/streamclarity/wp-content/uploads/2025/02/deZayas_Human-Rights-Industry_2023-.pdf ↩︎
  18. https://www.youtube.com/watch?v=dbehRu5KIW0
    https://www.youtube.com/watch?v=LCasVIX-IwA
    https://archive.org/details/mearsheimer-john-j.-why-the-ukraine-crisis-is-the-wests-fault-the-liberal-delusi
    https://www.mearsheimer.com/wp-content/uploads/2019/06/Why-the-Ukraine-Crisis-Is.pdf
    ↩︎